Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° Regen

Navigation:
Treuenbrietzen: Film arbeitet Kriegsschatten auf

Massaker von Nichel dokumentiert Treuenbrietzen: Film arbeitet Kriegsschatten auf

Der Erschießung von 127 Italienern bei Nichel und der Weg zur Treuenbrietzener Gedenkveranstaltung für Kriegstote dreier Nationen sind nun auch Thema eines deutsch-italienischen Filmprojektes mit dem Titel „Im märkischen Sand“. Die Webdokumentation basiert auf Gesprächen mit Italienern und Deutschen. Premiere war nun in Treuenbrietzen.

Nichel 52.114283354821 12.83552743291
Google Map of 52.114283354821,12.83552743291
Nichel Mehr Infos
Nächster Artikel
Am Sonntag Bürgermeister-Stichwahl

Der letzte Überlebende des Massakers von Nichel: Antonio Ceseri (92) – hier 2015 mit Italiens Botschafter Pietro Benassi (li.) und Gianfranco Ceccanei (re).

Quelle: Thomas Wachs

Treuenbrietzen. Dieser Schmerz sitzt tief. Und über Jahrzehnte ist Antonio Ceseri sehr einsam damit. Das erzählt der heute 92 Jahre alte Italiener als eine der Hauptfiguren in der jetzt veröffentlichten Filmdokumentation „Im märkischen Sand“.

Als Ceseri kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus Treuenbrietzen in die Heimat zurückkehrt, will niemand von einem Massaker an seinen Landsleuten hören. Das haben nur er und drei weitere Zwangsarbeiter des Munitionswerkes der Rüstungsfirma Kopp & Co. im Sebaldushof Treuenbrietzen überlebt. „Ein paar Hundert Tote mehr oder weniger – es starben so viele“, hört der junge Mann aus Florenz damals von Militärbehörden, als er den Mord melden möchte. Fortan spricht Ceseri nicht mehr davon, wie er – unter Leichen seiner Kameraden begraben – die Erschießung überlebt hat.

Aus Verbündeten sind Feinde geworden

Ende der 1990er-Jahre dann ein Anruf aus Deutschland. Der in Berlin lebende Landsmann, Historiker und Lehrer Gianfranco Ceccanei kümmert sich mit seinem deutschen Kollegen und Freund Bodo Förster um die Aufarbeitung des Schicksals von annähernd 650 000 italienischen Militärinternierten aus der Zeit von 1943 bis 1945. Nach dem Bruch des Bundes zwischen deutschen und italienischen Nationalsozialisten waren sie zu Feinden geworden und nach Deutschland verschleppt worden. Von diesen werden 127 am 23. April 1945 im Wald an der heutigen Kiesgrube bei Nichel von deutschen Soldaten erschossen.

Rund 1500 Zwangsarbeiter in der Stadt

Die Filmproduktion „Im märkischen Sand“ ist eine zweisprachige, interaktive Webdokumentation. In 18 thematischen und biografischen Gegenwartsepisoden wird die Geschichte Italienischer Militärinternierter und deren Erschießung 1945 bei Nichel aus heutiger Sicht dokumentiert.

Historische Hintergründe werden in sechs begleitenden Geschichtsepisoden ausgeleuchtet. Hier kommen animierte Tableaus im Stil grafischer Erzählungen zur Anwendung, die von italienischen Zeichner Cosimo Miorelli gestaltet wurden. Die Musik wurde komponiert von Stefano Fornasaro und Andrea Blasetig.

Das Filmprojekt, das nun auch für Schulen etc. zur Verfügung steht, wurde gefördert vom Deutsch-Italienischen Zukunftsfond, der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft und der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung.

Militärinternierte waren circa 650 000 italienische Soldaten, die nach der Kapitulation Italiens am 8. September 1943 und dem Zerfall des Bündnisses zwischen Berlin und Rom zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert wurden. 50 000 von ihnen kehrten nicht heim.

In Treuenbrietzen waren rund 150 Italiener im Munitionswerk Sebaldushof inhaftiert. Gemeinsam mit Russen, Polen Franzosen und Serben leisteten sie Zwangsarbeit. Einen zweiten Standort gab es am Selterhof. Insgesamt sollen um die 1500 Zwangsarbeiter in beiden Werken von Kopp & Co. tätig gewesen sein.

Ob er einer der Überlebenden sei, will Ceccanei von Ceseri wissen. Ja, sagt der und beginnt – so viele Jahre nach dem grausamen Erlebnis – erstmals wieder darüber zu reden. Vor Landsleuten, Schülern und bald auch in Deutschland und in Treuenbrietzen. So wie auch sein Freund und Leidensgenosse Edo Magnalardo aus Chiaravalle. Auch er überlebt das Massaker. Jahrzehnte später sind es die beiden Männer, die ab 1999 bei Besuchen am einstigen Sebaldushof und an der Gedenkstätte Nichel von Versöhnung reden, die ohne Hass auf die Täter in Zukunft gelebt werden sollte. Gemeinsam mit der Stadt Treuenbrietzen und dem Heimatverein finden seit 1999 jährlich Ende April Gedenktage statt. Seit 2005 nehmen auch Vertreter der russischen Botschaft regelmäßig daran teil. Eine Versöhnung über den Gräbern der Opfer dreier Nationen wird gepflegt. Im Juni 2010 werden Treuenbrietzen und die italienische Stadt Chiaravalle offizielle Partner. Dies war 2002 ein Wunsch Edo Magnalardos, der aus Chiaravalle stammt, jedoch 2004 starb.

Brandenburg-Premiere der Web-Doku „Im märkischen Sand“ im  Treuenbrietzener Kino

Brandenburg-Premiere der Web-Doku „Im märkischen Sand“ im Treuenbrietzener Kino.

Quelle: Thomas Wachs

Der lange Weg zu dieser heutigen Gedenkkultur mit ihren noch immer ungelösten Fragen und Problemen ist nun auch Thema der filmischen Dokumentation „Im Märkischen Sand“. Nach dem traditionellen Gedenken war sie am Sonntagnachmittag erstmals in den Treuenbrietzener Kammerspielen zu sehen. Und Anlass für eine Debatte über Fragen der Schuld, der Verantwortung und des heutigen Umgangs mit Themen, die lange Jahre verschüttet waren. „Die Militärinternierten waren bei uns in Italien kein Thema“, erzählt Nina Mair vom Filmteam gegenüber der MAZ. Einen „blinden Fleck“ in der Reflexion zum Thema Zwangsarbeiter hat ihr Kollege Matthias Neumann bis heute in Treuenbrietzen ausgemacht. Ebenso schwer sei es gewesen, Zeitzeugen vor die Kamera zu bekommen, die über ihre Erlebnisse und sowjetische Erschießungen an Treuenbrietzener Zivilisten berichten wollten.

Die Filmemacher Katalin Ambrus (re.), Nina Mair und Matthias Neumann (li.), hier mit einem der Protogonisten, Carmine Mancini, haben die Webdoku „Im Märkischen Sand“ gedreht.

Quelle: Thomas Wachs

Gemeinsam mit Katalin Ambrus erzählen die drei Filmemacher in ihrer Dokumentation vom Schicksal der Militärinternierten am Beispiel der Treuenbrietzener Rüstungsfabrik und beleuchten das Umfeld der fast zeitgleich erfolgten Massaker an Deutschen und Italienern. Zeitzeugen kommen zu Wort und Menschen, die sich heute der Erinnerung verpflichtet fühlen. Darunter die am örtlichen Gymnasium angesiedelte Geschichtswerkstatt. Deren Mitstreiter pflegen das Gedenken rund um den Sebaldushof.

Waltraud Repolusk erzählt im Film indes davon, wie ihr Vater an der Leipziger Chaussee von russischen Soldaten erschossen wurde, als die Familie mit Handwagen vor dem Einmarsch floh. Der Italiener Carmine Mancini verlor als Dreijähriger 1945 bei Nichel seinen Vater. 1992 fand er endlich dessen Grab auf dem italienischen Soldatenfriedhof in Berlin-Zehlendorf. In Treuenbrietzen spricht Mancini am Sonntag von „tiefer Genugtuung und Dankbarkeit“ dafür, dass die Ereignisse von damals heute einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden „und immer mehr Menschen Jahr für Jahr hierher zum gemeinsamen Gedenktag kommen“, sagt er der MAZ.

Im Internet und im Fernsehen

Im Internet zu sehen ist die Webdokumentation „Im märkischen Sand“ unter der Adresse: www.imidoc.net

Eine Aufarbeitung der Webdokumentation läuft am Samstag, 30. April, 18 Uhr, im RBB-Fernsehen unter dem Titel „Das dunkle Geheimnis von Treuenbrietzen“.

Die Sendung „Klartext“ berichtet am Mittwoch, 27. April, 22.15 Uhr, ebenfalls zum Thema.

Klar wird in der hauptsächlich für das Internet produzierten und dort mit historischen Dokumenten angereicherten Arbeit, wie schwer diese Erinnerung heute zu praktizieren ist. Denn auch das am 23. April 1945 fast zeitgleich verübte Massaker sowjetischer Soldaten an zahlreichen Treuenbrietzener Zivilisten bedrückt bis heute. Vor allem die Frage nach dem Warum kann in beiden Fällen noch immer nicht beantwortet werden.

Ort der Freundschaft entstanden

Bürgermeister Michael Knape (parteilos) wertet die Webdokumentation als weiteren Schritt, „um das Vermächtnis von Edo Magnalardo und Antonio Ceseri zu erfüllen und die Erinnerung wach zu halten“. Alessandro Gaudiano, Gesandter der Botschaft Italiens, hält Treuenbrietzen heute für „einen Ort der Freundschaft“, der über das gemeinsame aktive Gedenken entstanden sei. Die Verantwortung liege nun darin, diese Befreiung jedes Jahr neu zu wiederholen.

Historiker Bodo Förster spricht indes davon, dass Treuenbrietzen „noch Leichen im Keller hat“, was die Aufarbeitung der Massaker einerseits an den Italienern und andererseits an den deutschen Zivilisten angehe. „Versöhnung heißt nicht, die Täter zu ehren“, sagt Förster am Sonntag im Kino Kammerspiele. Keine Unterschiede machen möchte diesbezüglich Heimatvereinschef Wolfgang Ucksche. Er sieht in den in den Krieg geschickten Soldaten keine Mörder. Opfer und Täter gleichermaßen zu ehren müsse daher heute möglich sein, sagt er im Filmbeitrag.

Auch Staatsanwälte schufen kein klares Bild

Trotz intensiver Recherchen, die auch durch Ermittlungen von Staatsanwaltschaften in Deutschland wie Italien begleitet waren, sei kein klares Bild für die Treuenbrietzener Vorfälle entstanden, sagt Bodo Förster. Hoffnungen setzen der Historiker wie auch die Treuenbrietzener diesbezüglich in die Öffnung von Archiven, vor allem in Moskau.

Nach Ansicht von Matthias Neumann, dem Autor der Web-Dokumentation, „verstellt das Gedenken an die Massaker heute aber auch den Blick auf die Geschichte“. Die Rüstungsfabrik mit ihren zwei Standorten war bald größter Arbeitgeber für Leute aus der Stadt. „Sie haben mitbekommen, was dort läuft.“ Das zeigen die Erzählungen einer Nachbarin im Film. Ihre Eltern arbeiteten im Rüstungswerk. Als Kinder spielten sie am Zaun des Gefangenenlagers und Italiener kamen zur Arbeit auch mal mit nach Hause.

Waldtraud Repolusk hat ich bewusst entschieden, über den Verlust des Vaters vor der Filmkamera zu reden. „Ich wundere mich, dass heute nicht mehr Leute darüber sprechen, was die Erschießungen für viele Familien in der Stadt damals bedeutet haben“, sagt die Seniorin am Sonntag. „Wir müssen diese Erinnerung an nächste Generation weitergeben, damit sich diese schlimmen Dinge nicht wiederholen“, glaubt die 80-Jährige. „Der Film trägt auf jeden Fall dazu bei“, so Waltraud Repolusk.

Von Thomas Wachs

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam-Mittelmark

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg