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Mit dünnem Seil am Niemegker Himmel

Bei der Reparatur von Windrädern sind starke Nerven gefragt Mit dünnem Seil am Niemegker Himmel

Sie sind Bäcker, Schuster, Schlosser oder Koch und wollten beruflich irgendwann höher hinaus: Die Jungs von der Windradreparaturbrigade. Nun hängt ihr Arbeitsplatz an dünnen Stahlseilen. Zwischen Niemegk und Haseloff kann man sie in diesen Tagen in knapp 100 Metern Höhe bei der Arbeit beobachten.

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Mit Schraubzwingen und Polyesterharz wird der durch Blitzschlag zerborstene Windradflügel wieder in Form gebracht. Zum Genießen der Landschaft hat Michael Lux kaum Zeit.

Quelle: Uwe Klemens

Niemegk. Schnell mal ein vergessenes Werkzeug aus dem Auto holen, ist für Michael Lux ein Ding der Unmöglichkeit. Dafür behält er an seinem Arbeitsplatz auch in kniffligen Situationen immer den Überblick, und um den ausgezeichneten Handyempfang würde ihn sicher so mancher beneiden. Um den Arbeitsplatz selbst hingegen eher nicht. Denn der hängt an vier fingerdünnen Stahlseilen und schwebt in luftiger Höhe. Der gebürtige Eisenacher und seine Kollgen Olaf Wegerich und Marcus Tönnsen sind eine Windrad-Reparaturbrigade und im Auftrag des niederländisch-deutschen Unternehmens Specialbladeservice Deutschland weltweit unterwegs. Seit ein paar Wochen betrachtet das Trio im Windpark zwischen Niemegk und Haseloff die Flämingslandschaft von oben. Zumindest beim Auf und Ab mit acht Metern pro Minute haben sie dafür Zeit.

An die Höhe gewöhnt man sich schnell

„An die Höhe gewöhnt man sich schnell“, sagt Michael Lux, der gelernter Schlosser ist und viele Jahre hinter dem Lenkrad eines Schwertransporters saß. „Nachts bist du nie zu Hause, weil die Konvois immer dann fahren, wenn andere gemütlich Feierabend machen.“ Als er vor zehn Jahren auf einer Windradbaustelle das Angebot zum Umsatteln bekam, musste er nicht lange überlegen. Zumindest die Wochenenden kann er seither daheim im Thüringischen verbringen oder sich beim Einsatz im Ausland die dortigen Sehenswürdigkeiten begucken.

Höhenflug am Seil

Die Firma Specialbladeservices wurde vor 15 Jahren in den Niederlanden gegründet und heute am Standort Bad Bentheim in Deutschland ansässig.

Neben der Wartung und Reparatur von Windkraftanlagen gehört auch deren Inspektion von Innen und Außen zu den angebotenen Dienstleistungen. Spezialisiert hat sich das Unternehmen dabei auf die Reparatur der Rotorblätter und ist dafür weltweit für alle namhaften Hersteller im Einsatz.

Mitarbeiter müssen körperliche Fitness nachweisen, höhentauglich sein und kommunikative und sicherheitsbewusste Teamplayer sein. Wer sich für diesen Beruf interessiert, findet auf der Webseite des Unternehmens unter www.specialbladeservice.com weitere Informationen.

Als Windrad-Mechaniker sind Lux und seine Kollegen wahre Alleskönner. Ob mit Farbeimer und -rolle am doppelten Stahlseil hängend den Anstrich erneuern, Getriebe im Rotorkopf reparieren, elektrische Leitungen im Windradturm erneuern oder mit der Arbeitsbühne Rotorblätter nach Blitzeinschlägen ausbessern – das Leistungsspektrum ist vielseitig.

Wer schwindelfrei ist, kommt bis nach Japan

Auf die Rotorblatt-Reparatur hat sich das Unternehmen seit Jahren spezialisiert. In Niemegk sind es 15 Anlagen, an denen die Experten Risse und Löcher in den Rotorblättern beseitigen müssen. Mit Zweikomponenten-Kleber auf Polyester- oder Epoxydharzbasis werden deren zerfledderte Kanten und die durch Blitzschlag verursachten Löcher Schicht für Schicht wieder aufgebaut. „Das ist zwar aufwendig, aber immer noch preiswerter, als das ganze Blatt auszutauschen“, erklärt Olaf Wegerich. Durch die große Hitze, die bei einem Blitzeinschlag entsteht, dehnt sich die Luft immer Inneren des Blattes aus und wählt dabei meist den Weg über die dünnen Außenkante. Auch ein in der Mitte durchtrenntes Blatt haben die schwindelfreien Jungs in einem japanischen Windpark wieder komplett ersetzt.

Langsam schwebt die Arbeitsbühne in die Höhe

Langsam schwebt die Arbeitsbühne in die Höhe

Quelle: Uwe Klemens

Da Michael Lux am längsten dabei ist, hat er von der Welt schon am meisten gesehen. Windparkbetreiber in England, Schottland und in den USA setzen auf das Können der Spezialisten. Die größten Windräder, die sie bestiegen, waren 160 Meter hoch, das niedlichste, aus der ersten Windradgeneration stammend und deshalb liebvoll „ Dinosaurier der Windradgeschichte“ genannt, knapp 25 Meter.

Monteure werden so oft gecheckt, wie die Windräder

Je nach Vertrag, den ein Windradbetreiber mit seiner Versicherung abgeschlossen hat, müssen die Anlagen im ein- bis zweijährigen Turnus auf Schäden kontrolliert werden. Regelmäßige Gesundheits- und Höhentauglichkeitschecks und die Erneuerung der Zulassung als Industriekletterer stehen für die Jungs genauso oft auf dem Programm.

Das reparierte Windblatt fest im Griff

Das reparierte Windblatt fest im Griff.

Quelle: Uwe Klemens

Quereinsteiger in ihrem Job sind sie allesamt, da es den bislang noch nicht als Lehrberuf gibt. „Bäcker, Maler, Köche – in unserer Firma ist alles vertreten“, sagt Wegerich, der eigentlich Zimmermann ist und von Michael Lux angeworben wurde. Für Marcus Tönnsen war der Dienst bei der Marine eine gute Vorübung für die Arbeit auf der schaukelnden Arbeitsplattform. Auch wenn ihr Arbeitsplatz am dünnen Seil hängt wissen sie: Den Job nimmt ihnen so schnell niemand weg.

Von Uwe Klemens

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