Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 5 ° heiter

Navigation:
Tödliche Spritztour auf dem Riewendsee

Vor 50 Jahren: Panzerunglück mit Kindern Tödliche Spritztour auf dem Riewendsee

An der kleinen Dorfbadestelle mit dem weichen Sand öffnet das Schilf seinen Vorhang. Was für ein schöner See, was für eine schreckliche Katastrophe! Nichts erinnert heute in Riewend daran, dass vor genau 50 Jahren sieben Ferienlagerkinder beim Untergang eines NVA-Schwimmpanzers ertrunken sind.

Voriger Artikel
Wenzlower Chor gibt auf
Nächster Artikel
Oldtimer fährt Sport-Oldtimer

Drei Runden lang geht alles gut. Bei der vierten Spritztour versinkt dieser Schwimmpanzer. Sieben Jungen ertrinken im Riewendsee.

Quelle: Foto: MDR/HAKoMa

Riewend. Die sattgrüne Liegewiese ist gepflegt, ein überdachter Rastplatz schützt vor Sonne und Regen. An der kleinen Dorfbadestelle mit dem weichen Sand öffnet das Schilf seinen Vorhang. Was für ein schöner See, was für eine schreckliche Katastrophe! Nichts erinnert heute in Riewend daran, dass vor genau 50 Jahren sieben Ferienlagerkinder beim Untergang eines NVA-Schwimmpanzers ertrunken sind.

Einer, der die Tragödie am 24. August 1965 nicht vergessen kann, ist Horst Pastor (74). Der Brandenburger blickt aufs Wasser und muss schlucken: „Es war furchtbar. Ich hätte über die Klinge springen können.“ Pastor war am Unglückstag der erste Taucher, der zum versunkenenen Kettenfahrzeug vom Typ PT 76 in etwa drei Meter bis vier Meter Tiefe vordrang. Obwohl Zivilist, bekam er in Riewend einen militärischen Auftrag: Die Lage der Leichen lokalisieren, das Getriebe entkuppeln und ein Stahlseil für die Bergung des Panzers anschlagen.

Tödliche Spritztour

Der am 24. August 1965 im Riewendsee untergegangene Schwimmpanzer PT 76 gehörte zum in Groß Behnitz stationierten Aufklärungsbataillon 1. Die Einheit wurde später nach Lehnin und dann nach Beelitz verlegt.

Die Soldaten hatten die Kinder zu einer Spritztour eingeladen. An der Unglücksfahrt nahmen 21 Kinder und Betreuer teil. Bis auf den Fahrer befanden sich alle Personen auf dem Panzer.

Mitten auf dem See passierte die Katastrophe. Die Kinder rutschten nach vorn zusammen. Vermutlich wegen der Motorhitze im Heckbereich oder weil sie hören wollten, was der aus seiner Luke schauende Fahrer zu sagen hatte.

Der Panzer begann sich nach vorn zu neigen. Als plötzlich Wasser in die Luke schlug, ging alles ganz schnell. Der Panzer wurde in die Tiefe gezogen. 14 Kindern und dem Fahrer gelang der Absprung. Sieben Jungen ertranken.

Horst Pastor war einer der bekanntesten Taucher und Entwickler in der DDR. In Brandenburg an der Havel leitete er die zentrale Werkstatt der GST-Tauchtechnik.

Nach der Wende machter er sich zusammen mit seiner Frau selbstständig und gründete die Tauchtechnik GmbH.

Heute ist Pastor Rentner. Das Tauchen hat er nach vielen Reisen inzwischen aufgegeben.

Pastor war schon mit 24 eine bekannte Nummer im Brandenburger Unterwassersport. Er hatte die GST-Tauchgruppe gegründet, tüftelte an technischen Ausrüstungen und trug den Titel eines DDR-Meisters. Während das Riewender Kinderferienlager „Flax und Krümel“ des Deutschen Fernsehfunks unter Schock stand, holte man Pastor von seiner Drehmaschine im Getriebewerk fort. Mit einem selbstgefertigten Neoprenanzug, Sieben-Liter-Flasche und eigenem Kompressor traf Pastor am Ort der Katastrophe ein.

Die Lage der vermissten Kinder hatte der zunächst mit einem Seil gesicherte Pastor schnell erfasst. Sie lagen nahe um den Panzer auf dem morastigen Seegrund. „Die Sicht war gleich Null. Ich habe die Körper ertastet. Ein grausiges Gefühl“, erinnert sich Brandenburgs Tauchpapst. Die Leichen, alles Jungen, wurden später von Feuerwehr- und Pioniertauchern geborgen. Dann wurde es für Pastor selbst gefährlich. Er tauchte durch die Turmluke in den Panzer. In völliger Dunkelheit behinderten vermutlich aufgeblähte Tarnnetze den Weg nach vorn zum Gestänge. So war das nicht geplant.

Katastrophe beim Sommerspaß

An Land hatte sich Pastor in einem baugleichen Modell die Lage der Innenausstattung genau eingeprägt. „Eine falsche Bewegung und ich wäre nie wieder hoch gekommen“, erinnert sich der Brandenburger. Doch Pastor wollte nicht aufgeben. Es gelang ihm den Panzer zu entkuppeln, was die spätere Bergung enorm erleichterte. Dann klinkte er ein Stahlseil am Bug des PT 76 ein. Seine Arbeit war erledigt.

Horst Pastor am Riewendsee

Horst Pastor am Riewendsee.

Quelle: F. Bürstenbinder

Die der anderen Helfer und Betreuer noch lange nicht. Die Badestelle glich bald einem Heerlager. Mittendrin immer wieder Zählappelle unter den Ferienlagerkindern. Wer ist da, wer fehlt? Tragödien spielten sich ab. Riewend wurde abgeriegelt. Nachrichtensperre. Trotzdem bekam Rias Berlin Wind von der Sache, vermeldete das Drama als Erster. Mit einem Bergepanzer wurde der abgesoffene PT 76, auf dem 21 Kinder und Betreuer zu einer Spritztour Platz genommen hatten, aus dem Riewendsee gezogen und später wieder in Dienst gestellt.

Der Fahrer, ein als kinderfreundlicher Offizier bekannter Unterleutnant, verbrachte sein Leben als gebrochener Mann. Und Horst Pastor? Für seine waghalsigen Tauchgänge bekam er einen Orden und eine Armbanduhr. Pastor schluckt noch einmal: „Sie haben mich nicht vergessen. Aber lebendig wird davon keiner wieder.“

Von Frank Bürstenbinder

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam-Mittelmark

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg