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Potsdam-Mittelmark „Mutti, ich fahre ins Büro“
Lokales Potsdam-Mittelmark „Mutti, ich fahre ins Büro“
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00:33 15.10.2015
Katharina Vogt nimmt die Lerntagebücher ihrer Deutschschüler entgegen. Quelle: Frank Büstenbinder
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Ziesar

Nico und Paul sind in die Biografie von Udo Lindenberg eingetaucht. Sie wollen verstehen, warum der Deutschrocker in einem Song die Frage stellt: „Wozu sind Kriege da?“ Ihnen gegenüber sitzen Peter und Patrick. Sie brüten lieber über Adjektive. Die verschiedenen Wortarten sind gerade das große Thema in Grammatik. Auf den Flur zurückgezogen haben sich Adriana und Saskia. Die beiden Mädchen schreiben an einer Geschichte, die sie vortragen wollen.

Radikal verändert hat sich für Siebtklässler die Doppelstunde Deutsch in der Thomas-Müntzer-Schule in Ziesar. Mit Beginn des neuen Schuljahres wurde der Frontalunterricht abgeschafft. An der Tafel steht kein Lehrer mehr, der schlechten Schülern immer alles erklärt, während sich die anderen langweilen. Gefragt werden erst die Mitschüler. Womit sich die Mädchen und Jungen im Unterricht beschäftigen, entscheiden sie selbst. Sie dürfen sich auf dem Flur beraten, sich beim Lesen per Kopfhörer mit Musik berieseln lassen und Wasser trinken, so oft sie wollen. „Mutti, ich fahre ins Büro“, heißt es nun, wenn sich die Landkinder zum Schulbus verabschieden.

Wie im Büro: Die Aktenordner der Schüler mit den Arbeitsmaterialien bleiben im Raum. Quelle: Frank Bürstenbinder

Raum 223 im ersten Stock der Gesamtschule ist kein Klassenzimmer mehr, sondern ein Lernbüro. Macht jetzt jeder, was er will? Und wie werden die Leistungen kontrolliert? Katharina Vogt kennt die skeptischen Fragen der Eltern zum Schulanfang. Seit 30 Jahren steht die Pädagogin vor der Klasse. Auch für sie ändert sich gerade die Welt des Unterrichts. Der Lehrer wird vom Vorturner zum Lernbegleiter. „Die Wissensvermittlung in einem Lernbüro ist zwar sehr individuell, aber nicht grenzenlos frei“, sagt die Deutschlehrerin. Katharina Vogt zeigt auf eine Wand, wo Regeln angepinnt sind. „Ich erscheine pünktlich“ oder „Ich gehe sorgsam mit den Arbeitsmaterialien um“, steht da zu lesen.

Lehrplan bleibt gültig

Auch in einem Lernbüro müssen sich die Pädagogen an den Rahmenlehrplan halten. Deshalb dürfen sich die Schüler zwar ihren Lernbaustein für die nächsten Tage zunächst aussuchen. Am Ende müssen sie aber alle in einem Schuljahr angebotenen Themen abarbeiten. Zur Kontrolle gibt es keine einheitlichen Klassenarbeiten mehr, dafür sind regelmäßige Tests fällig, mit denen jede Lerneinheit abschließt. Als Lohn gibt es Zertifikate, eine Art Beurteilung. Am Ende des Unterrichts füllen Peter, Patrick, Vivian, Alexander und die anderen aus der 7 b ihr Lerntagebuch aus – ein Tätigkeitsnachweis für die Stunden im Lernbüro.

Es ist die gefühlte Mitbestimmung, die Siebtklässler zum Lernen anspornen und zu besseren Leistungen bringen soll. Die Stärkeren ziehen die Schwächeren mit. In jahrgangsübergreifenden Lernbüros kümmern sich Ältere um jüngere Schüler. Doch so weit ist es in Ziesar nach sechs Wochen noch nicht. Katharina Vogt und ihre Deutsch-Kollegin Elke Droste leisten Pionierarbeit. Sie müssen einen hohen Aufwand für die Vor- und Nachbereitung betreiben. Von ihrem Engagement profitiert die nächste Generation. Schulleiterin Kerstin Riemer strebt an die Lernbüros zu einem Alleinstellungsmerkmal und damit zu einem Aushängeschild für die Klassen 7 bis 9 machen. Ziesar will sich mit einer höchst individuellen Schule empfehlen. Kerstin Riemer glaubt, dass die Herausforderungen der Zukunft mit Inklusion und Integration anders kaum zu schaffen sind.

Rückendeckung vom Schulamt

Den Klassenverband von früher gibt es nicht mehr. „Normal entwickelte Mädchen und Jungen sitzen zusammen mit Förderschülern, fremdsprachigen Kindern und Schülern mit Lese-Rechtschreibschwäche in einem Raum. Lernbüros helfen uns viel besser auf die Stärken und Schwächen des Einzelnen einzugehen“, sagt die Schulleiterin. Zuspruch für die neue Lernform gibt es aus dem Landesamt für Schule und Lehrerbildung. „Ich freue mich, dass sich die Kollegen in Ziesar Gedanken machen, wie der Standort für die Zukunft attraktiver gemacht werden kann. Nicht jede Schule muss diesen Weg wählen. Für Ziesar sind Lernbüros ein wichtiges Zeichen nach außen“, meint die für Mittelmarks weiterführende Schulen zuständige Schulrätin Iris Gerloff.

Von Frank Bürstenbinder

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