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Verrufener Pfarrer Stifel starb vor 450 Jahren

Brück Verrufener Pfarrer Stifel starb vor 450 Jahren

Der Reformator, verrufene Pfarrer und bekannte Mathematiker Michael Stifel starb vor 450 Jahren. Seine Spuren hinterließ er einst auch in Brück (Potsdam-Mittelmark). Dabei wirkte der Mann, der den Weltuntergang für 1533 vorausgesagt hatte, nur vier Jahre in dem Fläming-Städtchen.

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Dem Stifel-Brunnen in Annaburg stattete die Kirchengemeinde Brück mit Pfarrer Helmut Kautz bereits 2013 einen Besuch ab.

Quelle: privat

Brück. Im Jahr 1555 übernahm ein Mann im Alter von 67 Jahren die Brücker Pfarrstelle und hatte diese vier Jahre inne. Er gehörte zu den bekanntesten Gestalten der Reformation und der Renaissance. Bis zu seiner Brücker Zeit hatte er ein bewegtes, aufregendes Leben hinter sich. Die Rede ist von Michael Stifel, dessen Todestags sich am Mittwoch nun zum 450. Mal jährt.

Der Mann war ein guter Kanzelredner, ein noch besserer Mathematiker und zugleich ein Fantast. Im kursächsischen Lochau, dem heutigen Annaburg in Sachsen-Anhalt, hatte Stifel zweifelhaften Ruhm erlangt, weil er den Weltuntergang für das Jahr 1533 berechnet und verkündet hatte. In Brück erinnert eine ihm gewidmete Stifel-Glocke in der Lambertuskirche an den Mathematiker. Geweiht wurden sie während eines Stifel-Symposiums im September 2014. Zum 450. Jubiläum des Todestages gibt es in der Stadt nun keine spezielle Würdigung.

Die Stifel-Glocke klingt seit 2014 in St

Die Stifel-Glocke klingt seit 2014 in St. Lambertus zu Brück.

Quelle: D. Fröhlich

Michael Stifel stammte eigentlich aus dem württembergischen Eßlingen, entwickelte sich vom Augustinermönch zum lutherischen Pfarrer und herausragenden Mathematiker, der der europäischen Mathematik der Folgejahrhunderte maßgebliche Impulse vermittelte und selbst dem berühmten Leonhard Euler zum Vorbild gedieh. Er hatte über seinen Tod vor 450 Jahren hinaus eine enorme Nachwirkung und gilt bis heute als einer der „hervorragendsten Repräsentanten des Cossischen Zeitalters“. Stifel schuf eine für damalige Verhältnisse fast revolutionäre Zusammenfassung der Algebra, formulierte das Bildungsgesetz für Binominal- koeffizienten und erstellte die „notwendigen Voraussetzungen für das Rechnen mit Logarithmen“.

Der herausragende mathematische Vordenker wurde um 1487 im württembergischen Eßlingen geboren, wo er früh ins heimische Augustiner-Kloster eintrat. Sein Lebensweg als Mönch hinter Klostermauern schien vorgezeichnet. Doch dann erwuchs aus der Vorbildwirkung vom Augustiner Martin Luther eine Zäsur für sein Leben. Stifel wurde nach dem Ereignis von Worms ein entschiedener Lutheraner, musste sich nach einer aufsehenerregenden Flugschrift selbst verstecken und fand seinerseits bei Hartmut von Kronberg, der mit dem berühmten Reichsritter von Sickingen verwandt war, Unterschlupf.

Nach Luthers Rückkehr von der Wartburg nach Wittenberg fand sich auch Stifel in der ernestinischen Residenz und Universitäts-Stadt ein. Er erlangte das Vertrauen des Reformators, ging nach einem Theologiestudium in dessen Auftrag als gräflicher Hofprediger nach Mansfeld bei Eisleben sowie Tirol, wo er nur knapp dem Scheiterhaufen entging. Stifel flüchtete zurück zu Luther und bekam 1528 ein Pfarramt in Lochau bei Wittenberg. Dabei befasste er sich nach der Lektüre der Schriften des Nikolaus von Kues mit der Mathematik unter dem Aspekt der sogenannten „Wortrechnung“.

Kirche bekam ihren Klang zurück

Die Stifel-Glocke gab im September 2014 der Brücker Lambertuskirche ihren Klang zurück.

Der Bronzeklangkörper ist damals im Rahmen des wissenschaftlichen Symposiums, das dem legendären Pastor Michael Stifel (1487 - 1567) gewidmet war, auf dessen Namen getauft und geweiht worden.

Seither verfügt die Brücker Kirchengemeinde nach langer Suche neben den drei rostigen und maroden Glocken über einen intakten Klangkörper.

Der 80 Kilogramm schwere Bronzeguss stammt aus der Gemeinde Cremlingen in Niedersachsen. Die 1953 gegossene Glocke samt Steuerung und Läuteanlage aus einer dort entweihten Kirche ist ein Geschenk der , katholischen Heilig-Kreuz-Gemeinde.

Zu den ersten Ohrenzeugen gehörten 2014 Historiker und Gäste des Stifel-Symposiums zum Thema „Apokalypse = Mathematik + Reformation”. Namhafte Biografen und Wissenschaftler, die sich mit Michael Stifel beschäftigen, referierten über den schillernden Geistlichen aus der Reformationszeit und seine Verdienste.

Als er im Ergebnis dieser damals verbreiteten spekulativen Beschäftigung den Weltuntergang für den 18. Oktober 1533 vorhersagte, verlor er sein Amt und bekam vier Wochen Hausarrest. Luther verhinderte eine ärgere Bestrafung. Nach der Besänftigung des aufgebrachten Kurfürsten Johann Friedrich durfte Stifel die Landpfarre in Holzdorf bei Lochau übernehmen. Aber die Mathematik hatte bei ihm sprichwörtlich Wurzeln geschlagen.

Der evangelische Pfarrer Stifel beschäftigte sich fortan mit der Arithmetik, hielt mathematische Privatvorlesungen, die auch vom berühmten Caspar Peucer besucht wurden, und wurde in Anerkennung seines mathematischen Engagements zum „Magister artium“ der Universität Wittenberg erhoben. Kein Geringerer als der Wittenberger Chefmathematiker Milich regte die Veröffentlichung von Stifels Arbeiten an. Melanchthon schrieb dazu das Vorwort. So erschien seine „Arithmetica integra“ 1544 beim Nürnberger Drucker Patrejus, der zuvor auch die Schriften von Nikolaus Kopernikus gedruckt hatte.

Michael Stifel wirkte in älteren Jahren als Pfarrer in Brück

Michael Stifel wirkte in älteren Jahren als Pfarrer in Brück.

Quelle: J. Reso

Das Stifel-Werk besteht aus drei Bänden: Arithmetische Grundlagen, Euklids „Elemente“, Stifels Algebra, die es in sich haben. Der Autor gilt bis heute als der erste Mathematiker nach der Antike, der das zeente Buch der „Elemente“ von Euklid entschlüsselte und damit die „Einsicht in das Irrationale“ beförderte. Solchermaßen stieg der Landpfarrer in den Olymp der Mathematiker in Europa auf. Weitere Veröffentlichungen folgten. Sie waren – im Unterschied zu anderen Gelehrten – alle in einer volksnahen deutschen Sprache abgefasst.

Nach Luthers Tod 1546 wechselte Stifel im Gefolge des Schmalkaldischen Krieges sowie des ausufernden Richtungsstreites unter den Lutheranern zunächst an die Hohe Schule in Jena und dann nach Königsberg, wo er als Pfarrer fungierte und an der neuen Universität Mathematik lehrte. Mehr noch. Der predigende Mathematiker modernisierte die „Rudolffsche Coß“ von 1525 erheblich und sorgte in Königsberg für den Druck seiner Version. Doch wachsende Differenzen mit dem Universitäts-Rektor bewogen ihn zur Rückkehr nach Mitteldeutschland.

Noch vor Weihnachten 1554 wurde Stifel als Pfarrer nach Brück berufen. Es sollte sein Alterssitz werden. Doch als ihn nach fünf Jahren die spätere Universität Jena erneut berief, packte den alternden Mathematiker nochmals der Ehrgeiz. So hielt Stifel als Professor in seinen letzten Lebensjahren in der Saalestadt vielbewunderte Mathematik-Vorlesungen, bis er am 19. April 1567 mit 80 Jahren verstarb.

Von Martin Stolzenau

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