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Liebe und Schmerz in Tunesien

Stahnsdorfer Autorin erzählt ihre eigene Geschichte Liebe und Schmerz in Tunesien

In ihrem neuen Buch „Die Berberbraut“ hat die Stahnsdorfer Autorin Sissy Walldorf ihre eigene Lebensgeschichte aufgeschrieben. Erzählt wird die Beziehung zwischen der Deutschen Sophie und dem Tunesier Ramsez. Das Buch ist jedoch alles andere als bloß ein Liebesroman. Erste Lesungen soll es in der Gemeindeverwaltung Stahnsdorf und in der Awo Teltow geben.

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Autorin Sissy Walldorf

Quelle: MAZ

Stahnsdorf. Ein bisschen hört es sich an wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht. Eine deutsche Frau und ein tunesischer Mann verfallen der Liebe auf den ersten Blick am Strand eines kleinen Ferienortes. Dabei ist Sophia auf Abstand bedacht – zu einer gescheiterten Beziehung und fehlgeschlagenen Dating-Abenteuern. Am Meer steht ihr der Sinn nicht nach Flirten. Doch dann tritt Ramsez, der Strandverkäufer, in ihr Leben. Kaufen will sie nichts, sondern ihre Ruhe haben. Als sich der Mann wenige Meter von der Frau entfernt in den heißen Sand niederlässt, seine Sonnenbrille abnimmt und fließend Deutsch spricht, ist es um die Deutsche geschehen. Sie reden über „Gott und das Leben und tief über den Glauben“, der für die Frau bis dahin „keine Größe war“. Obwohl sie „ein bisschen Schiss hat“, folgt Sophia dem Mann durch die Gassen zum Haus seiner Familie. Der Beginn einer außergewöhnlichen Liebesbeziehung.

„Was ich nicht wollte, passierte sofort. Ich habe es einfach zugelassen“, erzählt die heute 64-jährige Sissy Walldorf im MAZ-Gespräch. In der tunesischen Familie heißt sie seit 2002 Sophia; auf Arabisch „Weisheit“. Jetzt hat die Stahnsdorferin ein Buch über Sophias Liebe zu Ramsez herausgebracht: „Die Berberbraut“. Die Namen von Freunden und Kollegen sowie der Familienangehörigen in Deutschland und Tunesien sind geändert. „Es ist ja Sophias Geschichte, also meine. Ich möchte von niemandem die Privatsphäre beschädigen“, sagt Sissy Waldorff. „Ich weiß nicht, wo meine Affinität zur arabischen Kultur, zu islamischen Ländern herkommt“, fragt sie sich selbst. Schon mehrfach ging sie auch während ihrer Ehe allein auf Reisen in die Türkei, nach Ägypten, Kenia, Tunesien. „Es war, es ist wie Magie“, sagt sie.

Zurück in Deutschland erfährt Sophia 2002, dass ihr Liebster in Tunesien verhaftet wurde. Sein Freund, mit dem er ein Souvenirgeschäft betreibt, hat ihn sitzen gelassen, ist mit dem gemeinsamen Geld abgehauen. Die Banken kennen keine Gnade. Seine Zahlungsunfähigkeit gleicht einem Verbrechen. Sophia setzt alle Hebel in Bewegung. Sie löst ihn mit 10 000 Euro aus. „Ich konnte nicht anders“, sagt sie heute. Was als Urlaubsromanze begann, beginnt ihr Leben zu verändern. Sie gerät in den Sog einer ihr fremden und doch vertrauten Kultur. Immer wieder und so, wie es mit ihrem Job vereinbar ist, fliegt Sophia nach Tunesien. Wochenlang verbringt sie dort wundervolle und schwere Zeiten mit Ramsez und dessen Familie. Diese akzeptiert das lebenslustige Vollweib aus Europa, das unverheiratet ist, so gern lacht, sich hübsch macht und seine Reize nicht verbirgt. Niemand zeigt mit dem Finger auf sie. Religionslos wie sie ist, will sie bleiben. Aus Liebe zum Islam überzutreten, ist kein Thema. Keiner nötigt sie. Dabei war ihre Herkunftsfamilie schon bunt: Der Vater SED-Genosse, die Mutter katholische Österreicherin.

Sissy Walldorf habe „dort alles gemacht wie hier“. Freilich sei die Stellung der Frau in Tunesien „etwas hinterweltlerisch“, aber „diesen Zahn habe ich ihm gleich gezogen“, erzählt sie. Wenn sie alleine abends weggehen wollte, schickte Ramsez ihr immer seine Schwester mit. Daraufhin habe sie ihm in einer Bar, in der er später gearbeitet hat, mal einen „Auftritt“ hingelegt, der klar machen sollte: „Ich lasse mich nicht einsperren und kontrollieren!“ Die Liebenden reden viel, versöhnen sich schnell. . „Liebe hält alles aus, weil das Herz offen ist, aber Angst macht das Herz zu“, sagt die Autorin. Die tunesische Familie, die auch nichts gegen eine Heirat mit der älteren Deutschen hat, zeigt sich tolerant. Doch Irak-Krieg, Geldnot, Armut und Krankheiten bringen Sorgen. Sophia unterstützt immer wieder von Deutschland aus die Tunesier. Dank einer Erbschaft kann sie „viel, viel Geld“ rüberschicken. Auch deutsche Kollegen und Freunde unterstützen sie. Doch Liebe, Schmerz, Zukunftsaussichten – besonders für den jungen Mann – drohen Sophia zu erdrücken. Loslassen wird zur Qual.

In der Begegnung mit dem Araber, der noch keine 30 war, erlebt die damals 51-jährige Mutter von zwei Söhnen „eine körperliche und seelische Intensität, die sie seit Jahren vergeblich sucht“. Nach einer Kindheit, die sie ohne Zuwendung und Liebe in einem brandenburgischen Dorf überstehen musste, genoss die Mittfünzigerin besonders die Wärme in der tunesischen Familie. „Es war eine der ärmsten, die ich je kennengelernt habe, aber die Menschen haben mir so viel Liebe, Herzlichkeit und Offenheit entgegen gebracht. Es war wunderbar“, schwärmt Walldorf noch heute.

Angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise sagt die Autorin: „Ich habe Verständnis für die Ängste der Leute hier. Ich bin ja selbst ein angstgeschädigtes Kind. Aber wir sollten mit offenem Herzen langsam auf die Flüchtlinge zugehen und die einzelnen Schicksale kennenlernen.“ Und die Kölner Attacken auf Frauen? „Das Thema ist mir bereits seit langem bekannt und auch im Buch beschrieben. Ramsez hat mich oft vor diesen Typen gewarnt. Geschützt habe ich mich davor, in dem ich gelernt habe, bei solchen Dumpfbacken aus dem arabischen Raum meine eigene Überlegenheit auszustrahlen – mit der Affirmation ‚Ihr Penner könnt mir nicht das Wasser reichen, ich bin so stark, unantastbar und unverletzbar.‘ Hat mir geholfen.“

Sissy Walldorf ist laut und herzlich. Sie sprüht vor Energie, steckt mit ihrem Lachen schnell Leute an. Stiller wird sie, wenn sie an ihre Kindheit denkt. An seelische und körperliche Schmerzen. Die Wunden heilen langsam. Doch inzwischen gibt sie von ihren Emotionen und ihrer Kraft anderen etwas weiter. Sie malt, stellt ihre Bilder aus, kann zuhören, organisiert Kulturevents in der Gemeinde, bietet mit einer Freundin ab diesem Jahr Yoga-Kurse für Frauen im Stahnsdorfer Flüchtlingsheim an.

Und sie schreibt. Der 2. Teil der „Berberbraut“ ist in Vorbereitung. Mit dem ersten Band geht sie nun auf Lese-Tour. Nicht mit einem Märchen, sondern mit ihrer eigenen Geschichte.

Lesungen und Ausstellungen

Sissy Walldorf ist ein Künstlername. Die gebürtige Brandenburgerin ist 64 Jahre alt und hat zwei Söhne und ein Enkelkind. Sie lebt seit 1998 in Stahnsdorf. Dort arbeitet sie als Versicherungsmaklerin. Nach dem Abitur wurde sie in der DDR zunächst Rinderzüchterin. Danach studierte sie Außenwirtschaft. Weil diese „zu politisch wurde“, ging sie in die Industrie und arbeitete in Leitungspositionen der Wohnungswirtschaft. Von 1984 bis 1992 machte sie Mode, dann wechselte sie in die Versicherungsbranche.

Ihr Buch „Die Berberbraut“ erscheint broschiert mit 358 Seiten im Verlag Pro Business; ISBN: 978-3864602535; es kostet 14,90 Euro. Das E-Book für 7, 49 Euro.

Erste Lesungen und Ausstellungen soll es in der Gemeindeverwaltung Stahnsdorf und bei der Awo in Teltow, Potsdamer Straße, geben.

 

Von Claudia Krause

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