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Ständig gab’s Streit um die Mädchen

MAZ zu Hause in Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf Ständig gab’s Streit um die Mädchen

Der Stahnsdorfer Hof hat eine legändere Vergangenheit. Heute wird seine deutsche Küche geschätzt. Die Stammkunden haben erstaunliche Geschichten auf Lager – ein Besuch lohnt sich. Vor der Wende waren Exzesse nicht selten – am Ende verbündeten sich Deutsche mit Ungarn gegen algerische Arbeiter. Und alles wegen der Mädchen.

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In der Dorfstraße läuft es sich bald besser

Gastronomen mit Herzblut: Martina Kothür und Thorsten Poredda schmeißen den Laden.

Quelle: Stephan Laude

Stahnsdorf. Viele kennen wahrscheinlich gar nicht die Namen der fünf Straßen, die am Stahnsdorfer Hof zusammenkommen. Weil alle nur von der Kreuzung am Stahnsdorfer Hof sprechen. Das Lokal ist am Schnittpunkt von Bäkedamm und Zehlendorfer Damm, Wilhelm-Külz-, Linden- und Ruhlsdorfer Straße das einzige markante Gebäude, und zwar schon seit 1896. Damals hieß es noch „Restaurant zur Post“.

Betreiber Franz Weber lockte massenhaft Ausflügler ins Grüne. Mit der Straßenbahnlinie 96 gab’s eine direkte Verbindung nach Berlin. Auch später, nach dem Mauerbau, machten sich nicht nur Stahnsdorfer auf den Weg in den Stahnsdorfer Hof, vor allem junge Leute strömten ins Haus. Es war immer was los. „In Stahnsdorf haben die tollsten Gruppen gespielt“, schwärmt der damalige Stammgast Uwe Freund. Einmal sei Stahnsdorf sogar in der „Bravo“ erwähnt worden. Viele Musiker hätten Titel drauf gehabt, die erst eine Woche vorher im Beatclub vorgestellt worden seien, der berühmten Fernsehsendung von Radio Bremen. Die Sänger konnten kein Englisch, aber taten so als ob. Uwe Freund liegt mit seiner Einschätzung wahrscheinlich richtig: „Kein Engländer hätte sie verstanden.“ Der Saal habe eine tolle Akustik gehabt. Die Kellner trugen Fliege und Jackett, neben der Bühne gab‘s eine Bar mit Bardame, überall lagen weiße Tischdecken. Freund kann sich noch erinnern, dass bis morgens um vier gespielt wurde, später bis um eins und dann nur noch bis um zwölf – wegen der Schlägereien.

Die häuften sich, als die jungen Männer aus Ungarn kamen, die im Lkw-Werk in Ludwigsfelde arbeiteten. Ständig gab‘s Streit um die Mädchen. Für nicht wenige junge DDR-Bürgerinnen waren die Vertragsarbeiter aus dem, wie man in Ludwigsfelde sagte, „Paprikahaus“, schon deshalb interessant, weil die Ehe mit einem Ungarn die Aussicht verhieß, mal in den Westen reisen zu können. Wie Klaus-Jürgen Warnick, ebenfalls Stammgast, berichtet, eskalierten die Krawalle, als dann auch noch algerische Vertragsarbeiter den Beatschuppen besuchten – was zur Allianz von Deutschen und Ungarn führte. Immer wieder rief jemand die Polizei. „Aber die wurde auch verhauen“, so Uwe Freund. Die letzte Fete soll es 1985 gegeben haben.

Der Stahnsdorfer Hof ist ein markantes Gebäude

Der Stahnsdorfer Hof ist ein markantes Gebäude. Umtost vom Verkehr ist die Gaststätte dennoch ein Ort, an dem sich die Gäste gerne aufhalten.

Quelle: Stich

Im Saal fanden aber auch viele andere Veranstaltungen statt, ohne jegliche Auseinandersetzungen. Heute kann der Saal nicht mehr genutzt werden, die Zimmer in den oberen Geschossen, die früher Hotelzimmer waren, auch nicht. Martina Köthur bedauert das. Die 38-Jährige ist Chefin des Hauses. „Wir haben unser ganzes Herzblut in das Lokal gelegt“, sagt sie. Mit dem „Wir“ schließt sie ihren Partner Thorsten Poredda ein, der für die Buchführung, das Handwerkliche und die Küche zuständig ist.

Eine Grieche oder Chinese stand nie zur Debatte

Eine Wand des Traditionslokals erhielt vor ungefähr 25 Jahren als Blickfang die Ansichten alter Stahnsdorfer Häuser, in denen Gewerbetreibende ihre Geschäfte hatten oder immer noch haben – das Werk eines Kulissenbauers von der Defa. Auch sonst ist vieles so geblieben wie es vor 2012 war, als Martina Köthur das Lokal übernahm. Aus dem Stahnsdorfer Hof einen Griechen oder Chinesen zu machen, das stand nie zur Debatte, einen Italiener auch nicht, von dem wurde aber zur Verkürzung der Wartezeit der „Gruß aus der Küche“ übernommen. Es gibt wie immer schon klassische deutsche Gerichte. 95 Prozent der Gäste sind Stammkunden. Sie kennen die Karte. Viele, berichtet Thorsten Poredda, sind kaum zur Tür rein, da geben sie schon ihre Bestellung auf. Wobei: Es kann vorkommen, dass Gulasch, Salat oder Soljanka eine Nuance anders schmecken als beim letzten Mal. Weil alles Handarbeit ist. „Wir haben zwar eine Küchenwaage, aber die benutzen wir kaum“, sagt Thorsten Poredda, der von Hause aus Versicherungskaufmann ist. Wer Koch werden will, müsse Gefühl und Timing mitbringen. „Alles andere kann man lernen.“ Das Timing ist zum Beispiel beim Schnitzel entscheidend, dem absoluten Hit im Stahnsdorfer Hof: „Wenn es 30 Sekunden zu lange brät, kann es schon trocken sein. Und es muss schwimmen im Öl“, so Poredda. Außerdem wichtig: „Ein frisches, gutes Stück Fleisch, die richtige Brattemperatur und ein bisschen Liebe.“

Das alles zusammen sorgt oft für ein volles Haus. Dann stehen bis zu vier Leute in der Küche, darunter Thorsten Poreddas Bruder. Manchmal hilft auch der Sohn mit. Besonders gefragt ist das Lokal zum Gänseessen in der Weihnachtszeit. Wer erst im November einen Tisch bestellen möchte, ist zu spät dran. Schade für ihn oder sie, aber ein Kompliment für die Küche.

Von Stephan Laude

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