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Nazigrößen waren Ehrenbürger von Teltow

Joseph Goebbels und Wilhelm Kube haben Urkunden erhalten Nazigrößen waren Ehrenbürger von Teltow

Bisher war davon ausgegangen worden, dass die Stadt Teltow nur einmal eine Ehrenbürgerurkunde verliehen hat – an Landrat Ernst von Stubenrauch. Jetzt belegen Forschungen, dass auch Reichspropagandaminister Joseph Goebbels bis zu seinem Tod 1945 Ehrenbürger war. 

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Teltows bekanntester Ehrenbürger war einer der Haupttäter des Hitlerregimes: Joseph Goebbels.

Quelle: Archiv

Teltow. Bisher war davon ausgegangen worden, dass die Stadt Teltow nur ein einziges Mal eine Ehrenbürgerurkunde verliehen hat, und zwar 1906 an den Landrat Ernst von Stubenrauch (1853‒1909).Auf dem Teltower Marktplatz steht ein Brunnen mit der Büste Stubenrauchs. Er wurde vor allem für die Initiative zum Bau des Teltowkanals gewürdigt, der die Wirtschaft nachhaltig voranbrachte.

Aber Teltow hatte noch mehr Ehrenbürger. Darüber informierte am Dienstagabend im nach Stubenrauch benannten Rathaussaal die Arbeitsgruppe Ehrenbürger. Vorausgegangen waren umfangreiche Forschungen, insbesondere der Historikerin Gabriele Bergner. Ihre Liste umfasst ‒ von der Kaiserzeit bis 1975 ‒ sechs Namen, darunter zwei prominente Vertreter des Naziregimes: Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (1897‒1945) und Wilhelm Kube (1887‒1943), der als Leiter der Zivilverwaltung in Minsk mitverantwortlich war für die Ermordung Zehntausender Juden. Außerdem wurden der erste Teltower Nachkriegsbürgermeister Albert Wiebach (1893‒1974), der Institutsleiter und Präsident des Nationalrats der Nationalen Front der DDR, Erich Correns (1896‒1981) und der ehemalige Rotarmist Konstantin Fjodorowitsch Tschaika (1923‒1995) Ehrenbürger.

Sichtbares Entsetzen breitete sich nicht aus unter den Zuhörern angesichts dessen, dass Goebbels und Kube bisher niemand die Ehrenbürgerschaft aberkannt hatte. Sie erlischt mit dem Tod des Geehrten. Für Bürgermeister Thomas Schmidt (SPD) ist dies aber zweitrangig. Er kündigte an, dass sich die Stadtverordnetenversammlung mit dem Thema befassen werde. Bei einer spontanen Abstimmung unter dem Publikum wurde das Vorhaben klar unterstützt. Durchaus erstaunt zeigte sich Schmidt, dass keiner seiner Vorgänger sich mit dieser dunklen Seite in der Stadtgeschichte beschäftigt habe.

Goebbels und Kube hatten die Ehrenbürgerwürde ‒ nicht nur in Teltow ‒ wohl vor allem verliehen bekommen, weil sich die Kommunalpolitiker den Naziherrschern andienen wollten. Zu einer Diskussion darüber, inwieweit die anderen Geehrten aus heutiger Sicht zu beurteilen sind, kam es zunächst nicht.

Nach Albert Wiebach ist in Teltow eine Straße benannt, Bemühungen, auch einer Schule seinen Namen zu geben, hatten aber keinen Erfolg. Der Historiker Jens Leder erklärte, dass Wiebach das Verdienst zukomme, in der NS-Zeit Widerstand geleistet und nach dem Krieg unter schweren Bedingungen das Leben in der Stadt reorganisiert zu haben. Erich Correns, der aus bürgerlichen Verhältnissen stammte, wurde von seinem Enkel als herausragender Wissenschaftler und guter Familienvater beschrieben. Correns sei immer stolz darauf gewesen, in keiner Partei zu sein, sagte sein Enkel Andreas Correns. Unstrittig ist, dass Correns’ Institut für Faserstoffchemie sehr erfolgreich war. Ein besonders sympathisches Bild wurde vom vorerst letzten Ehrenbürger Teltows gezeichnet. Bernd Muck von der Brandenburgischen Freundschaftsgesellschaft hatte als Entwicklungsingenieur des Carl-von-Ossietkzy-Werkes mehrmals Gelegenheit, Konstantin Fjodorowitsch Tschaika bei seinen Besuchen in der DDR als Betreuer und Dolmetscher zu begleiten. Muck berichtete nicht nur, dass Tschaika sehr humorvoll und sportlich gewesen sei, er verwies auch darauf, dass der Mensch Tschaika, wie jeder Mensch, unter den Bedingungen seiner Zeit zu bewerten sei. Die Teltower sollten die Verleihung der Ehrenwürde als ein positives Ereignis in der Stadt sehen und ihm ein würdiges Andenken bewahren.

Diese Gedanken dürften auch eventuelle weitere Diskussionen zu den Ehrenbürgern bestimmen. Jedenfalls sehen die Veranstalter in der Bewertung der Geehrten aus heutiger Sicht einen interessanten Aspekt des Abends.

Teltow ist nicht die einzige Stadt, die sich plötzlich damit konfrontiert sieht, über frühere Ehrenbürgerschaften zu reden. Am selben Abend, als im Stubenrauchsaal referiert wurde, hat die Stadt Goslar (Niedersachsen) Adolf Hitler die Ehrenbürgerwürde aberkannt. Ein Sprecher sagte, die Verwaltung sei davon ausgegangen, dass die Ehrenbürgerschaft des Diktators mit dessen Tod erloschen sei. Zu Lebzeiten hatten Hitler rund 4000 Kommunen die Ehrenbürgerwürde verliehen.

Die Stadt Potsdam bekennt sich auch zu einem finsteren Kapitel ihrer Vergangenheit. Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847‒1934) wurde nicht von der Ehrenbürgerliste gestrichen. Allerdings soll sein Name mit einem Kommentar versehen werden, in dem sich die Stadtverordneten von der damaligen Ehrbezeugung für den "Steigbügelhalter Hitlers" klar distanzieren.

Von Stephan Laude

Die Ehrenbürger von Teltow

Ernst von Stubenrach
Der Jurist wurde im August 1885 von Kaiser Wilhelm I. in sein Amt als Landrat des Kreises Teltow eingeführt. Der ehrgeizige Beamte war fest entschlossen, im Interesse der Bewohner bei der Verwaltung und Förderung der Entwicklung des Kreises neue Wege zu gehen. Eine besonders bedeutende Arbeit waren die Planung und der Bau des Teltowkanals von 1900 bis 1906. Damit war die Ansiedlung von Industrie verbunden, Teltow profitiert davon bis heute. Als der Bau fertig war, wurde Stubenrauch zum Ehrenbürger ernannt.

Wilhelm Kube
Kube hat Geschichte, Sozialwissenschaften und Kirchengeschichte studiert. Von 1928 bis 1933 machte er Karriere in der NSDAP. 1933 zog er in den Reichstag ein, 1934 wurde er Ehrenbürger. 1936 wurde seine Karriere im Zusammenhang mit einer Affäre unterbrochen. 1940/41 war er SS-Wachmann im KZ Dachau. Später, als Generalkommissar in Weißrussland, hat er die Ermordung Zehntausender Juden unterstützt. Kube kam 1943 bei einem Attentat seiner russischen Hausangestellten ums Leben.

Joseph Goebbels
Teltows bekanntester Ehrenbürger war einer der Haupttäter des Hitlerregimes. In seinem „Bogensee-Tagebuch“ wird Teltow einige Male erwähnt, auch dass er 1936 Ehrenbürger wurde. Anlass war der zehnte Jahrestag der Gründung der NSDAP-Ortsgruppe. Überreicht wurde die Urkunde zu Goebbels Geburtstag am 29. Oktober 1936. Nach Schätzungen war Goebbels Ehrenbürger von mindestens 1000 Städten und Dörfern. Ihre Vertreter wollten damit ihre Verbundenheit mit dem Nationalsozialismus unterstreichen.

Erich Correns
Erich Correns war in der DDR vor allem als Präsident des Nationalrats der Nationalen Front bekannt (1950–1981). Hauptamtlich war er aber Leiter des Instituts für Faserstoffchemie in Teltow, bereits seit den 1920er Jahren war Correns auf dem Gebiet der Kunstfaser-Entwicklung tätig. Er war Inhaber mehrerer Patente und ist nach Angaben seines Enkels Andreas Correns immer stolz darauf gewesen, in keiner Partei zu sein. Correns war in erster Ehe mit einer Jüdin verheiratet, die in Gestapo-Haft starb.

Albert Wierach
Teltows erster Bürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg war zunächst Gärtner in Berlin. Während der Nazizeit hatte er Widerstand geleistet und rund anderthalb Jahre in Gestapo-Haft gesessen. Als Bürgermeister hatte er vor allem, damit zu tun, die Wiederherstellung der zerstörten Infrastruktur und die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln zu organisieren. Er hatte das Amt nur ein dreiviertel Jahr inne. Danach war er auf landwirtschaftlichem Gebiet tätig. So half er, die Kollektivierung der Landwirtschaft durchzusetzen.

Konstantin F. Tschaika
Konstantin Fjodorowitsch Tschaika wurde in der Nähe von Odessa geboren und war während des Zweiten Weltkriegs beim Kampf um den Teltowkanal dabei, wo er schwer verwundet wurde. Später war er im Parteiapparat der KPdSU tätig. Dabei unterstützte er in den 1970er Jahren die DDR-Bauleute an der Erdgastrasse „Drushba“. Er besuchte mehrmals Betriebe und Armee-Einheiten in Teltow und der Region. Bei den Treffen zeigte er sich Teilnehmern zufolge als sehr humorvoller und fesselnder Gesprächspartner.

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