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Potsdam-Mittelmark Mit der Postkutsche auf Grenzsteintour
Lokales Potsdam-Mittelmark Mit der Postkutsche auf Grenzsteintour
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00:36 20.09.2015
Eine Fahrt mit der Postkutsche wird zum Geschichtsausflug. Quelle: Uwe Klemens
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Bad Belzig

Das Reisen in früheren Tagen war, zumindest aus heutiger Sicht, eine Strapaze und eine Erholung zugleich. Sieben bis acht Stunden dauerte beispielsweise eine Postkutschenfahrt über Stock und Stein von Belzig nach Wittenberg. Termindruck, wie man ihn heute kennt, war den glücklichen Reisenden damals vermutlich noch unbekannt. Andererseits wusste man am Ziel genau, was man seinem Sitzfleisch zugemutet hatte. Wer die selbe Tour heute unternimmt, darf sich auf beides freuen.

Mit sechs Stundenkilometer durch die Geschichte

„Das Interesse, in der Postkutsche in die Vergangenheit abzutauchen, wächst“, freut sich Thomas Langer, dessen Unternehmen Flämingtourist seit 2010 Postkutschenfahrten anbietet. Die Fahrt ins geschichtsträchtige Wittenberg, die entlang der ältesten Poststraße durch brandenburgisches Terrain führt, ist die neueste Tour in seinem Programm. In diesem Sommer nahm seine Postkutsche die Strecke zum ersten Mal unter die Räder. An der Bad Belziger Springbachmühle hieß es „Einsteigen bitte!“ Für die Kaltblüter Enya, Abakan, Annabell und Leica, ihren Kutscher René Drews aus Borkwalde und für Thomas Langer begann der Arbeitstag. Für die aus Berlin angereiste Reisegruppe begann der Geschichtsausflug.

Straße mit Geschichte

Der Weg von Belzig über Raben nach Wittenberg ist Bestandteil einer Straße, die bereits im Mittelalter den Havelübergang bei Brandenburg im Norden mit dem Elbübergang bei Wittenberg im Süden verband.

Der Berühmteste, der die Straße zur damaligen Zeit nachweislich nutzte, war der Reformator Martin Luther, der so am 13. Januar 1530 von Wittenberg zur Visitation nach Belzig kam.

1816 wurde die Straße nach damals modernen Maßstäben ausgebaut. Dabei wurden Brücken befestigt und die Fahrbahn durchgängig auf 7,20 Meter Breite ausgebaut.

Mit dem Ausbau des Schienennetzes verlor die Straße ab Mitte des 19. Jahrhunderts an Bedeutung und steht heute unter Denkmalschutz.

Sorgsam hatte Langer die 38 Kilometer lange Strecke zuvor inspiziert und auf Postkutschentauglichkeit untersucht. Denn nur ein Teil der heute unter Denkmalschutz stehenden Heer-, Handels- und Poststraße ist auch heutzutage noch auf historische Weise passierbar. Über einige Streckenabschnitte braust mittlerweile der moderne Verkehr. Andere, durch die Landschaft führende Abschnitte sind nur bei gutem Wetter passierbar, so dass für den Fall der Fälle Ausweichstrecken gefunden werden mussten. Zum Übernachten hatte er In Wittenberg die alte Ausspanne „Schwarzer Bär“ ausfindig gemacht. Noch detailreicher lässt sich eine Postkutschenfahrt wohl kaum gestalten.

Neben der Entschleunigung auf sechs Stundenkilometer und der Landschaft genossen die Fahräste die Ausführungen ihres Reiseleiters. Als studierter Museologe und Archäologe und praktizierender Denkmalpfleger kann Thomas Langer dabei aus dem Vollen schöpfen und grenzenlos über historische Grenzverläufe zwischen Preußen und Sachsen, über Kirchen, Burgen und Siedlungsgeschichte plaudern. Spätestens beim Zwischenstopp an einer der historischen Wegmarken in Form von Grenzsteinen und Postsäulen wird klar, woher der Begriff „Geschichte zum Anfassen“ kommt.

Im Zeitreisenden-Taxi ist Langeweile ein Fremdwort

„Langeweile“, sagt Langer, „gibt es trotz der Dauer der Reise keine. Auch wenn die Tour nicht als Geschichtsunterricht gedacht ist, lernen meine Gäste dabei viel über die Vergangenheit und entdecken unterwegs Sachen, an denen sie alleine wohl achtlos vorbei gefahren wären. Denn der Postwagen folgt nach 150 jähriger Unterbrechung jener Route, der erstmals anno 1703 von der fahrenden Post Kursachsens genutzt wurde. In der durch Eiszeiten geprägte Landschaft gibt es dabei auch heute noch jede Menge zu entdecken.“

Erschöpft aber glücklich kletterten eineinhalb Tage nach ihrer Abfahrt die Postkutschenreisenden an der Springbachmühle wieder aus ihrem Zeitreisetaxi. Anita Dähre und ihre Freunde, die sich seit sechs Jahren jeden Sommer zur Burgentour treffen, hatten sich mit diesem Ausflug einen seit langem gehegten Traum erfüllt.

Von Uwe Klemens

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