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Piraten schlagen die Preußen

Beelitzer Kanonenschießen Piraten schlagen die Preußen

Pulver und Blei – Feuer frei: In Beelitz haben sich 20 Artilleriemannschaften aus der ganzen Bundesrepublik getroffen und bei der 18.Vorderlader-Meisterschaft ihre Ladungen aus historischen Geschützen abgefeuert. Bei dem Spektakel auf dem Truppenübungsplatz Lehnin haben die Piraten aus Geltow alle geschlagen: die Preußen, die Sachsen und die Amerikaner.

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Die Piraten haben alle geschlagen. An der Kanone: Rick Müller, Axel Schulze, Hartmut Winkler und Achim Müller (v.l.).

Quelle: Jens Steglich

Beelitz. Auch wenn Seeräuber dem Klischee nach ein Holzbein und eine schwarze Augenklappe tragen, sollte niemand sie unterschätzen. Die Freibeuter beweisen immer wieder ein gutes Auge, wenn es darum geht, eine Kanonenladung ins Ziel zu bringen. Beim 18. Beelitzer Vorderladerkanonenschießen haben die Piraten jedenfalls alle geschlagen – die Preußen, die Schweden, die Sachsen und die Amerikaner. Mit 38 von 50 möglichen Ringen gewannen Achim Müller und seine Seeräuber von den Geltower Waffengefährten die Beelitzer Meisterschaft, die am Samstag auf dem Truppenübungsplatz Lehnin ausgestragen wurde. Sie feuerten die fünf Wertungsschüsse auf 100 Meter entfernte Scheiben mit einer 51-Millimeter-Kanone ab, die der Frontmann der Piraten selbst gebaut hat und die „Roter Adler“ heißt.

Die Piratenkluft, in der die Geltower traditionell antreten, erklärt Müller so: Die Seeräuberkostüme waren im Vergleich zu den historischen Uniformen etwa der Preußen oder Sachsen die einfachste Variante und außerdem war die erste Kanone, mit der sie in den 1990er Jahren begannen, ein Schiffsgeschütz. Der Sieg von Müller und seiner Crew war keine Überraschung: Die Geltower gewannen die Beelitzer Meisterschaft mehrfach und sind amtierende Europameister. Nächste Woche wollen sie den Titel in Sondershausen (Thüringen) verteidigen.

Die beiden ältesten in der Runde kamen aus Emden und feuerten mit dem Mörser am Ende eine gelbe Kugel ab

Die beiden ältesten in der Runde kamen aus Emden und feuerten mit dem Mörser am Ende eine gelbe Kugel ab: Renko Menke (l.) und Gerhard Jansen.

Quelle: Jens Steglich

Zum Beelitzer Spektakel traten am Wochenende 20 Artilleriemannschaften aus der ganzen Republik an. Auf dem Gefechtsfeld ging es laut zu, aber friedlich. Einstige Erzfeinde wie die Preußen (Beelitzer Carneval Club) und die Sachsen (kurfürstliche Festungskanoniere der Schützengesellschaft Fredersdorf) feuerten einträchtig nebeneinander ihre Ladung ab. Beim Vorjahressieger, den Freien Kanonieren aus Beelitz, sind ehemalige Todfeinde sogar in einer Mannschaft vereint. Werner Höfchen trug die Uniform eines Sergeant Major der amerikanischen Nordstaaten-Armee, sein Kollege Detlef Komm trat in Südstaaten-Uniform an. Mit ihrer Kanone „Phoeni“, einem Nachbau aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, konnten sie zwar den Titel nicht verteidigen, sie gewannen aber immerhin die Beelitzer Stadtmeisterschaften vor den stadtinternen Rivalen Bernd Marien und dem Beelitzer Carneval Club (BCC)). Höfchen sah den verlorenen Titel mit einem lachenden Auge: „Der einzige Vorteil ist, dass man nicht mehr so viel ausgeben muss.“ Das Freibier für den großen Titel hatten am Abend im Biwak auf der Beelitzer Festwiese die Piraten zu übernehmen. Apropos Bier:  Bierfässer waren nach dem Wettkampf beim Spaßschießen Ziel der Kanoniere. Die Fässer, die freilich mit Wasser gefüllt wurden, sind zum Gaudi der Zuschauer alle abgeräumt worden.

Die Kanone von Wille Dahmen, der mit seiner Frau aus Nordrhein-Westfalen anreiste, wurde am Vorabend im Biwak auf der Beelitzer Festwiese auf den

Die Kanone von Wille Dahmen, der mit seiner Frau aus Nordrhein-Westfalen anreiste, wurde am Vorabend im Biwak auf der Beelitzer Festwiese auf den Namen „Julietta“ getauft.

Quelle: Jens Steglich

Beim Spaßschießen liefen einige weiter hinten platzierte Kanoniere erst richtig zu Hochform auf. „Erst verfehlen sie die Wettkampfscheiben und jetzt treffen die alle die kleinen Fässer“, staunte der Europameister. Achim Müller war bei 17 der 18 Beelitzer Meisterschaften dabei. Beim ersten Kanonenschießen 1996 schaute er noch zu. Dann besorgte er sich Bücher aus dem Militärhistorischen Institut in Potsdam und baute nach historischem Vorbild ein Schiffsgeschütz nach. Solche Kanonen müssen vom Beschussamt, ein TÜV für Geschütze, abgenommen werden. Wer damit feuern will, muss den Schwarzpulverschein haben und dafür eine Prüfung ablegen.

Die letzte Kugel beim Beelitzer Spektakel feuerte am Wochenende die Reservistenkameradschaft Emden ab – mit dem Nachbau eines russischen Schiffsmörsers, der als Original (Baujahr 1830) im Schiffsmuseum in Helsinki steht. Das Mörsergeschütz bedienten die ältesten in der Runde: Renko Menke (80), Hauptfeldwebel der Reserve, und Feldwebel der Reserve, Gerhard Jansen (79). Sie hatten das zuschauerfreundlichste Geschütz mitgebracht: Mit gutem Auge konnte man die Flugbahn der in hohem Bogen abgefeuerten Kugeln verfolgen. „Mit Mörsern hat man früher Festungen sturmreif geschossen oder versucht, die Angreifer nachts in ihren Schützengräben zu treffen“, erzählte Renko Menke. Er war schon das 11.Mal dabei. „Ich rauche nicht, ich trinke nicht.“ Mörsergeschosse abzuschießen, sei sein einziges Hobby, sagte der 80-Jährige mit norddeutschem Humor.

Beelitzer Kanonenschießen – die Geschichte

Das Beelitzer Vorderlader-Kanonenschießen wird mit einer Unterbrechung seit 1996 veranstaltet.

Angefangen hat alles 1994, als sich der Beelitzer Carneval Club (BCC) eine Kanone anschaffte. „Den Floh hatte uns der Carnecal-Club der Partnergemeinde Ratingen ins Ohr gesetzt“, sagte BCC-Ehrenpräsident Gerd Nöthe.

Die erste Beelitzer Kanone wurde auf den Namen „Donnerschlag“ getauft und über Aktien finanziert. Die Namen der Aktionäre sind in der Kanone eingraviert.

 

 

Von Jens Steglich

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