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Niemand will mehr Drachensteigen

Locktow Niemand will mehr Drachensteigen

Das Drachenfest auf dem Flugplatz Locktow ist zu einer beliebten Tradition geworden. Auch zur 18. Auflage am vergangenen Wochenende kamen wieder zahlreiche Besucher mit ihren eigenen Fliegern. Neue und vor allem junge Mitglieder für das Drachensteigen zu finden, wird allerdings immer schwieriger, berichten die Veranstalter aus Berlin und dem Hohen Fläming.

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Gar nicht so einfach: Wer den Drachen in die Luft bringen und dort behalten will, braucht Übung.

Quelle: Victoria Barnack

Locktow. Bedeckter Himmel, 14 Grad Celsius, Windstärke 4. „Das Wetter ist genial“, sagt Frank Miklis am Sonntagnachmittag. Die Regenschauer vom Vormittag sind verschwunden, die ersten Familien auf dem Flugplatz bei Locktow angekommen. Wolken sind wichtig für die Drachensportler, denn ohne sie gibt es keinen Wind.

Nach dem Sturm am Donnerstag meinte es Petrus am Wochenende also doch noch gut mit Flugplatzchef Frank Miklis, der gleichzeitig Organisator des Locktower Drachenfestes ist. „Die Veranstaltung ist mittlerweile fast ein Selbstläufer“, erzählt er. Die Locktower helfen bei der Essensversorgung, regionale Sponsoren sichern die Finanzen, professionelle Drachensportler aus Berlin färben den Himmel alle Jahre wieder bunt.

Nur ein Problem haben Miklis und seine Mitstreiter vom Drachenclub Hoher Fläming. „Es fehlt uns an Nachwuchs“, sagt er. Der Grund? „Wahrscheinlich sitzen sie lieber drinnen vor dem Computer“, vermutet Manuel Berzt. Der 35-jährige Berliner ist einer der Stammgäste des Locktower Drachenfestes. Als Jugendlicher entdeckte er das jahrzehntealte Hobby für sich und gab sein Konfirmationsgeld lieber für einen teuren Lenkdrachen als einen modernen PC aus.

Manuel Bertz kennt alle Tricks, um einen Drachen hoch steigen zu lassen

Manuel Bertz kennt alle Tricks, um einen Drachen hoch steigen zu lassen. Das Hobby betreibt er seit fast 20 Jahren.

Quelle: Victoria Barnack

„Angefangen hat alles mit einem Supermarkt-Drachen“, erinnert er sich, „Super Mario war da drauf. Das fand ich toll.“ Die Faszination des Drachensteigens ließ Manuel Bertz danach nie wieder los. Inzwischen besitzt er gleich mehrere Modelle, jeweils hunderte Euro teuer oder in wochenlanger Arbeit selbst genäht.

„Als Jugendlicher saß ich oft stundenlang in Marienfelde und habe den Anderen zugesehen, bis ich endlich den Mut gefasst hatte, sie anzusprechen“, erzählt Bertz. So lernte er Rainer Timm kennen. Timm leitet das Rixdorfer-Drachen-Team, das das Locktower Drachenfest inzwischen mitveranstaltet. Außerdem war Timm lange Verkäufer in einem Berliner Drachenladen. „Da bin ich also genau beim Richtigen gelandet“, sagt Manuel Berzt, „denn gleich beim ersten Flug mit meinem neuen Lenkdrachen ist eine Stange gebrochen.“ Timm brachte ihm später nicht nur das Flicken der Drachen bei. „Früher bin ich nach der Schule direkt zu ihm in den Laden gefahren und habe stundenlang genäht“, sagt Bertz.

Die Haie und Quallen, die am Wochenende den Himmel nahe Locktow schmückten, haben die Drachensportler selbst genäht

Die Haie und Quallen, die am Wochenende den Himmel nahe Locktow schmückten, haben die Drachensportler selbst genäht.

Quelle: Victoria Barnack

Was ihn damals wie heute so sehr am Drachensport fasziniert, ist schnell gesagt. „Ich wollte raus in die Natur“, erzählt der 35-Jährige. Warum Jugendliche das heute offenbar nicht mehr wollen, können Berzt und seine Kollegen sich nicht erklären, auch nicht Rainer Timm, von dem Manuel Bertz so viel gelernt hat. „Dabei ist doch so viel Faszinierendes an unserem Sport“, sagt Timm, als wollte er sich selbst davon überzeugen, „so schöne Sachen, die Otto Normal gar nicht kennt.“

Rainer Timm muss es wissen. Denn das Berliner Drachensport-Urgestein kennt die Historie seines Hobbys wie aus der Westentasche. Als Moderator beim Locktower Drachenfest erzählt er den Besuchern beispielsweise, dass das Drachensteigen aus Asien stammt und erst in Kriegszeiten auch in Europa beliebt wurde. „Es wurde beim Britischen Militär eingesetzt“, erzählt er. Der Engländer Samuel Franklin Cody ließ sich ein System, bei dem Menschen in übergroßen Drachen in die Lüfte gehoben wurden, sogar patentieren. Im Krieg sollte es genutzt werden, um Feinde auszuspionieren.

„Aber eigentlich ist das viel zu gefährlich“, fügt Rainer Timm an. Bauen können er und seine Vereinskollegen ähnliche Modelle zwar noch immer, „aber unser Wissen will von den jungen Leuten heute kaum noch jemand haben“, sagt er.

Von Victoria Barnack

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