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Ein Oldtimer-Freak von 82 Jahren

Oldtimer-Museum in Bergholz-Rehbrücke Ein Oldtimer-Freak von 82 Jahren

In Bergholz-Rehbrücke vor den Toren Potsdams versteckt sich in einem alten Bauernhof eine Bootsmotorenwerkstatt, die es in sich hat: 14 Oldtimerautos und über 120 hoch betagte Motorräder. Herbert Schmidt hat sie alle restauriert, manche buchstäblich aus dem Schrott geklaubt.

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Herbert Schmidt (82) im Wanderer W22 (Baujahr 1934)

Quelle: Rainer Schüler

Nuthetal . Wer Herbert Schmidt besucht, kann nicht kurz bleiben, er muss Zeit mitbringen. Was in der Schlüterstraße von Bergholz-Rehbrücke von außen wie eine dörfliche Bootsmotorenwerkstatt aussieht, entpuppt sich drinnen beim Blick in Garagen, Werkstätten und eine alte Scheune als veritables Oldtimermuseum von schier unschätzbarem Wert, unschätzbar vor allem, weil die ausgestellten Gefährte zum Großteil extrem selten sind deshalb auch ausnehmend teuer. Ein Oldtimer hat sich diese museale Welt geschaffen und hätte doch „am liebsten möglichst wenig Gäste. Die stören nur“ – beim Werkeln, das tut der 82 Jahre alt Dreher, Maschinenbauer und Mechaniker noch immer.

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Im Oldtimermuseum von Herbert Schmidt in Bergholz-Rehbrücke ist nicht nur alles mustergültig restauriert, sondern auch fahrtüchtig.

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Schmidt ist ein Mann, der alles kann und den nichts schreckt, was Räder hat. „Geht nicht gibt’s nicht“ für den begnadeten Handwerker, und seine drei Söhne haben dieses Naturell geerbt. Egal, wie kaputt oder unkenntlich schrottig etwas ist, das normalerweise auf der Straße fährt oder dem See, sie bekommen es wieder in die Gänge. Und am Ende sieht das Ding aus, als wär’ es nie defekt gewesen. Jedes Auto und jedes Motorrad der Schmidtschen Sammlung fährt, man muss nur Diesel, Benzin oder gar Waschbenzin einfüllen, einen Starthebel treten oder einen Zündschlüssel drehen, schont knattert die Kiste fröhlich los. Etwas, das nicht fährt, würde Herbert Schmidt nie ins Museum stellen.

Schmidt in einem Nachkriegs-Octavia aus Tschechien

Schmidt in einem Nachkriegs-Octavia aus Tschechien.

Quelle: Rainer Schüler

Wer ein paar Minuten mit ihm gesprochen hat, hat ihn in Gang gesetzt wie einen hoch betagten, aber unverwüstlich starken Motor. Mit leiser Stimme erzählt der Alte eine Unglaublichkeit nach der anderen und schwört, das alles wahr ist. Man glaubt es ihm aufs Wort, denn seine Berichte strotzen von Details und Anekdoten, die er mit Kichern unterstreicht. Entrüstet weicht er einen halben Schritt zurück, wenn man bezweifelt, was er berichtet, als wär’ es gerade erst passiert. Er weiß noch immer alles ganz genau.

Schmidt war und ist ein Schlitzohr, das alles Kraftfahrmechanische gesammelt hat, was er in die Finger kriegen konnte, brauchbar vielleicht irgendwann, tauschbar und verkaufbar. Sonst gäbe es die vielen funktionierenden Fahrzeuge nicht mehr. Er hat Gelegenheiten beim Schopf ergriffen, manches spottbillig abgestaubt und vieles teuer erwerben müssen. Heute sind die Gefährte ein Vielfaches wert von dem, was er einst ausgegeben hat. Immer wieder bieten Sammler ihm horrende Summen für die Museumsexponate, die unter Denkmalschutz gehören. Er lässt sie alle abblitzen: „Was soll ich mit dem Geld?“ „Ja was?“ fragt der Reporter ihn verblüfft zurück: „Vielleicht noch ein altes Auto kaufen?“

Schmidt kauft kein altes Auto, um es zu haben, das reizt ihn nicht. Er hat Oldtimer gekauft, um sie zu restaurieren, und hat genug davon, um sich Tag für Tag dran zu freuen, fast ganz allein, denn nur absolute Fans kennen sein Museum. „Ab und zu kommt mal ein Besucher auf ’ne halbe Stunde. So wie Sie von der Zeitung“, erzählt er, grinst hintergründig, schaut auf die Uhr. Zweieinhalb mal hat der Zeiger sich da schon komplett gedreht; ein Ende der Geschichten ist nicht abzusehen. Wer nachfragt, muss zehn weitere Minuten einplanen, pro Fahrzeug, versteht sich. Wir „konzentrieren“ uns auf ein paar wenige.

Der alte Octavia sieht dem heutigen in nichts ähnlich

Der alte Octavia sieht dem heutigen in nichts ähnlich.

Quelle: Rainer Schüler

Auf den roten Octavia von Skoda etwa, keinen aus dem VW-Konzern der Gegenwart, sondern ein Baujahr 1961: Vier-Zylinder-Motor mit 1,2 Litern Hubraum, Frontmotor und Heckantrieb, also Kraftübertragung mitten durch das Auto, 45 PS, 120 Stundenkilometer Spitze, gebaut im Tschechischen Mlada Boleslaw zwischen 1955 und 1971 fast 230000 Mal und hierzulande trotzdem weitestgehend unbekannt. Ein Mann in Cottbus annoncierte den Wagen zum Verkauf und hatte viele Interessenten, doch Schmidt kannte den Mann „von den Rallyes früher“, rief an und bekam den Wagen für 400 Euro. „Eigentlich war da alles schrott“, sagt er. Schmidt entrostete alles, fertigte etliches nach und ersetzte die kaputten Teile, auch den Motor, davon hatte er ein paar auf Lager. Knallrot lackieren und Zierteile verchromen, alles machte der Schmidt-Clan selbst.

Ein Ford V8 fungiert als Hochzeitskutsche

Ein Ford V8 fungiert als Hochzeitskutsche.

Quelle: Rainer Schüler

Eine Garage weiter parkt ein „Hochzeitsauto“ aus dem Hause Ford, Baujahr 1938. Der 2,2-Liter-V8-Motor leistet zwar „nur“ 65 PS, bringt das bullig-schnittige Gefährt aber immer noch auf Tempo 120. Schmidt kaufte den Wagen für 15 000 Euro von einem 85-jährigen Berliner, der ihn nicht mehr pflegen konnte. Der Kühler und die Scheiben wurden erneuert; der Wagen sieht aus wie soeben erst gebaut.

Im „Allerheiligsten der Schmidt-Familie“, einer ausgebauten Scheune, befindet sich das eigentliche Museum, mit drei Edelkarossen darin, die wohl jedes Autofahrerherz schneller schlagen lassen. Alle tragen Zulassungsnummern des Allgemeinen Deutschen Motorsportverbandes (ADMV) der DDR, dessen erster Sportpräsident kein geringerer als die Rennsportlegende Manfred Georg Rudolf von Brauchitsch (1905-2003) war. Den Wanderer W 22 von 1934, den Mercedes 230 von 1936 und den EMW 327/2 von 1954 hat er zu sozialistischen Zeiten gekauft. „Heute“, sagt er, „wäre das gar nicht mehr möglich. Die aus dem Westen haben längst alles weggekauft.“

Der Wanderer mit seinem markanten W auf dem Kühlergrill

Der Wanderer mit seinem markanten W auf dem Kühlergrill.

Quelle: Rainer Schüler

Der Wanderer mit seinem 2-Liter-Sechszylinder-Viertakter von Porsche und dem Hinterradantrieb war „völlig hin“, die Türen kaum noch zu erkennen. Der Besitzer wollte den Anlasser gewechselt haben, doch Schmidt hatte keinen da. „Lass die Scheißkiste doch hier“, riet er dem Besitzer: „Ohne Anlasser wirste den doch nirgends los.“ Schmidt kaufte die „Kiste“ für 7000 Mark. Er durchwühlte sein Schrott-Sammellager und wurde unerwartet fündig: Nicht nur einen Anlasser fand er, er hatte zehn davon. Ein Freund fertigte die kühn geschwungenen Kotflügel völlig neu an; ihr Blech wurde auf ein Holzmodell gehämmert. Der restaurierte Wagen hat 40 PS und bringt es auf Tempo 100. Gegen ihn sah der wichtigste Konkurrent, der Mercedes 170 alt aus. Der war kleiner und genauso teuer: 6250 Reichsmark.

Der Mercedes 230 in der Mitte des edlen Trios ist eine „Sonnenschein-Limousine“ mit einem Faltschiebedach aus Stoff und ausziehbaren Einbaukoffern im Kofferraum; das baut heut keiner mehr. Damaliger Preis: 5875 Reichsmark. Über 20 000 Stück dieser Modellreihe wurden zwischen 1936 und 1941 produziert. Der 2,2 Liter große Viertakt-Sechszylinder entwickelte 55 PS und brachte es auf 120 Stundenkilometer, das schafft er heute noch. 15000 Ost-Mark hat Schmidt dafür an einen Rallye-Freund bezahlt, dem der Wagen unter den Händen fast verfault war.

Veranstaltungen für Oldtimer-Fans

8./9. August: Potsdam Classic Ausfahrt, www.potsdam-classic.de

21.-23. August: 7. Schlösser- und Burgenfahrt, Augustusburg, Erzgebirge, für Motorräder mit und ohne Seitenwagen, www.die-sehenswerten-drei.de

 

29./30. August: US-Car Classics in Diedersdorf, www.uscarclassics.de

29./30. August: 24 Tours du Pont, Oldtimerschau und -rallye, Garage du Pont, Glienicker Brücke, Potsdam, www.tours-du-pont.de

29./30. August: OMMMA Magdeburg (im Elbauenpark), 17. OstMobilMeeting MAgdeburg,

www.ifa-freunde-sachsen-anhalt-ev.de

6. September: Oldtimer-Treffen, Schlosspark Oranienburg

19. September: 14. ADAC / VBA-Classic Rallye, www.vba-automobiletradition.de

19./20. September: 1. Werder-Classics Oldtimertreffen (bis BJ 1975), Marktplatz Insel Werder, Harald Kostermann: Tel. 0173/5348993

3. Oktober: Typenoffenes Oldtimertreffen in Wünsdorf bei Zossen

3./4. Oktober: Internationales Harzer Oldtimertreffen mit Teilemarkt

8.-11. Oktober: Motorworld Classics Berlin, www.motorworld-classics.de

Kurios hört sich der Besitzerwechsel für den EMW 327 an, den sich ein Kollege aus Trebbin statt eines Trabis zugelegt hatte, doch der Stolz verflog, weil der Oldtimer zu lang war für die Trabant-Garage und „dauernd mit der Schnauze im Regen“ stand. Für 24 000 DDR-Mark bekam Schmidt das gute Stück. Nach der Wende rückte ihm ein Mann aus Oldenburg auf den „Pelz“, brachte 50 000 D-Mark mit und zwei neue Nummernschilder. „Der wollte sofort losfahren“, berichtet Schmidt. „Hau bloß ab! hab ich gesagt.“

Zwischen 1949 und 1956 hatte das volkseigene IFA-Karosseriewerk Dresden (vormals Gläser) 505 Wagen dieses Typs gebaut, bis 1951 für BMW, ab 1952 für die Eisenacher Motorenwerke. Vom 327er existieren nach Schmidts Recherchen nur noch etwa 20 Stück.

Die beiden Lasten-Dreiräder sind technisch auffällige Gefährte

Die beiden Lasten-Dreiräder sind technisch auffällige Gefährte.

Quelle: Rainer Schüler

Wie Spielzeuge wirken dagegen die beiden Lastendreiräder, die eigentlich mal Motorräder waren: Das 5 PS starke Dreirad von Luther & Heyer aus Berlin stammt von 1931 und existiert kein zweites Mal. Es trägt die komplette Antriebseinheit im Freien auf dem gelenkten Vorderrad: den 192-Kubikzentimeter großen DKW-Zweitaktmotor, das Getriebe mit drei Vorwärtsgängen und dem Rückwärtsgang, sogar den Starterhebel. Die Antriebskette geht vom Motorblock senkrecht nach unten auf das Rad. Immerhin eine halbe Tonne Last konnte man hinten auf die Pritsche packen. Aus demselben Hubraum schöpfte das vollverkleidete Framo-Dreirad LTH 200 von 1933 schon sechs PS. Ohne Führerschein und auch noch steuerfrei konnte man die im sächsischen Frankenberg und in Hainichen gebauten Kleintransporter fahren, die ab 1933 keine Lenkerstange mehr hatten, sondern ein Führerhaus mit Lenkrad.

 

Von Rainer Schüler

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