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Nur mit Gasmaske in die Dorfkirche

Trechwitz Nur mit Gasmaske in die Dorfkirche

Eine Woche lang hat in der Trechwitzer Dorfkirche ein giftiges Gas gewirkt, um den Holzwürmern den Garaus zumachen. Betreten haben Schädlingsbekämpfer das Gebäude in dieser Zeit nur mit Gasmasken. Andere Gemeinden brachten einen Altar und Taufsteine, die ebenfalls vom Holzwurm befallen waren, zuvor in die Kirche. Am Samstag ist die Luft wieder rein.

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Azubi Georg Edelmann betritt die Trechwitzer Kirche mit Gasmaske. Hinter ihm ist ein Gebläse zu erkennen, dass das Gas aus dem Bauwerk drückt.

Quelle: Foto: MAi

Trechwitz. Alle Schlüssel der Trechwitzer Dorfkirche hat die Gemeinde sicherheitshalber einkassiert: Wer das Gotteshaus diese Woche betreten wollte, durfte das nur mit Gasmaske tun. Zur Bekämpfung des massiven Holzwurmbefalles in der 1750 erbauten Kirche hat die Dresdner Schädlingsbekämpfungsfirma Groli im Auftrag der Evangelischen Lukas-Kirchengemeinde das farb-und geruchlose, giftige Gas Sulfurylfluorid in die Kirche geleitet. Zuvor hatten die Mitarbeiter Mauern, Fenster, Türen und Dach mit Folien peinlich genau abgedichtet. Das Gas ist tödlich für Mensch und Tier.

Vor knapp 15 Jahren starb ein Familienvater in Bayern, weil eine Schädlingsbekämpfungsfirma geschlampt und versehentlich das direkt mit der Kirche über einen Zwischengang verbundene Nachbarhaus gleich mitbegast hatte. Davon erzählt auch warnend Uwe Krell. Er ist der stellvertretende Begasungsleiter bei diesem Einsatz in Trechwitz. Seine Firma achtet strikt auf alle Sicherheitsrichtlinien.

Die Trechwitzer Dorfkirche ist während der Holzwurm-Bekämpfung abgedichtet

Die Trechwitzer Dorfkirche ist während der Holzwurm-Bekämpfung abgedichtet. Am Freitag beginnen die Mitarbeiter einer Dresdner Spezialfirma damit, die Folie auf dem Dach wieder zu entfernen.

Quelle: Marion von Imhoff

Pfarrerin Christiane Klußmann versichert: „Das Gas zerfällt bei Berührung mit Sauerstoff sofort, es bestand also keinerlei Gefährdung der umliegenden Häuser.“ Um aber die Firmenmitarbeiter selbst zu schützen, „werden generell vorsorglich vor jedem Einsatz Feuerwehr, Polizei und Krankenhäuser benachrichtigt“, erläutert Krell.

Das Gas muss mindestens 72 Stunden lang wirken

Derweil zieht sich der 21-jährige Azubi Georg Edelmann, ein rothaariger Hüne, die Gasmaske über das Gesicht und zieht die Befestigungsgummis so straff es geht. Immer wieder ermahnt er, den Sicherheitsabstand einzuhalten. Das Gas hat lange genug in der Dorfkirche gewirkt. Die Mindestdauer liegt bei 72 Stunden. Nun darf das Gas entweichen. An diesem Freitagvormittag nun öffnen die Schädlingsbekämpfer die Kirchentür und Sprossenfenster. Das erledigt der Mann mit der Gasmaske. Dann schließt Edelmann zwei große Gebläse an, die nun beginnen, das Gas aus dem Kirchenschiff zu drücken. Sofort piepen die kleinen elektronischen Geräte, die die Männer bei sich führen und zeigen ansteigende Werte. Binnen kurzer Zeit fallen die Werte dann wieder ab.

Uwe Krell von der Dresdner Schädlingsbekämpfungsfirma zeigt den versiegelten Holzbalken mit der „Vergleichsmade“, die während der Aktion a

Uwe Krell von der Dresdner Schädlingsbekämpfungsfirma zeigt den versiegelten Holzbalken mit der „Vergleichsmade“, die während der Aktion außerhalb der Kirche blieb.

Quelle: Marion von Imhoff

Während der Woche konnten die Männer über ein innerhalb der Kirche montiertes Messgerät die Gaswerte ablesen. Über Funk war das selbst im Hotel möglich, in dem die Mannschaft untergebracht war.

Inklusive des Aufstellens des Gerüstes kostet der Einsatz etwa 18 000 Euro. Er war bitter nötig: „Vor jedem Gottesdienst musste der Organist die zahlreichen Holzmehlhäuflein von den Orgeltasten entfernen. In den Balken, Bänken, Treppen, Schränken, im Altar, auch im Dachstuhl und Turm – überall hat Holzwurm gewütet, mit zunehmender Intensität“, sagt Christiane Klußmann. Eigentlich sollte schon im Mai die Aktion beginnen, doch in Absprache mit den Naturschutzbehörden wurde die Holzwurmbekämpfung wegen möglicher „Fledermauskinderstuben und brütender Vögel“ auf den August verlegt. Andere Methoden seien nicht erfolgversprechend gewesen, sagt die Pfarrerin und verweist auf Vor-Ort-Termine mit Hochschutzexperten.

Den Altar einer Nachbar-Kirche gleich mitbehandelt

Kirchengemeinden, aber auch Privatleute brachten vor der Aktion einen von Holzwurmbefallenen Altar, mehrere Taufschalen, Harmonien, Schränke und eine Standuhr. Die wurden gleich mitbehandelt.

Den Behandlungserfolg kontrollieren Experten später anhand eines zuvor in der Materialprüfanstalt Eberswalde versiegelten, mit lebenden Hausbocklarven präparierten Balkens. Dieser Balken kam vor der Begasung in die Kirche. Sind die Larven an Gas gestorben und die Vergleichslarven im Balken, der außerhalb der Kirche verblieb, am Leben, war die Aktion erfolgreich.

Die Luft dürfte mittlerweile wieder rein sein. Schon am Samstag, versichert Krell, könne die Kirche wieder betreten werden. Die Schädlingsbekämpfer ziehen weiter zu einer Kirche am Bodensee.

Von Marion von Imhoff

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