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Verliebt in eine Ente

Wenn Leidenschaft Leiden schafft Verliebt in eine Ente

Für Frank Riestock war es Liebe auf den ersten Blick. Für seine Angebetete war er erst die zweite Wahl. Trotzdem war das Liebesleben zwischen ihm und seinem Auto eines voller Leidenschaft. Nun gibt Riestock sein Gefährt mit einem weinenden Auge ab.

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Traute Dreisamkeit: Frank Riestock mit seiner geliebten Ente und Vierbeinigem Beifahrer.

Quelle: Frank Riestock

Baitz. Die gute alte Ente ist vom Aussterben bedroht. Auch wenn es in Deutschland noch ein paar Tausend von dem Kultfahrzeug gibt, ist es im Hohen Fläming fast völlig aus dem Straßenbild verschwunden.

Bis vor wenigen Jahren gehörte der Baitzer Frank Riestock zu den stolzen Besitzern des bereits in den 30er Jahren vom französischen Autobauer Citroen konzipierten „Volkswagens“ , in Frankreich liebevoll „Deux Cheveaux“ genannt.

Das Gefühl, frei zu sein

Als Riestock nach der Wende auf dem gut bestückten Gelände eines Gebrauchtwagenhändlers die drei alten, knallrot lackierten Ente entdeckte, konnte er nicht widerstehen und kaufte eine davon. Der Besuch von Tante und Onkel, die in seinen Kindertagen mehrmals aus dem Westen mit einer Ente anrollten, hat wohl den Grundstock für diese seltsame Beziehung zu dem Auto gelegt. Die 5900 D-Mark stotterte er über eine Finanzierung ab. Wenn er fortan mit 28 Pferdestärken und seitlich aufgestellte Scheiben durch die Stadt kurvte oder das Umland erkundete, fühlte er sich frei. „Herrlich“, lautet sein Urteil noch heute.

Doch schon ein halbes Jahr später endete der Fahrspaß abrupt an einem Straßenbaum. Eine Wespe war durch das offene Dach ins Innere des Wagens gekommen. Bei den Versuchen, das Tier zu verjagen, verlor der Fahrer die Gewalt über das Auto.

Bauernauto mit 9 PS

Die Entwicklung der „Ente“ mit dem technischen Namen Citroen 2CV begann bereits Mitte der 30er Jahre. „Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fässchen Wein bietet“, lautete eine der Grundforderungen an den Konstrukteur.

Aufgrund des Krieges wurde der Prototyp jedoch erst 1948 auf dem Pariser Autosalon vorgestellt und von den Franzosen anfangs als „Regenschirm auf Rädern“ belächelt. 1949 verlässt die erste „Ente“ das Band, ausgestattet mit 9 PS und 65 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit.

Im Laufe der Jahre gibt es zahlreiche Detailanpassungen und stärkere Motoren, doch das Grundaussehen wird beibehalten. Insgesamt 5 114 966 Fahrzeuge werden ausgeliefert, bis die letzte „Ente“ am 27. Juli 1990 die Produktionshalle im portugiesischen Mangualde verlässt.

Zahlreiche Fans halten dem Kultauto bis heute die Treue. Alle zwei Jahre treffen sich Hunderte Fans zu einem Deutschlandtreffen. Heute beginnt das 21. internationale 2CV-Treffen in Polen.

Ungefähr ein halbes Jahr später eroberte die grau-schwarze Ente „Charleston“ Frank Riestocks Herz. Entdeckt hatte sie der Foto-Profi in einem Anzeigenblatt. Zusammen mit seiner Freundin nahm er die Plattenstöße der damals noch alten Betonautobahn in Richtung polnische Ostseeküste unter die Räder. „Bis Tempo 90 konnte man es noch Spaß nennen, dann waren die Geräusche des einfachen Boxermotors und die Stöße unter den schmalen Rädern kaum noch auszuhalten“, erinnert er sich an die weiteste Fahrt, die er je zusammen mit seiner Ente unternahm.

Beliebtes Fotomotiv

Während der stolze Fahrzeugbesitzer über die eine oder andere Unzulänglichkeit an dem Auto hinwegsehen konnte, verhielt sich der TÜV anders. Der stellte fest, dass der Rahmen völlig verrostet war. Keine Frage: Eine neue Ente musste her, und zwar dringend.

Im auffälligen gelb-schwarz stand sie irgendwann vor seiner Tür. Neben den täglichen Fahrten zu seinen Fototerminen leistete auch das neue Auto gute Dienste als Fotomotiv. „Wenn du als Fotograf mit einer Ente vorfährst, macht das ordentlich was her, vor allem bei Jugendlichen“. Ganze Jugendweiheklassen haben sich in dem ulkigen Gefährt von Frank Riestock ablichten lassen. Einzeln natürlich, denn mehr als vier Leute passen in das kleine Auto nicht hinein.

Schwarz-gelbes Kultgefährt in spezieller Umgebung

Schwarz-gelbes Kultgefährt in spezieller Umgebung.

Quelle: F. Riestock

Das Gefährt schien gut in Schuss zu sein. Zumindest bis zu dem Unfall, bei dem der Baitzer mit einem Wildschwein zusammenstieß. „Das Schwein ist weitergerannt“, erinnert sich Riestock. Sein Auto musste in die Werkstatt. Dort brachte man das Franzosenauto wieder auf Vordermann. Aber irgendwann nagte der Rost zu intensiv an dem Fahrzeug und es bekam ein Stützkorsett, einen verzinkten Rahmen, den sich Frank Riestock extra anfertigen ließ.

In Einzelteile zerlegt

Innerhalb von vier Monaten zerlegte er zusammen mit einem Kumpel die Ente in ihre Einzelteile und baute sie mit dem neuen Rahmen wieder zusammen. Die einfache Konstruktionsweise, nach der die Entenerfinder rund 60 Jahre zuvor das Fahrzeug erdachten, kam ihm bei der langwierigen Reparatur zugute.

Doch auch mit dem neuen Rahmen war das Fahrzeug nicht mehr lange fahrtauglich. Diesmal nagte der Rost am Unterboden. Vor der Aufgabe, die Ente noch einmal komplett auseinanderzunehmen und wieder aufzubauen, kapitulierte dann der Besitzer.

Vor knapp drei Jahren hat sich Frank Riestock überwinden können und ein anderes Auto gekauft. Mit einem Corsa kommt er heute gut voran. Doch wenn er einer Ente begegnet, hüpft sein Herz noch immer. Denn wahre Liebe rostet irgendwie doch nicht.

Von Uwe Klemens

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