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Frust in Beelitz: Blechlawinen verstopfen die Stadt

Ausbau der A 10 Frust in Beelitz: Blechlawinen verstopfen die Stadt

Der Umleitungsverkehr durch Beelitz (Potsdam-Mittelmark) lässt die Umsätze in der Stadt drastisch sinken: Durchschnittlich 30 Prozent Umsatz täglich verlieren die Händler und Gewerbetreibenden durch den Ausbaus der A 10. Das wollen sie sich nicht länger gefallen lassen.

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Das tägliche Verkehrschaos in Beelitz schreckt viele Kunden von außerhalb ab, zum Einkaufen in die Stadt zu kommen.

Quelle: Thomas Lähns

Beelitz. Die Händler und Gewerbetreibenden in Beelitz wollen nicht länger tatenlos zusehen, wie der Umleitungsverkehr durch die Stadt infolge des Ausbaus der A  10 ihre Geschäfte und Betriebe ruiniert. Sie unterstützen die Protestaktion der Stadtverwaltung und denken auch über eigene Initiativen nach, sich gegen das tägliche Verkehrschaos zu wehren. „Ich habe mir Unterschriftenlisten für die Petition an das Land und den Bund aus dem Rathaus geholt und sie an Geschäftsleute in Beelitz verteilt“, sagt die Buchhändlerin Michaela Loth. Nach anderthalb Stunden standen auf ihren Bögen bereits rund 50 Namen. „Wenn wir unseren Kunden von den Auswirkungen des Umleitungsverkehrs auf unsere Läden erzählen, lassen sie sofort die Einkaufstaschen fallen und greifen zum Kugelschreiber“, beschreibt Loth die Solidarisierung mit den Geschäftsleuten.

„Die zuständigen Behörden sehen nur ihre eigenen Verantwortlichkeiten und Vorschriften und interessieren sich nicht dafür, welche Folgen ihre Entscheidungen auf andere haben“, sagt Norbert Wuck, 1. Vorsitzender des Gewerbevereins Beelitz. Er will sich mit seinem Vorstand für einen Runden Tisch einsetzen, an dem alle Verantwortlichen gemeinsam eine Lösung des für die Beelitzer unerträglichen Problems finden sollen. An diesem Tisch könnten ausgewählte Geschäftsleute, Mitglieder des Gewerbevereins, der Beelitzer Bürgermeister und ein Vertreter des Ordnungsamtes sowie Vertreter des Straßenbaulastträgers, der Verkehrsbehörde und der Polizei Platz nehmen, schlägt Wuck vor. Außerdem soll Verkehrsministerin Kathrin Schneider (SPD) nach Beelitz eingeladen werden, um sich das Chaos einmal vor Ort anzusehen. „Wir haben schon so manche Straßenbaustelle überlebt. Doch jetzt haben wir ein echtes Handicap. Der Verkehr in der Stadt fährt sich immer mehr fest.“

Michaela Loth (rechts, mit Kollegin Anja Klusmeyer) hat die Unterschriftenlisten der Stadtverwaltung auch an die Händler in Beelitz verteilt

Michaela Loth (rechts, mit Kollegin Anja Klusmeyer) hat die Unterschriftenlisten der Stadtverwaltung auch an die Händler in Beelitz verteilt.

Quelle: Heinz Helwig

Erste Ideen zur Entschärfung der Situation stehen schon im Forderungskatalog an die Politik. So würden beispielsweise längere Grünphasen der Ampeln auf der Hauptdurchfahrt durch Beelitz den Verkehr besser fließen lassen. Einen längeren Stau könnte die Polizei mit einer manuellen Verkehrsregelung wieder auflösen, meinen die Geschäftsleute. Die stehe aber meist an der einzig verbliebenen schnellen Ausfahrt aus Beelitz am Gymnasium in der Karl-Liebknecht-Straße und blitze dort die Autofahrer. Außerdem könne der Verkehr in Richtung München um Beelitz herum geführt werden.

Durchschnittlich 30 Prozent täglich verlieren die Gewerbetreibenden nach eigenen Angaben an wirtschaftlichem Umsatz, vom ideellen Imageverlust ganz zu schweigen. In der Filiale des Bäckermeisters Fritz Mende hätte die Hälfte der auswärtigen Kundschaft ihre Bestellungen telefonisch wieder abgesagt, weil sie nicht nach Beelitz kämen, und den Bäcker gebeten, die teils fertige Ware anderweitig zu verkaufen, heißt es. Auf frische Ware ist auch die Kaninchenspezialitäten Beelitz OHG angewiesen. Verspätet sich die Lieferung, müssen die Angestellten länger arbeiten und dafür auch entlohnt werden, sagt ihr Bevollmächtigter Manfred Memmert. Bauunternehmer Frank Hinrichs hat zum Glück ein Lager im Gewerbegebiet außerhalb der Stadt, zu dem er seine Abnehmer bestellen kann, wenn er seine Fenster, Türen und Böden nicht direkt auf die Baustelle bringt. Auch Buchhändlerin Loth hat bestellte Ware schon einfach ins Auto gepackt und abends ohne Aufpreis zu Kunden nach Borkheide gebracht, um diese nicht zu verlieren.

„Wir haben es in Beelitz geschafft, viele Leute vom Online-Handel wieder in unsere Geschäfte zu holen. Kunden von außerhalb kommen gern nach Beelitz, weil die Kleinstadt schön geworden ist und eine gute Handelsstruktur hat. Außerdem lieben sie die Atmosphäre in den Geschäften und wollen mit den Händlern auch mal plaudern“, meint die Bücherfrau. Das alles könne das Verkehrschaos jetzt wieder zunichte machen. Einige Kunden aus Fichtenwalde würden sich bereits nach Werder orientieren und könnten womöglich dabei bleiben.

Auch nach dem Abschluss der Bauarbeiten rechnen die Geschäftsleute und Unternehmer nicht mit einer Erlösung vom Verkehrschaos. Dann werde die Umleitung zur Gewohnheit geworden sein. Längst hätten Brummifahrer erkannt, dass sie sich auf diesem Weg vor der Maut drücken können. „Wenn die Autobahn endlich fertig ist, wird Beelitz seine bereits ausgebauten Straßen wieder reparieren müssen, die für den gegenwärtigen Verkehr gar nicht ausgelegt sind“, erklärt Gewerbevereinschef Wuck überzeugt. Er befürchtet, dass die Stadt dann auf den Kosten für die Sanierung allein sitzenbleiben wird.

Um trotz der mindestens noch zwei Jahre dauernden Belastung möglichst wenig Kunden zu verlieren, wollen die Händler mit ihnen eine Lösung finden, auf welchem Weg die Kunden das jeweilige Geschäft am besten erreichen können.

Große Handelsketten bleiben ungehindert erreichbar

Die großen Handelsketten, die ohnehin schon eine ernsthafte Konkurrenz für die kleinen Geschäfte in der Beelitzer Altstadt darstellen, sind trotz des Umleitungsverkehrs ungehindert erreichbar, klagen die Händler.

Selbst die Autobahnpolizei in Michendorf habe kein Verständnis dafür gehabt, warum zu Beginn der Osterferien Bauarbeiten auf der Autobahn ausgeführt und dafür Fahrspuren gesperrt werden mussten, berichtet Gewerbevereinschef Wuck.

Schon im Juni 2016 hatten die Bürgermeister von Beelitz, Michendorf, Schwielowsee, Seddiner See und Nuthetal in einem offenen Brief an die Planungsgesellschaft Deges, ans Bundes- beziehungsweise Landesverkehrsministerium sowie an die Polizei eine Entschärfung der unerträglichen Belastung für die Einwohner ihrer Gemeinden gefordert.

Die Blechlawine reicht jetzt schon teilweise bis Fichtenwalde.

Dem Gewerbeverein Beelitz gehören derzeit 67 Mitgliedsbetriebe und Händler an. Die Mitglieder kommen auch aus Michendorf und Seddiner See.

Von Heinz Helwig

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