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So klingt der Sommer

Die MAZ hat sich unter blinden Menschen umgehört, was sie hörbar mit dieser Jahreszeit verbinden So klingt der Sommer

Die Sonne kitzelt auf ihrer Haut. Es ist ein heißer Tag. Heidi Schulze sitzt auf ihrer Bank im Garten vor der Wohnung und lauscht.

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Hedi Schulzes Sehvermögen war eines Tages ganz verschwunden.

Quelle: Julian Stähle

BERGHOLZ-REHBRÜCKE/POTSDAM|. Sie hört wie die Vögel zwitschern, die Blätter rascheln und die Spaziergänger lachen. Wer sich dahinter verbirgt, kann die 72 Jahre alte Potsdamerin nur ahnen, denn sie ist blind. "Ich konnte mich nie auf meine Augen verlassen", sagt sie. Als Kind hat sie noch die Silhouette der Häuser gesehen, bis die Gebäude irgendwann vor ihren Augen verschwammen und mit Mitte 40 ganz verschwanden. Nur den Unterschied zwischen hell und dunkel kann sie noch wahrnehmen – manchmal. Für Menschen wie Heidi Schulze sind die Sinne umso wichtiger.

Am Meer schmeckt der Sommer salzig, er glitzert tiefblau, klingt nach einer heranrollenden Welle, er duftet nach frisch gebackenen Eiswaffeln und rieselt körnig, sandig durch die Finger. Fünf Sinne, fünf Empfindungen. Aber was, wenn einer dieser Sinne getrübt ist. Wie klingt eigentlich der Sommer aus der Sicht von Blinden?

Torsten Rindt ist blind und lauscht von seinem Balkon aus, wie die Spatzen sich zanken.

Quelle: Diana Bade

Heidi Schulze nimmt Reize anders wahr. Ihre Ohren erkennen die Jahreszeit am Hall. "Im Sommer klingt es dumpf draußen", sagt sie. "Wenn die Bäume zum Herbst hin lichter werden, wird es hörbar heller, denn es ist nicht mehr viel da, was den Schall auffängt." Es gibt Klänge, die die Potsdamerin im Sommer besonders liebt, das klingt eigentlich nicht viel anders als bei den Sehenden: Das Geräusch der Wellen mag Heidi Schulze, das leise Brausen vom Wind oder wie das Wasser am See plätschert, nur eines kann sie nicht leiden. "Springbrunnen machen mich nervös." Den Sommer verbindet sie eher mit Düften, als mit bestimmten Geräuschen. "Der Geruchssinn überwiegt."

Dabei ist das Gehör eigentlich der wichtigste Sinn für Blinde. Das spürt auch Kurt Baller, 65, der von Geburt an sehbehindert ist und dessen Augenlicht mit den Jahren mehr und mehr verblasst. Selbst die kräftigen Farben des Sommers, kann der Historiker nur erkennen, wenn er ganz nah an sie herantritt, etwa an ein Rapsfeld. Als Blinder erlebt er die Welt nochmal anders. "Ich muss mich auf die Geräusche verlassen", sagt er. Der Wind. Die Bäume, "die alle anders rauschen". Der "verrückte Terror-Spatz", der ihn und seine Frau regelmäßig auf der Terrasse in Bergholz-Rehbrücke besucht. Und sein Lieblingsgeräusch: "Im Sommer höre ich am liebsten zu, wie meine Enkelinnen ihr Eis schlecken."

Als Blinder hört auch Torsten Rindt genau hin. Um aus seiner stillen Wohnung zu entkommen, fährt der Potsdamer mehrmals in der Woche mit dem Bus in seinen Garten am Horstweg, pflanzt Zucchini, Tomaten und Kartoffeln. "Es tut gut, in der Erde herumzufummeln", sagt er. Der 51-Jährige ist seit seiner Geburt sehbehindert, seine Aderhaut ist vernarbt. Auf dem rechten Auge sieht er nichts, mit dem linken kann er verschwommen Farben wahrnehmen, wenn er Gegenstände ganz dicht vor Augen hat.

Torsten Rindt konnte kaum laufen, so erzählte ihm seine Großmutter, da hatte er eine Harke in der Hand. Als ausgebildeter Gärtner lebt er von seinen Erinnerungen: die Orchidee hat sich als Bild eingeprägt. Früher hat Torsten Rindt die Pracht der Natur noch sehen können, heute ertastet er sich die Dinge. Wenn er Bohnen sät, spüren seine Hände, wie tief sie in die Erde gehören. Im Garten vergisst er den Lärm der Stadt, die Autos, die Flugzeuge. Es sind die Momente, in denen er lauscht, wie der Wind an ihm vorbeizieht, wie es in der Hecke knistert, weil vermutlich ein Tier darin haust. Eine Sache hat er in diesem Sommer beobachtet: Die Spatzen, sagt er, zanken sich besonders laut. "Das geht zwischen ihnen hin und her." Eine Nuance, von der vielleicht nur er erzählen kann.

Von Diana Bade

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