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19:43 19.09.2017
Hans und Hilla Reichelt blicken heute auf 70 Jahre Ehe zurück – ihr Leben war geprägt von Höhen und Tiefen. Quelle: Luise Fröhlich
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Werder

Sich nach Kriegsende einen Soldaten angeln, das war schon was Besonderes, erzählt Hildegard Reichelt, die in Werder nur „Hilla“ genannt wird. Also ging sie mit ihrer Freundin im Jahr 1945 an die Straße und wartete bis eine Gruppe von acht Männern in Uniform vorbeikam. Sie fragten nach dem Weg in die Stadt und die beiden jungen Frauen schickten sie die Potsdamer Straße entlang. Heimlich machten sich die Werderanerinnen auf den Weg über die Brandenburger Straße, so dass sie die Männer an der Schule wiedertrafen. Der eine gefiel Hilla besonders gut, doch die 19-Jährige machte sich Gedanken, wie ihre Mutter wohl reagiert, wenn sie den Hans einfach mit nach Hause bringen würde. Dennoch tat sie es. Eine gute Entscheidung, denn zwei Jahre später heiratete das Paar und ist seitdem unzertrennlich.

Hans blieb bei der Familie, da er ursprünglich aus Breslau stammt und nach dem Krieg nicht in seine Heimat zurück konnte. Hillas Mutter sei froh gewesen, einen Mann im Haus zu haben, nachdem ihr eigener nach dem Krieg nicht zurückkehrte. So wurde Hans ein echter Werderaner.

Nie verreist, weil das Haus im Mittelpunkt stand

Im Jahr 1947 zu heiraten sei nicht so einfach gewesen, erzählt Hilla. „Von einer Bekannten aus Berlin, die eine Fleischerei hatte, bekam ich fünf Kilo Gulasch für die Feier, musste es aber selbst abholen.“ Also fuhr sie mit dem Gulaschtopf vor der Brust mit der S-Bahn von Berlin nach Potsdam, lief zum Dampfer, tuckelte zur Insel nach Werder und ging dann zu Fuß bis zu ihrem Elternhaus in der Moosfennstraße. Die Feier lief zu Hause im kleinen Familien- und Bekanntenkreis mit geborgtem Kleid und geborgtem Anzug ab, erzählt Hilla. Das Paar bekam zwei Mädchen und lebte viele Jahre glücklich, bis sie das Schicksal traf. Ihre beiden Töchter, 15 und 18 Jahre alt, starben bei einem Gasunfall in den eigenen vier Wänden. „Die Trauer war unerträglich“, sagt Hilla. Noch immer lässt das Unglück die beiden nicht los.

Als sie 42 Jahre alt waren, entschieden sie sich aber, es noch einmal mit dem Nachwuchs zu probieren und bekamen einen Sohn. „Es war wie ein Wunder. Torsten schenkte uns dann zwei Enkel und mittlerweile sind wir auch Urgroßeltern“, erzählt Hilla, die noch immer mit dem Rad durch Werder kurvt. Die heute 91-Jährige arbeitete zunächst bei einer Bank in Werder und kümmerte sich später um das Haus. Hans, drei Monate jünger als sie, fing nach dem Krieg als Schlosser an und leitete zuletzt eine Autowerkstatt. Verreist sind die beiden nie. „Wir wollten es uns hier zu Hause gemütlich machen und haben das Haus immer weiter ausgebaut“, erzählt Hilla. Zeitweise lebte die ganze Familie auf dem Hof mit großem Garten. Früher haben die Reichelts ihre Kirschen auch auf dem Markt in Werder verkauft.

Hilla pflegt ihren Mann zu Hause

Seit drei Jahren baut Hans gesundheitlich immer mehr ab, leidet unter Demenz. Hilla pflegt ihren Mann 24 Stunden am Tag, kriegt selbst in der Nacht oft kein Auge zu. Ihn ins Heim zu geben, kommt für sie trotzdem nicht infrage. „Wir sind zufrieden mit unserem Leben, trotz allem“, sagt Hilla. Sie könne selbst kaum fassen, dass sie schon 70 Jahre verheiratet ist. Am Mittwoch feiern Familie, Freude und Bekannte wieder zusammen an der Tafel im Hof. Bislang beging die ganze Familie alle Hochzeitsjubiläen auf diese Weise.

Für Zank war keine Zeit

Kompromissbereitschaft ist für Hilla Reichelt der Schlüssel zu einer beständigen Ehe. „Jeder muss mal zurückstecken“, sagt sie.

Nach so langer Zeit wisse man, wie der Partner tickt und was ihn vielleicht negativ überraschen würde.

Zum Streit sei es zwischen den beiden deshalb selten gekommen. „Für Zank hatten wir neben dem Alltag auch gar keine Zeit“, erzählt sie.

Aus ihrer Sicht gehört es einfach dazu, dass man sich auch mal durch schwierige Zeiten kämpfen muss.

Das nächste Ehejubiläum wäre die Kronjuwelenhochzeit in fünf Jahren.

Von Luise Fröhlich

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