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"Niemand muss Angst vor uns haben"

Dekra-Experte über seine Erlebnisse beim Auto prüfen "Niemand muss Angst vor uns haben"

Nico Gudat ist Leiter der Außenstelle Brandenburg an der Havel. Sie gehört zur Dekra-Niederlassung Potsdam. Im MAZ-Interview schildert der diplomierte Ingenieur seine Erlebnisse in der Prüforganisation. Gesehen hat er schon so einige abenteurliche, selbst geflixte oder aufwendig umgebaute Autos.

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Quelle: André Wirsing

Brandenburg an der Havel. MAZ : Wie viele Autos haben Sie im Jahr unter der Prüflampe?
  Nico Guda t : Im vorigen Jahr gab es 41.300 Prüfungen, davon 5.500 in unserer Halle, der Rest in den Prüfstützpunkten in Autohäusern und Werkstätten. Unser Einzugsbereich erstreckt sich von Rhinow/Rathenow bis Treuenbrietzen/Jüterbog.
 
  Aber Sie nehmen nicht nur Haupt- und Abgasuntersuchungen vor?
  Gudat : Nein, parallel bearbeiteten wir noch 1700 Schadengutachten, also beispielsweise Reparaturbegleitung oder Motorschäden.
 
 Kam es schon einmal vor, dass Sie einen Wagen nicht wieder vom Hof gelassen haben?
  Gudat : Nein, das dürfen wir nicht. Wir entfernen die Prüfplakette, schreiben das Fahrzeug als verkehrsunsicher und melden dies der Zulassungsstelle. Die Behörde muss bei Bedarf den Wagen stilllegen. Aber nur 0,06 Prozent der Fahrzeuge sind wirklich verkehrsunsicher.
 
  Was war für Sie persönlich das schlimmste Vehikel, das ihnen untergekommen ist?
  Gudat : Das war ein Sattelaufliegerzug aus Litauen, der auf der Autobahn A9 von der Polizei sichergestellt wurde. Den haben wir in der Scania-Werkstatt begutachtet und sind fast in Ohnmacht gefallen. Der Wagen war mit weit über 40 Tonnen beladen, die erste von den drei Achsen war komplett abgerissen und mit Spanngurten hochgebunden. Der Auflieger hat komplett nicht gebremst, alle vier Bremsen waren hinüber. Dass der das so weit geschafft hat ohne einen schweren Unfall ist ein Wunder.
 
  Und bei den Pkw?
  Gudat : Einen Opel Vectra werde ich nie vergessen. Den hatten wir aufgebockt und wollten ihn anheben. Als die Bühne schon in 50 Zentimetern Höhe war, stand es noch mit allen vier Rädern auf dem Boden. Die Bodengruppe war komplett durchgerostet, der Fahrer hat sie mit Mullbinden und Gips nachmodelliert und schwarz angestrichen. Die Rostlaube hat auf der Bühne einfach aufgegeben.
 
  Was sind denn die häufigsten Mängel, die Sie registrieren?
  Gudat : 63 Prozent der Fahrzeuge sind ohne Mängel, 16 Prozent haben geringe, weitere 20 Prozent erhebliche Mängel. Hier im Osten ist der Fahrzeugpark relativ neu, das merkt man. Erfahrungsgemäß ist nach sieben Jahren so eine Art Wendepunkt, an dem die Macken beginnen.
 
 Also das verflixte siebte Jahr?
  Gudat : Das kann man so sagen. Wenn wir Mängel feststellen, sind es zu 23 Prozent welche an der Lichttechnik. Jeder fünfte Mangel besteht an Bremsen, 15 Prozent der Mängel sind Schäden an den Achsen oder Achsaufhängungen. Das ist ja auch kein Wunder, wenn man sich manche Straßen anschaut. Mängel an der Lenkung beispielsweise gibt es nur in 3,5 Prozent aller Fälle.
 
  Wie einsichtig sind denn die Brandenburger, wenn Sie ihnen die Mängel aufzählen?
  Gudat : Die meisten unserer Kunden diskutieren nicht oder nur wenig, sie sind einsichtig, einige sogar dankbar. Schlimmer sind da die Vertreter des freien Autohandels; alles was Kosten verursacht, wollen sie nicht so gerne annehmen.
 

Kommen wir zum Thema Tuning und Anbauten. Das meiste davon ist doch genehmigungspflichtig?
  Gudat : Es ist alles genehmigungspflichtig, was eine allgemeine oder EG-Betriebserlaubnis verlangt – also Anhängezugvorrichtungen, Felgen oder Karrosserie. Zumeist wird ein Teile- oder Festigkeitsgutachten verlangt. Auch beim Ändern der Fahrwerke, muss der Wagen geprüft werden: Tieferlegen und breitere Reifen gehen meist parallel einher.
 
 Gibt es eine einfache Formel, um zu bewerten, welche Änderungen genehmigt werden müssen?
  Gudat : Die Faustregel lautet, alles was Änderungen in der Steuer- oder Führerscheinklasse nach sich zieht, wenn Maße und Gewichte sowie Leistung (Tuning) verändert wird, ist zu prüfen und abzunehmen.
 
 Welcher war denn für sie der „heißeste“ Umbau?
  Gudat : Das war ein serienmäßiger Audi A 3 mit 1,8 Liter-Motor. Der wurde auf fünf Zylinder mit 2,2 Litern und 550 PS umgestellt. An dem Wagen war alles umgebaut, neue Achsen, Keramikbremsen von Porsche, Sportsitze, Überrollkäfig – das volle Programm. Der Besitzer hat alles selber gemacht, das war ein VW-Schrauber. Er hat vorher immer gefragt, wir haben den Umbau begleitet. Das war der größte Umbau, den ich gesehen habe. Der Mann hat Sachverstand und brachte alle Nachweise.
 
 Und die wurden alle in die Papiere übertragen?
  Gudat : Natürlich war die Zulassung dann auch zwei Seiten lang.
 
 Nun gibt es im Autoteilehandel und vor allem im Internet auch viel Unsinn zu kaufen. Empfiehlt es sich, bei Ihnen vorher nachzufragen, bevor man umsonst viel Geld ausgibt?
  Gudat : Auf jeden Fall. Das raten wir jedem. Im Internet sind auch viele schwarze Schafe zu finden, die werben dann mit „TÜV-frei“. Vor allem bei Tuningteilen für die Karosserie ist es wichtig, dass diese auf Festigkeit, Splitterschutz und Entflammbarkeit geprüft werden. Diese teuren Test wollen einige Hersteller vermeiden.
 
 Wo sollte man noch argwöhnisch sein?
  Gudat : Bei Ebay-Gebrauchtteilen wäre ich vorsichtig. Bekomme ich dort Navigationsgeräte oder Airbag-Lenkräder offeriert, sind diese mit hoher Wahrscheinlichkeit aus gestohlenen Autos.
 
 Sollte man generell einen Ausdruck machen oder den Internet-Link zu ihnen mitbringen, um sich beraten zu lassen?
  Gudat : Wir schauen nach den Prüfzeugnissen in unserer riesigen Datenbank, kennen dann auch Auflagen und Verwendungskriterien. Wer nicht zu uns kommen will, sollte wenigstens immer nach Prüfzeugnissen fragen.
 
 Wie verhält es sich mit dem Thema Chiptuning?
  Gudat : Das ist heute kein Thema mehr. Viele Hersteller haben ihre Sportabteilungen wie AMG, Brabus, Abt und andere. Zudem sind viele Serienmodelle von Haus aus genügend motorisiert. So ein Chip-Einbau zieht ja auch Kosten und Unsicherheiten nach sich – das geht los beim Melden an den Versicherer bis hin zum möglichen Erlöschen von Garantie- und Kulanzansprüchen.
 
 Muss man eigentlich mit schlotternden Knien zu Ihnen kommen?
  Gudat : Es muss niemand Angst vor der Hauptuntersuchung haben. Selbst bei einem negativen Ergebnis sagen wir den Fahrzeughaltern, wie es richtig geht und dass es zu ihrer Sicherheit ist.
 

Interview: André Wirsing

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