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Niemegk Skandalmüllberge sind endlich komplett abgeräumt
Lokales Potsdam-Mittelmark Niemegk Skandalmüllberge sind endlich komplett abgeräumt
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17:57 15.04.2019
Auf der einstigen Müllanlage in Neuendorf begleitet Oliver Müller vom Naturparkverein nun die Anpflanzungen. Das freut auch Bürgermeister Ralf Rafelt (re.)
Neuendorf

Es ist geschafft. Nach Jahren dubioser Machenschaften auf dem Gelände der ehemaligen Kartoffelsortieranlage und gut 20 Jahren Bürokratie und Rechtsstreit zum Umgang mit den kriminellen Hinterlassenschaften sind am Ortsrand von Neuendorf jetzt alle riesigen Müllberge verschwunden.

Auf dem nach der Wende zur Fläming-Sortieranlage GmbH umfunktionierten Areal häuften kriminelle Betreiber seit 1999 nach und nach rund 53.500 Tonnen diverser Abfälle an. Sie reichten vom Bauschutt bis zu Hausmüll und gefährlichem Sondermüll wie Asbest und Kunststoffen.

Nach einem langen Gerangel um Zuständigkeiten, zwei Großbränden und unermüdlichen Protesten von Lokalpolitikern und Bürgern wurde das Gelände nun zwischen Oktober 2017 und März 2019 schließlich im Auftrag des Landesamts für Umwelt von allen Abfällen befreit. Das Land gab dafür in zwei Abschnitten aus Steuergeld gut 7,2 Millionen Euro aus. Deutlich mehr als die zunächst kalkulierten sechs Million Euro.

Innerhalb von zwei Jahren ist auf der einstigen Fläming-Sortieranlage in Neuendorf bei Niemegk der gesamte illegale Abfall verschwunden. Er lagerte dort gut 20 Jahre lang.

Brandenburgs Umweltminister, Jörg Vogelsänger (SPD), beendete die Sanierung des illegalen Mülllagers am Montag offiziell und kippte symbolisch per Radlader die letzte Fuhre Sand in ein Erdloch der früheren Kartoffelwaschanlage.

Auch in dem Becken hatten die einstigen Betreiber der Müllsortieranlage Abfälle gelagert. „Das kam aber erst zum Vorschein, als wir die später darüber aufgetürmten Müllberge abgeräumt hatten“, erklärt Eberhard Casals, Bauleiter vom spezialisierten Planungsbüro CDM Smith in Berlin.

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Die Zusatzmenge von gut 5000 Kubikmetern war einer der Gründe für die Kostensteigerung. „Zudem war vorher trotz unserer Analysen der Müllberge nicht klar, wie diese wirklich zusammengesetzt sind“, sagt Diplom-Geologe Casals.

Gut 1500 Lkw-Ladungen

Insgesamt rollten gut 1500 Lkw-Ladungen davon. Gut die Hälfte der 53.500 Tonnen Abfall konnten wieder aufbereitet werden. Ein Viertel landete auf einer Deponie für stark belastetes Meterial. Andere Anteile wurden verbrannt oder nach einer Bodenwäsche wieder als Unterbau zum Beispiel für Straßen verwendet.

Das gut 32.000 Quadratmeter umfassende Areal ist nun lediglich noch eine große Betonfläche. Alle Gebäude, Ruinen und Müllberge sind abtransportiert. Das Gelände ist zurück an die Gemeinde Rabenstein/Fläming übergeben worden. Sie hatte die Anlage zuletzt erworben, um die Sanierung mit Hilfe von Steuergeld zu ermöglichen. Die einstigen Verursacher konnten nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.

Ausgleich für Straßenbau

Geplant ist nun in Regie der Gemeinde und des Amtes Niemegk eine Aufforstung des gesamten Geländes. Es wird für Ausgleichspflanzungen genutzt. „Traubeneichen, Birken, Kiefern und einige Straucharten sind vorgesehen. Schließlich soll am Ende der Burgenwandeweg über das Arael führen“, sagt Oliver Müller vom Naturparkverein Hoher Fläming. Er begleitet die Renaturierung. Ein Partner werde der Landesbetrieb Straßenwesen Brandenburg sein. Er will dort den Ausgleich realisieren für Straßen- und Radwegbauten im Raum Wiesenburg sowie in Bad Belzig.

Beim kleinen Festakt auf der nun beendeten Baustelle herrschten am Montag bei den diversen Akteuren aus der Gemeinde und dem Amt Niemegk Freude und Genugtuung. Immerhin hatten diverse Lokalpolitiker und Mitarbeiter der Verwaltung Niemegk über die zwei Jahrzehnte hinweg nicht aufgegeben, Druck auf die Landesbehörden auszuüben, um die Müllberge beseitigen zu lassen.

Bürgermeister kritisiert Zeitverzug

„Wenn hier der erste Baum gepflanzt wird, sollten wir eine Gemeindefest“ abhalten, sagte Bürgermeister Ralf Rafelt. Er ärgerte sich dennoch über die enorme Summe Steuergeld, die nun in die Beseitigung krimineller Hinterlassenschaften fließen mussten. „Von dem Geld hätte ich lieber in jedem Dorf eine neue Straße gebaut“, so Rafelt. Er erinnerte daran, dass es „schon ein Jahr nach der 1999 erfolgten Genehmigung für die Müllsortieranlage Probleme gab. „Es ging viel zu viel Zeit ins Land. Hätten wir schon 2004 sanieren können, hätte das wohl nur die Hälfte gekostet“. so Rafelt

Die Betreiber überzogen die genehmigten Annahmemengen deutlich, sortiert wurde kaum. Das stellte das damalige Amt für Immissionsschutz Brandenburg schnell fest. Die Schritte zur Vollstreckung seiner Auflagen blieben aber ohne Erfolg. Im Jahr 2002 wurde der Betrieb eingestellt. 2003 meldete die Betreiberfirma Insolvenz an.

Behörden zunächst machtlos

Seither lief der Kampf um die Beräumung der Müllberge. Er bekam im Wortsinne Zündstoff, als es 2011 und 2012 zu Bränden auf der Anlage kam. Über Tage liefen Großeinsätze von Feuerwehren.

Aus Sicht von Umweltminister Vogelsänger bleibt die Beräumung von herrenlosen Abfalllagern „landesweit eine große Herausforderung“. Für Abfälle aus ehemals genehmigten Entsorgungsanlagen seien im Haushalt des Umweltressorts für die Jahre 2019 und 2020 rund sechs Millionen Euro vorgesehen. „Benötigen würden wir aber sehr viel mehr Geld “, sagte der Minister am Montag in Neuendorf. Das Landesamt plane in den nächsten beiden Jahren, die Beräumung der Abfalllager in Jänickendorf, Blumenhagen bei Schwedt und Fürstenberg an der Havel anzugehen.

Einen Kommentar zum Thema lesen Sie hier über den Link.

Von Thomas Wachs

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