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Spurensuche in turbulenter Kirchengeschichte

Wilhelmshorst Spurensuche in turbulenter Kirchengeschichte

Die kleine Kirche hat eine bemerkenswerte Geschichte, in der sich fast die ganze Dramatik des 20. Jahrhunderts wiederfindet. Dem Wilhelmshorster Gotteshaus, von dem hier die Rede ist, haben die Freunde und Förderer der Ortsgeschichte eine Ausstellung gewidmet, die es in sich hat, aber nicht alle Rätsel um den Kirchbau restlos lösen kann.

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Die Kirche entstand nicht wie geplant am heutigen Goetheplatz, sondern abseits an einer Stelle, an der das Pfarrhaus vorgesehen war.

Quelle: Friedrich Bungert

Wilhelmshorst. Der Andrang zur am Wochenende im Gemeindezentrum von Wilhelmshorst eröffneten Ausstellung „80 Jahre Kirchbau in Wilhelmshorst“ war riesig. Schon im Vorfeld hatte die regionale Presse ausführlich über diverse Merkwürdigkeiten beim 1937 abgeschlossenen Bau des kleinen Gotteshauses hingewiesen und so standen die Besucher eng gedrängt neben den Sitzreihen mit direktem Kontakt zu den Exponaten. Die Fotos, Dokumente und Schriften hatten es in sich. Sie dokumentierten einerseits den seit der Gründung der Wilhelmshorster evangelischen Gemeinde im Jahr 1926 andauernden äußerst kreativen Kampf um eine eigene Kirche und belegten andererseits die Verstrickungen des Kirchen-Architekten Winfried Wendland und anderer in das NS-Unrechtssystem.

NSDAP-Mitglied Wendland hatte sich bereits vor der Machtergreifung für eine nationalsozialistische Kulturpolitik eingesetzt und einige der ausgestellten Schriften belegten dies. Die Redebeiträge und spontanen Wortmeldungen an diesem spannenden Nachmittag erwiesen aber ziemlich schnell, dass mit Schwarz-Weiß-Mustern keine seriöse Geschichtsbetrachtung möglich ist. Schon der Vortrag des Vereinsvorsitzenden der Freunde und Förderer der Wilhelmshorster Ortsgeschichte, Rainer Paetau, zeigte, dass die Grenze zwischen Schuldverstrickungen und Widerstand manchmal sogar mitten durch die zu betrachtenden Personen verlief.

Warum aber ausgerechnet das Bibelwort Jesu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich“, seinen Platz über dem Altarraum fand, konnte auch diesmal nicht geklärt werden. Das Jesus-Zitat hatte die widerständige Bekennende Kirche auf ihrer Synode 1934 als biblische Kampfansage gegen die nazifreundlichen Deutschen Christen ihrem Barmer Bekenntnis vorangestellt.

Auch die Wilhelmshorster Pfarrerin Juliane Rumpel konnte erwartungsgemäß keine Erklärung für die Anwesenheit des in NS-Zeit provokanten Jesu-Wortes liefern. War das Zitat einfach nur ein unbemerkt gebliebener Zufall oder ein mutiges Bekenntnis? Eine Gewissheit brachte die Veranstaltung nicht, aber sehr wohl eine Tendenz. Tatsächlich gibt es Indizien, die dafür sprechen, dass der damalige Pfarrer Bruno Haese den Spruch absichtsvoll auswählte und er sich dafür sogar die Zustimmung vom verantwortlichen Architekten Wendland einholte. Haese verhinderte auch die damals in vielen Kirchen übliche Anbringung von Hakenkreuzen im Kirchenraum. Zudem holte er sich 1938 Otto Dudzus als Hilfspfarrer in die Gemeinde, der ein Schüler von Dietrich Bonhoeffer war. Bonhoeffer aber war als führender Vertreter der Bekennenden Kirche in die Planung des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 eingebunden.

Sehr hilfreich für eine differenzierte Sicht auf das Wirken Winfried Wendlands waren die Ausführungen seines Sohnes Christian Wendland. So wies er auf die Wertschätzung seines Vaters für als „entartet“ diffamierte Künstler, wie Ernst Barlach und Emil Nolde hin.

Wenn es nach dieser Veranstaltung überhaupt so etwas wie gesicherte Erkenntnis gab, dann war es die einhellige Begeisterung für die Architektur und Funktionalität der kleinen Kirche, die seit 80 Jahren das Zentrum des Gemeindelebens der evangelischen Christen in Wilhelmshorst ist.

Nächster Öffnungstermin am 19. März

Die Wilhelmshorster Kirche sollte ursprünglich am Kirchplatz, dem heutigen Goetheplatz, gebaut werden. So sah es der Parzellierungsplan von Ortsgründer Wilhelm Mühler von 1907 vor.

Den Bau des Gotteshauses an der zentralen Stelle erlaubten die Nazis nicht. Gebaut wurde die Kirche etwas versteckt rund 100 Meter entfernt an der heutigen Peter-Huchel-Chaussee.

Die Predigt zur Kirchweihe eröffnete Pfarrer Bruno Haese am 23. Mai 1937 mit den Worten: „Ein Dorf ohne Kirche ist wie ein Mensch ohne Seele.“

Die Ausstellung zu 80 Jahren Kirchbau in Wilhelmshorst ist noch einmal am Sonntag, dem 19. März, 14 bis 18 Uhr, geöffnet. Danach kann sie nur nach Terminvereinbarung angeschaut werden (Kontaktdaten: www.Wilhelmshorst-online.de).

Die Ausstellungsräume befinden sich im Gemeindezentrum Wilhelmshorst in der Albert-Schweitzer-Str. 9-11.

Von Lothar Krone

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