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Potsdam-Mittelmark Die Kita, die niemals schläft
Lokales Potsdam-Mittelmark Die Kita, die niemals schläft
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06:00 08.12.2018
Erzieherin Ines Frenkel-Gottwald beim Vorlesen. Quelle: foto: Julian Stähle
Teltow

Clara kann es kaum erwarten. Sie hebt ihre Zahnbürste in die Luft, Erzieherin Ines Frenkel-Gottwald beugt sich zu dem zarten Mädchen herunter und gibt ihm einen erbsengroßen Kleks auf die Zahnbürste. Schon schrubbt die Zweijährige los. „Schön putzen“, sagt die Erzieherin und wendet sich einem anderen Mädchen zu. Nebenan am Wickeltisch bekommt gerade der einjährige Elias eine frische Windel von Frau Diez, einer anderen Erzieherin, verpasst. Clara ist fertig mit Zähneputzen. Jetzt greift ihre Hand nach der von Ines Frenkel-Gottwald. Gemeinsam geht es den langen Flur entlang in den Schlafraum.

Viel Zeit nehmen sich die Erzieher in der Kita „Traumreich“ für die Kleinen. Quelle: Julian Stähle

Ein ganz normaler Tag in der Teltower KindertagesstätteTraumreich“. Und doch ist es keine normale Kita. Denn hier können die Kleinen auch über Nacht und am Wochenende betreut werden – sofern die Eltern rechtzeitig Bescheid sagen. Das Angebot ist in dieser Form einmalig in Potsdam-Mittelmark.

21 Kinder kommen täglich in die Einrichtung am Rande eines Wäldchens auf dem Gelände des Diakonischen Zentrums Bethesda. Vier Erzieher kümmern sich Tag und Nacht um die Mädchen und Jungen. Ein Erzieher-Kind-Schlüssel, der andernorts neidisch macht, doch in Kitas mit Übernachtungsmöglichkeiten unerlässlich ist. „Die Kinder haben großes Vertrauen zu uns und eine enge Bindung“, sagt Ines Frenkel-Gottwald. Im „Traumreich“ gehe es familiärer zu als in vielen größeren Einrichtungen.

Erzieherin kennt die Nöte der Eltern

Die 55-Jährige ist seit 32 Jahren Erzieherin und seit anderthalb Jahren in der Teltower Kita angestellt. Eine bewusste Entscheidung, wie sie sagt, weil sie als junge Mutter früher selbst erfahren hat, was es heißt, keine Großeltern vor Ort zu haben und berufstätig zu sein. „Von daher weiß ich, in welchen Nöten Eltern sind.“

In der Kita Traumreich sind es vor allem Krankenschwestern und -pfleger, Flughafenmitarbeiter, Ärzte, Polizisten und Verkäuferinnen im Einzelhandel, die das Angebot wahrnehmen. Ein Drittel der Elternschaft sei alleinerziehend, sagt Solveig Haller, Leiterin des kommunalen Kita-Trägers „MenschensKinder Teltow“. Im Jahr 2014 wurde die Rund-um-die-Uhr-Kita mit Blick auf die Eröffnung des Großflughafens in Berlin-Schönefeld eröffnet. „Immer wieder gab es Anfragen von Eltern, die in Teltow und Potsdam studierten und auf der Suche nach einem alternativen Betreuungsangebot waren“, sagt Solveig Haller. Durch eine Sonderfinanzierung des Landkreises und Zuschüsse der Stadt Teltow konnte es realisiert werden. Für viele Eltern ein Segen, denn wer nachts und in Schichten arbeitet, muss sehen, wo die Kinder unterkommen.

Auch über Nacht können die Kinder in der Kita bleiben –sofern rechtzeitig von den Eltern Bedarf angemeldet wird. Quelle: Julian Stähle

Noch ist im „Traumreich“ nicht an Schlafen zu denken. Emma hockt auf ihrer grün bezogenen Matratze, zieht ihre Strümpfe und die Hose aus. „So und jetzt noch den Pullover“, sagt Ines Frenkel-Gottwald. Helene, drei Jahre alt, sitzt bereits in Hemd und Unterhose auf ihrer Matratze und legt sich ihr Anna-und-Elsa-Kissen zurecht. Clara zieht sich ein Bilderbuch aus dem Bücherregal, reicht es ihrer Erzieherin und nimmt auf ihrem Oberschenkel Platz. Auf dem anderen Bein hat bereits ein anderes Mädchen Platz genommen und lauscht der Geschichte.

Entlastung für die Eltern, aber Stress für die Kinder?

Kindergärten wie das „Traumreich“ in Teltow mit einer 24-Stunden-Betreuung gab es schon in der ehemaligen DDR. Mit dem Geburtenknick nach der Wende sank der Bedarf. In Brandenburg gibt es derzeit zehn Kindertagesstätten, in denen Kinder übernachten können, darunter in Cottbus und Frankfurt (Oder). „Der Trend geht dahin, dass Kinder mehr Zeit in den Kindertagesstätten verbringen“, sagt Ines Frenkel-Gottwald. Das belegen auch kürzlich veröffentlichte landesweite Zahlen des Bildungsministeriums, wonach im vergangenen Jahr in Brandenburg rund 70 Prozent aller Krippen- und Kindergartenkinder länger als sechs Stunden betreut wurden.

Das alternative Betreuungsangebot der Kita „Traumreich“ in Teltow gibt es seit dem Jahr 2014. Quelle: Julian Stähle

Kitas, die sich auf Eltern spezialisiert haben, die zu Randzeiten ein Betreuungsproblem haben, prüfen genau, ob die Mütter und Väter tatsächlich Bedarf haben. „Um einen Platz in unserer Kita zu bekommen, müssen Eltern ihre besonderen Arbeitszeiten wie etwa Schichtarbeit nachweisen“, erklärt Kitaleiterin Gabriele Schadow. Grundsätzlich ist die Kita von 6 bis 17 Uhr geöffnet. „Darüber hinausgehende Öffnungszeiten werden nach rechtzeitiger Anmeldung von den Eltern durch uns ermöglicht. Dann können diese Kinder auch beispielsweise das Abendbrot bei uns einnehmen oder bei uns schlafen.“ Wer die Voraussetzungen für die 24-Stunden-Kita langfristig nicht mehr erfüllt, dem werde nahe gelegt, in eine „normale“ Kita zu wechseln.

„Nicht jedes Kind kann das“

Während die Kita samstags und sonntags fast immer geöffnet ist, werde die nächtliche Betreuung von den meisten Eltern nur im Notfall genutzt, sagt die Kita-Leiterin. So wie im Fall einer Mutter, die ihre beiden Kinder über Nacht in der Kita abgab, weil sie die Schicht auf der Pflegestation übernehmen musste. Inzwischen hat sie eine andere Möglichkeit gefunden, ihre Kinder in der Nacht zu betreuen.

Sollten die Kleinen über Nacht im Kindergarten bleiben müssen, werden sie nicht etwa für 24 Stunden am Stück in der Kita abgegeben, sondern zum Beispiel am späten Nachmittag. Vor dem Schlafen gibt es dann noch ein gemeinsames Abendbrot. „Nach dem Zähneputzen bauen wir auf der Matratze ein kuscheliges Nest, ich verteile kleine Lichter und lese etwas vor, wie zu Hause auch“, erzählt Frenkel-Gottwald, die selbst in der Nähe schläft. Erst am Morgen übergibt sie die Kinder den Eltern, damit sie nicht aus dem Schlaf gerissen werden.

Kita-Leiterin Gabriele Schadow. Quelle: Julian Stähle

„In Gesprächen fühlen wir immer noch einmal nach, ob es noch andere Lösungen gibt und nicht vielleicht doch die Oma nachts oder am Wochenende einspringen kann“, so Kitaleiterin Schadow. Kinder hätten in der Regel nun einmal die engste Bindung zur Familie . „Wir begleiten die Familie, ersetzen sie aber nicht.“ Aber oft würden die Großeltern selbst noch arbeiten oder wohnten gar nicht in der Nähe. „Dann ist unser alternatives Betreuungsangebot eine gute Unterstützung für die Eltern.“ Bei der Entscheidung, ob diese Kita den Eltern nutzt, stehe immer das Kind im Vordergrund, betont die Kindergartenleiterin. Denn die Erzieher sind sich der Schattenseiten der Rund-um-die-Uhr-Kita durchaus bewusst. Kinder seien sehr individuell, erklärt Frenkel-Gottwald. Während einige relativ entspannt damit umgehen, hätten andere Probleme nachts von den Eltern getrennt zu sein. „Gerade abends, wenn es dunkel wird sind Mama und Papa am allerwichtigsten für die Kleinen. Nicht jedes Kind kann das.“

Mit Sorge beobachtet die Erzieherin, dass der Arbeitsstress der Eltern größer geworden ist. Auch wenn die Eltern durch die Kita entlastet würden, seien zehn Stunden in der Kita für manche der Kleinen sehr anstrengend. Ein ganzer, langer Kindergartentag mit vielen tollen Erlebnissen, aber auch Konflikten sei für Kinder harte Arbeit. „Überlegen Sie mal, wie Sie sich nach einem 10-Stunden-Tag fühlen“, sagt Frenkel-Gottwald. Kinder würden einen Raum brauchen, wo sie ihre Seele baumeln lassen können. „Und diesen bieten wir ihnen, da wir sehr familiär sind.“

Ähnlich sieht es die Kitaleiterin. „Die Arbeitszeiten vieler Eltern gehen an die Grenzen des Verkraftbaren für die Kinder.“ Je jünger ein Kind sei, desto anstrengender sei ein langer Kitatag für das Kind. Trotz aller Zuwendung, die die Erzieher den Kindern schenken, mache sich bemerkbar, dass einigen die Situation zusetze. „Bei ständig langen Aufenthaltszeiten beginnen einige Kinder zu nörgeln und fragen ,Wann kommt Mama?‘ Trost und Ablenkung unsererseits fruchten dann nicht mehr.“ Trotzdem geben die Erzieher ihr Möglichstes, damit es den Kindern gut geht. Und es gebe auch positive Beispiele. „Kinder, die eine enge emotionale Bindung zu ihren Eltern aufbauen konnten, meistern diese Tagesabläufe wesentlich besser. Sie sind psychisch stabil, gefestigt, ruhen in sich. Darum ist eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Eltern so wichtig.“

Gemeinsam schmeckt’s am besten: Die Kinder fühlen sich sichtlich wohl in der Kita. Quelle: Julian Stähle

So wie mit Miriam Fischer, der Mutter von Helene. Für ihre Tochter suchte die Familie vor drei Jahren einen Platz in einer Kita, die früh morgens und an den Wochenenden geöffnet hat. „Sowohl mein Partner als auch ich arbeiteten als Heilerziehungspfleger in einer Wohnstätte für Behinderte im Schichtdienst. Wir brauchten eine Kita, die um 6 Uhr geöffnet hat.“ Einmal im Monat gaben sie ihre Tochter auch am Wochenende in die Kita. „Für Helene war das kein Problem. Sie hat sich wohlgefühlt und war zu klein, um zu begreifen, ob es sich um einen Montag oder einen Sonntag handelt“, erzählt sie. „Aber für uns als Eltern war es schrecklich.“ Die Mutter hatte Gewissensbisse, weil das Wochenende „doch eigentlich der Familie gehört“.

Aus diesem Grund hat sich Miriam Fischer, die seit fünf Monaten wieder in Elternzeit ist, beruflich umorientiert. Sie arbeitet in einer Kita – mit regelmäßigen Arbeitszeiten. Das bringt Ruhe in die Situation, aber ein anderes Problem mit sich: Streng genommen, erfüllt Helenes Mutter mit ihrer neuen Stelle nicht mehr die Voraussetzungen, damit ihr Kind in der Kita bleiben kann. Doch ein Kitawechsel kommt für die Familie nicht infrage. „In zwei Jahren kommt Helene in die Schule. Sie aus der Kita zu nehmen, ist für uns keine Option.“ Die Eingewöhnung in eine neue Kita hält Miriam Fischer für bedenklich, auch weil ihre Tochter Freunde im Kindergarten gefunden habe.

In der Kita sucht man auch in solchen Fällen das Gespräch mit den Eltern. Viele hätten das Einsehen. So seien drei Familien mit ihren Kindern nach den Sommerferien in eine Regelkita gewechselt, weil sie eine normale Einrichtung nutzen können, berichtet Solveig Haller. „Die Kita ist eben explizit für Eltern mit einem anderen Bedarf.“

Inzwischen ist Ruhe eingekehrt im Schlafsaal. Frau Diez steht auf, zieht die Vorhänge zu und macht den Kindern eine CD mit Musik zum Einschlafen an. Zärtlich streichelt Ines Frenkel-Gottwald einem Mädchen übers Haar. „Träum was Schönes!“, flüstert die Erzieherin. Die Kinder sind müde. Im „Traumreich“ schläft man schnell ein.

Von Diana Bade

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