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Treuenbrietzener Psychiatrie feiert Geburtstag

Klinik wird 25 Treuenbrietzener Psychiatrie feiert Geburtstag

Beim Wort Psychiatrie denken noch heute viele Menschen an Zwangsjacke und geschlossene Abteilung. Dabei wird seit 25 Jahren in Brandenburg eine andere Linie in der Behandlung psychischer Krankheiten verfolgt: offene Türen und Therapie statt Verwahrung. In Treuenbrietzen steht die Klinik, die diesen Weg als erste beschritt. Nun wird sie 25 Jahre alt.

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Claudia Scharke (re.) aus Hennigsdorf ist Patientin auf der Psychosomatischen Station des Johanniter-Krankenhauses Treuenbrietzen und Teilnehmerin des therapeutischen Malkurses.

Quelle: Uwe Klemens

Treuenbrietzen. Am 1. September 1991, kaum ein Jahr nach dem Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten, wurde am Stadtrand von Treuenbrietzen eine weitere Wiedervereinigung begangen: Die Eröffnung der ersten wohnortnahen psychiatrischen Klinik in Brandenburg bedeutete auch die Wiedereingliederung der Psychiatrie in die Medizin im Land. Nun feierte die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Johanniter-Krankenhaus ihren 25. Geburtstag mit einem großen Festakt.

Und es gibt wirklich einiges zu feiern. Aus ursprünglich fünf großen Versorgungsstandorten für psychisch Kranke auf dem Gebiet des Landes Brandenburg wurden sukzessive 18 Kliniken. „Die Versorgung der Psychiatrie-Patienten fand früher weit draußen statt“, sagt Christopher Rommel, Chefarzt in der Treuenbrietzener Klinik.

Einst noch mitten in der Gesellschaft

Dabei war es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch völlig normal, dass psychisch Kranke in der Mitte der Gesellschaft lebten. „Es gab in jedem Dorf, in jeder Stadt die Sonderlinge“, sagt Rommel, „die gehörten dazu und um die wurde sich gekümmert.“ Mit der zunehmenden Industrialisierung änderte sich die Lage. „Wohnort und Arbeitsort waren nicht mehr automatisch eins, die Menschen mussten mehr unterwegs sein, hatten weniger Möglichkeiten zur Fürsorge“, erklärt der Chefarzt mit doppeltem Doktortitel.

Christopher Rommel, Chefarzt in der Treuenbrietzener Klinik

Christopher Rommel, Chefarzt in der Treuenbrietzener Klinik.

Quelle: MAZ-Archiv

Schließlich kam die Zeit des Naziregimes. Nun wurden die Patienten weit entfernt von ihren Familien hinter Anstaltsmauern verbracht, mehrfach verlegt und schließlich nach einem auf den 1. September 1939 datierten Beschluss im Zuge der sogenannten Aktion T4 zu Hunderttausenden getötet.

Schockstarre auf der Psychiatrie

„Nach dem Krieg lag eine Schockstarre auf der Psychiatrie“, sagt Christopher Rommel, „denn die Ärzte hatten sich am Morden beteiligt.“ Langsam wurde ein Weg gesucht, wieder menschenwürdig psychische Krankheiten zu behandeln. Er führte hin zu großen Versorgungszentren in Ost und West – wieder weit weg von Wohnort und Familie, von Arbeitsplatz und Alltag. Im Westdeutschland wurde schließlich 1975 eine Reformierung der psychiatrischen Behandlung angestoßen: sie wurde hin zu den Krankenhäusern verlegt, hin zu den Wohnorten.

Die Treuenbrietzener Psychiatrie

Die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik ist seit 25 Jahren Teil des heutigen Johanniter-Krankenhauses Treuenbrietzen.

Sie verfügt über 60 stationäre Behandlungsplätze. Zudem gibt es 42 tagesklinische Plätze an diversen Orten.

Behandelt werden Patienten mit Psychosen, neurotischen Fehlentwicklungen, Essstörungen, Depressionen, körperlichen Erschöpfungszuständen, Suchterkrankungen, seelischen Störungen und akuten Belastungskrisen.

Die durchschnittliche Dauer der stationären Behandlung beträgt in der Treuenbrietzener Psychiatrie 22 Tage.

Die Krankheitsbilder sind häufig. Im Jahr 2012 wurden mehr als 60 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankung registriert. Sie bilden damit die zweithäufigste Ursache für Krankschreibungen.

In der DDR sah es anders aus. Eine erste Untersuchung der Zustände in den Psychiatrien des untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaates kam 1991 zu dem Ergebnis, dass die Versorgung psychisch kranker Patienten in der DDR in der Regel einer Verwahrung in baufälligen Großkliniken bedeutet hat. Gleichzeitig wurde vom DDR-Regime anders als im Dritten Reich die Psychiatrie nicht flächendeckend als Machtinstrument missbraucht. „Es gab einzelne Fälle, in denen unliebsame Menschen vom Kreisarzt in die Psychiatrie eingewiesen wurden“, betont der heutige Chefarzt der Treuenbrietzener Klinik Rommel. Auch das hat eine unabhängige Überprüfung ergeben. Ihn habe es beruhigt, zu wissen, dass die Kollegen, auf die er Mitte der 1990er Jahre in der Sabinchenstadt traf, nicht an organisiertem Unrecht beteiligt gewesen waren.

Mit der Gründung der Klinik hatte Bernd Oswald den Chefarztposten übernommen. Von Anfang an setzt er auf Therapie statt Verwahrung, auf offene Türen statt geschlossene Abteilung. Bis heute gibt es in der Klinik keine solche. Stattdessen hat Christopher Rommel einen runden Tisch etabliert, der an den Stationsausgängen postiert ist. Gefährdete Patienten werden von dem am Tisch postierten Personal angesprochen. In Treuenbrietzen setzt man dem aktuellen Forschungsstand entsprechend auch heute auf offene Stationen, nicht auf Zwangsjacken und verschlossene Sicherheitstüren.

Vom Leben aus der Bahn geworfen

„Und es funktioniert“, sagt der Chefarzt. Mit Kunst-, Gestaltungs- und Bewegungstherapie wird denjenigen geholfen, die das Leben aus der Bahn geworfen hat. Die Werke der Patienten zeugen von ihren Krisen – im Flur der Station stehen Glasvitrinen voller Tonfiguren, die sich die Ohren zuhalten, die schreien oder sich zusammenkauern. Ein Teppich, gewebt aus Papierstreifen, auf denen die Ängste der Behandelten notiert sind, zieht die Blicke auf sich. „Hier sehen die Patienten selbst, was sie fühlen“, erklärt der Chef-Psychiater, „denn anders als in der Sprache kann man sich im Ausdruck kaum verstellen. So ist es nicht der Analytiker mit der roten Couch, der einem etwas sagt, sondern das eigene Werk.“

Für die nächsten 25 Jahre hat Christopher Rommel noch einige Hoffnungen für die Psychiatrie und seine Klinik: „Es hat sowohl der Medizin als auch der Psychiatrie sehr gut getan, wieder gemeinsam wahrgenommen zu werden“, sagt er, „aber da ist noch viel Luft nach oben.“ Ganz oben auf der Liste steht der Ausbau der Tageskliniken, in denen die Patienten noch näher an ihrem Zuhause behandelt werden können.

Von Saskia Kirf

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