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Niebel: Reptilien-Auffangstation gibt auf

Genug vom täglichen Kampf Niebel: Reptilien-Auffangstation gibt auf

Acht Jahre lang gab es in Niebel eine Auffangstation für Reptilien aller Art. Wie eine Arche sicherte sie bis zu 120 Tieren ein artgerechtes Überleben. Patrizia Romanazzi hat gegen geldgierigen Züchter, verantwortungslosen Halter und kompetenzsüchtige Vereine für ihre Tiere gekämpft. Das hat sie zermürbt. Nun wirft die Tierärztin das Handtuch.

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Patrizia Romanazzi mit einer Königspython, die bei ihr lebenslanges Bleiberecht genießt.

Quelle: Uwe Klemens

Niebel. „Es gibt keine Aussicht, keine Lösung“, sagt Patrizia Romanazzi mit einer Mischung aus Traurigkeit und Resignation. Der vor elf Jahren gegründete Verein Reptilienstation steht vor seiner Auflösung. Die Terrarien und Becken, die in Hochzeiten bis zu 120 Tieren einigermaßen artgerechte Lebensbedingungen boten, sind größtenteils leer. Der jahrelange Kampf mit Behörden, konkurrierenden Tierschützern und uneinsichtigen Züchtern hat müde gemacht. Nun hat die 48-jährige Tierärztin, die 2007 mit ihrer Familie nach Niebel kam, das Handtuch geworfen.

Erste Erfahrungen mit Reptilien in der Uni-Klinik gesammelt

Die Anfänge der Station liegen 17 Jahre zurück. „Irgendwann stand die erste Kiste mit Schildkröten vor meiner Tür“, sagt Romanazzi, die damals noch in Berlin lebte und als Tierärztin praktizierte. In ihrer Zeit an der Uni-Tierklinik in Berlin-Düppel hatte sie bereits umfangreiche Erfahrungen mit Tieren sammeln können, die normalerweise nicht zu den Stammpatienten einer Tierarztpraxis gehören. Große und kleine Wildvogelarten, Raubkatzen und Reptilien gehörten dazu.

Handel bedroht Tierarten

Reptilien und Amphibien werden auf Tierbörsen, im Internet und im Zoohandel verkauft. „Modetiere“ wie Kornnattern oder Bartagamen sind schon ab zehn Euro erhältlich. Käufer verfügen oft keine Infos über die notwendigen Haltungsbedingungen.

Reptilien sind in keinster Weise an ein Leben mit dem Menschen angepasst. Der Kontakt zum Menschen, schon alleine der Sichtkontakt, kann für Wildtiere extremen Stress und Angst bedeuten.

Eine Fallstudie von Tierärzten kam zu dem Ergebnis, dass 51 Prozent der untersuchten Tiere aufgrund von Haltungsfehlern verstorben waren.

Doch nicht nur in der Privathaltung sterben viele Tiere frühzeitig. Die Tierschutzorganisation PETA ermittelte, dass im Handel Verlustraten von 70 Prozent als normal gelten. Beim weltweit agierenden Großhändler USGE wurden 80 Prozent kranker, verletzter oder toter Tiere festgestellt.

Der internationale Handel bedroht zahlreiche Tierarten. Selbst dort, wo der Schutzstatus gegeben ist, fehlt es oft an Kontrollen und staatlicher Durchsetzung.

Bei der einen Kiste sollte es nicht lange bleiben. „Wenn die niedlichen Leguane oder die süßen Schildkröten aus der Tierhandlung oder vom Schwarzmarkt größer werden als vom Händler versprochen, merken viele Halter, dass sie den Tieren nicht die Bedingungen bieten können, die sie brauchen“, sagt Romanazzi.

Diejenigen, die ihre vermeintlichen Lieblinge vor der Tierarzttür entsorgen, sind dabei noch die vergleichsweise Verantwortungsbewussten. Hochrechnen, wie viele Tiere lebenslang unter engen Buchten, ungeeignetem Klima und mangelnder Zuwendung leiden müssen, umgebracht oder einfach ausgesetzt werden, mag Patrizia Romanazzi nicht. Die vor einiger Zeit in Beelitz ausgesetzte Würgeschlange nennt sie als krasses Beispiel.

In Niebel eine geeignete Bleibe gefunden

Da viele der bei ihr abgestellten oder manchmal auch abgegebenen Reptilien zu den geschützten Arten gehören, für deren Handel und Besitz strenge Auflagen gelten, sorgte sie sich zugleich um die rechtliche Seite. Zusammen mit knapp 20 weiteren Mitstreitern gründete sie 2004 den Verein Reptilienstation. Als es in dessen Quartier in Berlin zu eng wurde, suchte sie nach einer geeigneteren Bleibe für sich und ihre Lieblinge. Vor acht Jahren kam sie nach Niebel, das auf einen Schlag plötzlich mehr tierische als menschliche Einwohner hatte.

Anders als Berlin, wo es für sie schwer war, einen guten Draht zu den Tierschutzbehörden zu finden, hat sie hier meist gute Erfahrungen gemacht. Doch auch in der Provinz sind den Ämtern oft die Hände gebunden, wenn es darum geht, illegale Zucht und Handel zu unterbinden. „Klare Ansagen vom Amt könnten viel bewirken, aber deren Mitarbeiter haben viele Aufgaben und können nicht alles kontrollieren“, sagt sie.

Mehr Streit als Zusammenarbeit

Zu den beständig wiederkehrenden Enttäuschungen gehöre, dass sich Tierhalter nicht an die Vereinbarungen halten. Denn der Verein vermittelt seine Tiere nur wenn er überzeugt ist, dass es dem Tier nach erfahrenem Leid besser gehen und es keinesfalls weiterverkauft wird. „Wenn ich erfahre, dass dem nicht so ist, habe ich als Privatperson oder wir als Verein dagegen keine wirkliche Handhabe“, sagt Romanazzi resigniert. Das Kompetenzgerangel innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT), die als bundesweiter Dachverband agiert, habe für sie das Fass zum Überlaufen gebracht.

Plötzlich hätten andere entscheiden wollen, ob und zu welchen Bedingungen Patrizia Romanazzi Tiere weitervermitteln darf. „Oft gab es mehr Streit als Zusammenarbeit.“ Fünf Königspythen, die sie in gute Haltungsbedingungen vermittelt hatte, mussten deshalb wieder zurück und verweigerten wegen der ständigen Unruhe das Futter. Nur mühsam konnte die Tierärztin sie wieder aufpäppeln. Als letzte Reptilien der einstigen Auffangstation genießen sie nun Bleiberecht bis ans Ende ihrer Tage.

Von Uwe Klemens

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