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Schilder gegen die Ahnungslosigkeit

Michendorf will besondere Häuser kennzeichnen Schilder gegen die Ahnungslosigkeit

Menschen gehen oft an alten Häusern vorbei und ahnen nichts von der Geschichte, die mit den Bauten verbunden sind. In der Gemeinde Michendorf sollen sie zumindest die Chance bekommen, sich kundig zu machen. Besondere Häuser in der Kommune sollen gekennzeichnet werden – ein potenzieller Kandidat dafür steht in der Bahnstraße 24.

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So könnte es aussehen: In Langerwisch gibt es bereits Schilder – hier am „Palmhof“ in der Straße Neu-Langerwisch 36, der 1880 von Familie Palm errichtet.

Quelle: Jens Steglich

Michendorf. Alten Häusern ist es nicht anzusehen, was sich vor und hinter ihren Mauern in der Vergangenheit abspielte. Man geht an den stummen Gesellen vorbei und ahnt nichts von den Geschichten, die mit ihnen verbunden sind und die oft nur noch wenige Menschen kennen. In der Gemeinde Michendorf soll gegen diese Ahnungslosigkeit etwas getan werden. Die Kommune will historisch bedeutsame Gebäude und Baudenkmäler in den sechs Ortsteilen für alle sichtbar kennzeichnen.

Hinweistafeln an den Gemäuern sollen etwas von der Geschichte offenbaren, von der sonst allenfalls noch Ortschronisten und Dorfälteste wissen. So sieht es ein Antrag der SPD vor, der bereits den einstimmigen Segen des Hauptausschusses hat. Die Gemeindevertretung entscheidet am 25. April darüber. Die Auswahl der Häuser und die erläuternden Texte für die Hinweistafeln sollen mit den Heimat- und Geschichtsvereinen abgestimmt werden.

Für Michendorfs langjährigen Heimatforscher Hans-Joachim Strich kommen zum Beispiel der Klinkerbau in der Potsdamer Straße, in dem einst Kinder Lesen und Schreiben lernten, und das Haus in der Bahnstraße 24 in Frage. Es steht gleichermaßen für Verfolgung und Courage in dunklen Zeiten. Natürlich müssten vorher die heutigen Bewohner des Hauses gefragt werden, sagt Strich, der die Geschichte kennt. In dem Haus hatte der Berliner Arzt Henry Levy-Jessel ein jüdisches Kindersanatorium eingerichtet. Dort konnten die Kinder in Zeiten der Weimarer Republik Krankheiten auskurieren oder ihre Ferien verbringen.

Der jüdische Mediziner war damals in Michendorf ein angesehener Mann, weiß Strich. Die Zeiten änderten sich mit der Machtübernahme der Nazis. Das Schlimmste musste der Kinderarzt nicht mehr miterleben. Er starb am 26. August 1938.

Seine Ehefrau Rosa wehrte sich danach mit einem Anwalt gegen die örtlichen Nazi-Größen, die ihre Finger nach dem Haus ausstreckten. Sie sollten wenigstens dafür bezahlen. Laut Strich wurde ihr zwar eine Summe zugestanden, das Geld hat sie aber nie gesehen. Hab und Gut wurden beschlagnahmt, das jüdische Kindersanatorium zum „Haus der NSDAP“ erklärt.

„Das Gebäude in der Bahnstraße steht nicht auf der Denkmalliste, aber es wäre sehr geeignet für das Projekt“, sagt Michendorfs Ortschronistin Edith Volkner. Zumal es mit einer weiteren Geschichte verbunden ist, die zeigt, dass es mutige Menschen in Michendorf gab. Als Rosa Levy Haus und Grundstück verlassen musste, gewährte ihr die Michendorferin Frieda Sydow Unterschlupf, bevor die Jüdin später bei Verwandten in Berlin unterkam. Von dort soll ihr die Flucht nach Palästina gelungen sein. Frieda Sydow half weiteren Jüdinnen, nahm sie zwischenzeitlich auf dem Bauernhof der Familie auf. Für Strich ist das Bauernhaus Sydow in der Schmerberger Straße auch ein Kandidat für eine Hinweistafel. Die Verfolgten dankten der Michendorferin später für ihre Hilfe, sendeten Päckchen und Briefe. Auch der Bruder von Rosa schickte einen Brief: „Ich wünschte, es gebe mehr Sydows und weniger Hitlers und Goerings“, schrieb er.

Von Jens Steglich

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