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Sturm „Kyrill“ bleibt unvergessen

Brachwitz Sturm „Kyrill“ bleibt unvergessen

Zehn Jahre ist es nun schon her, dass ein schweres Sturmtief durch das Dörfchen Brachwitz (Potsdam-Mittelmark) fegte. Bäume knickten um wie Streichhölzer, Schuppendächer flogen durch die Luft. Zahlreiche Fotos erinnern heute an die Verwüstungen von damals. Ein Bewohner hatte besonders großes Glück.

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Frank Keller zeigt auf einer Tafel mit Fotos von damals, welchen Weg der Sturm „Kyrill“ durch Brachwitz genommen hat.

Quelle: Christiane Sommer

Brachwitz. Als die Wetterprognose in der vergangenen Woche Sturm „Xaver“ angekündigt hat, sind bei den Brachwitzern sicher dunkle Erinnerungen wach geworden. Doch anders als vor zehn Jahren ist die knapp 200 Einwohner zählende Gemeinde diesmal verschont geblieben. Im Wald sind zwar einige Bäume umgeknickt, aber das große Chaos blieb zum Glück aus.

Auch die Spur der Verwüstung, die das Sturmtief „Kyrill“ seinerzeit hinterlassen hat, ist mittlerweile verschwunden. „Meine Hühner scharren aber heute noch kleine Bruchstücke von Dachplatten aus der Erde, die damals durch die Luft geflogen sind“, sagt Lothar Gärtner, der jene Nacht vom 18. zum 19. Januar 2007 als seinen zweiten Geburtstag bezeichnet. Mehr noch: Der mittlerweile 60-Jährige gesteht, wenn er in Richtung Dorfanger geht, regelmäßig an der Informationstafel vor der Kirche inne zu halten. Auf ihr finden sich allerlei Informationen zum Ort und auch über den Sturm.

Aus dieser Richtung kam „Kyrill“ vor zehn Jahren

Aus dieser Richtung kam „Kyrill“ vor zehn Jahren.

Quelle: Christiane Sommer

Den Schlüssel zum Inneren des Gotteshauses hat Frank Keller parat. Im Vorraum steht eine weitere, großformatige Tafel mit nahezu 50 Fotografien, die ebenfalls an „Kyrill“ erinnern. Die Bilder zeigen beschädigte Wohnhäuser, Stallgebäude und Scheunen. Abgeknickte, entwurzelte und abgedrehte Bäume – und den Weg, den das Sturmtief in jener Nacht mit mehr als 115 Stundenkilometern nahm.

„Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden“, erinnert sich Keller, stellvertretender Ortsvorsteher. Er deutet auf eine rote Linie, die den Weg des Sturms durch ein Waldgebiet von Brachwitz bis Kemnitz zeigt. Die Wunden, die „Kyrill“ dort hinterlassen hatte, sind ebenfalls weitgehend verheilt. Die neu angepflanzten Kiefern sind mittlerweile drei bis vier Meter hoch.

Die Kiefer im Vordergrund hatte dem Sturm standgehalten

Die Kiefer im Vordergrund hatte dem Sturm standgehalten.

Quelle: Christiane Sommer

Geblieben sind die Erinnerungen an jene Nacht, in der Lothar Gärtner einen Schutzengel in seiner Nähe hatte. Mit einem kräftigen Sturm hatte man im Dorf gerechnet. In den Medien war davor gewarnt worden. Gegen Abend wurde die Freiwillige Feuerwehr zum ersten Mal alarmiert, um Zufahrtsstraßen von abgebrochenen Ästen zu befreien. Zurück im Gerätehaus, zog binnen Minuten jedoch ein Tornado über den südlichen Teil des Dorfes – während Lothar Gärtner einfiel, dass er die Tür zum Hühnerstall noch nicht verschlossen hatte.

Kaum war das Federvieh hinter Schloss und Riegel, „flog das Schuppendach an mir vorbei“, so der 60-Jährige. Mehr weiß er nicht mehr. Als er wieder wach wurde, mit zwei Platzwunden auf dem Kopf, hatte sich „Kyrill“ bereits aus Brachwitz verabschiedet. Gärtner kam ins Krankenhaus nach Potsdam. „Das war die einzige Straße, die danach noch befahrbar war“, erklärt Frank Keller.

Lothar Gärtner vor seinem Schuppen, der nach dem Sturm neu aufgebaut werden musste

Lothar Gärtner vor seinem Schuppen, der nach dem Sturm neu aufgebaut werden musste.

Quelle: Christiane Sommer

In den Tagen danach begannen die Aufräumarbeiten. Die Medien gaben sich im Dorf die Klinke in die Hand und Wetterfrösche versuchten das Geschehene zu ergründen. Im ersten Jahr nach „Kyrill“ war der Tornado noch in vieler Munde. Experten wurden um Rat gefragt, wie das Dorf vor derartigen Naturereignissen geschützt werden könnte. „Fachleute von den Universitäten empfahlen, Windschutzstreifen mit unterschiedlich hohen Gehölzen anzulegen“, erinnert sich Keller. Verwirklicht wurden die Pläne nicht. Der 53-Jährige ergänzt: „Sie wurden nie konkret.“ Die anfänglichen Ängste der Menschen im Dorf vor ähnlichen Sturmereignissen haben sich nach seiner Einschätzung wieder gelegt.

Das Ausmaß der Schäden auf einem Schaubild

Das Ausmaß der Schäden auf einem Schaubild.

Quelle: Christiane Sommer

Auch Lothar Gärtner hat seinen Frieden mit „Kyrill“ gemacht. Der Schuppen hat längst wieder ein neues Dach und er hat eine Versicherung abgeschlossen, die im Fall der Fälle einspringt. „Die hatte ich damals nämlich nicht. 25 000 Euro habe ich deshalb schon an mir vorbei fliegen sehen“, bemerkt der 60-Jährige lachend. Dem Geld heult er keine Träne hinterher. „Ich lebe und habe seitdem zwei Mal im Jahr Geburtstag“, so Gärtner. Er offenbart, dass er sich in jener Januarnacht – als er von den Hühnern kam – eigentlich hatte im Schuppen unterstellen wollen.

Von Christiane Sommer

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