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Vom Boden-Lotse zum Kita-Erzieher

Rehbrücke Vom Boden-Lotse zum Kita-Erzieher

Früher kümmerte er sich auf dem Flughafen in Tegel um das Gepäck der Reisenden und lud auch die Koffer von Barack Obama aus. Heute ist er Kita-Erzieher im Rehbrücker Kindergarten „Anne Frank“, Songschreiber seiner eigenen Band und ein ziemlich glücklicher Mensch.

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Trommelkurs in der Kita „Anne Frank“ – im Bild (v.l.): Nele (6), Viki (6), Hannes (6), Janus (6), Nieke (6), Romy (5) und Alex (38).
 

Quelle: Jens Steglich

Bergholz-Rehbrücke.  Wenn Alexander Varga singt, schweigen die Kinder. Für den Moment. Kurz danach singen sie mit, trommeln und lachen. Beim Singen wird auch wild gereimt, als wären die „Galgenbrüder“ um Dichter Christian Morgenstern auferstanden – als Kinder der Eichbärchen-Gruppe in der Rehbrücker Kita Anne Frank. Nichts ist auswendig gelernt: Die Verse entstehen spontan, und manchmal auch neue Lieder, in denen die Kinder eine Rolle spielen: „Neles Kleid dreht sich im Wind, da freut sich das himmlische Kind!“

Wenn die Reimmaschine angeworfen ist, hat der Geist freien Lauf. Die Eichbärchen sind auch so ein Produkt kreativer Wortschöpfung. Weil Eichhörnchen- und Bärchen-Gruppe viel gemeinsam unternehmen, hat ein Kind die Eichbärchen-Gruppe daraus gemacht. Der inspirierende Motor dahinter ist Alexander Varga, der Kita-Erzieher, der das Improvisieren und die Musik liebt und seine Arbeit im Kindergarten. Als er 2013 nach Rehbrücke kommt, ist er der erste Mann in der Kita „Anne Frank“ und vielleicht der musikalischste Kita-Erzieher Brandenburgs. Gäbe es so einen Wettbewerb, er hätte jedenfalls gute Chancen auf den Titel. Schon mit 16  spielt er in einer Schülerband. 2013 gründet er mit Tilman Berg, dem Schlagzeuger von Sandow, die Band Varga Nova. Ihren ersten Auftritt haben sie am 27. April 2013 in der Havanna-Bar in Berlin-Karlshorst. Im gleichen Jahr bringen sie ihre erste CD heraus. Konzerte des Duos in Berlin, Potsdam oder Zittau ähneln ein bisschen Vargas Auftritten in der Kita. In den Liederpausen wird improvisiert und erzählt, was man gerade so erlebt hat. „Die Konzerte haben etwas von moderierten Radiosendungen“, sagt Alexander Varga, der die Lieder selbst schreibt und den sie alle Alex nennen – auch in der Kita.

Wie aber landet ein Musiker als Kita-Erzieher im Kindergarten? Rückblende: In seinem Leben davor arbeitet der Potsdamer sieben Jahre auf dem Flughafen Tegel, winkt als Boden-Lotse Flugzeuge ein, fährt die Treppenwagen an die Maschinen heran und kümmert sich um das Gepäck der Reisenden. In Tegel landen viele Promis. Varga lädt die Koffer von Barack Obama aus, als der bei seiner Yes-We-Can-Tour Berlin besucht. Er fährt auch den Treppenwagen ans Flugzeug, aus dem Ex-US-Präsident George W. Bush oder Kanzlerin Angela Merkel klettern. Und er sitzt im Fahrerhaus des Treppenwagens, als die Schauspielerinnen aus dem Film „Drei Engel für Charly“ aussteigen.

„So ein Flughafen hat auch etwas von einem riesengroßen Spielplatz“, sagt Alex. Dort ist es aber auch laut und stressig, es riecht nach Kerosin, weit und breit steht kein Baum. Und zwischendurch hat man trotz Drei-Schicht-Systems Zeit zum Grübeln. Im Treppenwagen fängt er an zu dichten, erfindet Reime etwa über Curry-Würste und kommt zu dem Schluss: „Es kann nicht mein Leben sein, nur noch Koffer und Flugzeuge zu sehen.“ Er geht so gut wie alle Berufsgruppen durch – auf der Suche nach dem Job, in dem er vereinen kann, was ihm Spaß macht: lachen, dichten, Gitarre spielen, basteln, Dinge entdecken und beobachten. Dann bewirbt er sich für eine berufsbegleitende Ausbildung zum Kita-Erzieher. Er macht vorher Praktika in Kitas, um zu sehen, ob es sein Fall ist. Sein erstes Fazit damals: „Das ist ja der Hammer. Hier freuen sich Menschen, wenn ich auf Arbeit komme.“ Das gab es auf dem Flugplatz nicht. 2013 fängt er die Ausbildung an, arbeitet 20 Stunden in der Woche in der Rehbrücker Kita und wird 2016 nach erfolgreichem Abschluss als Kita-Erzieher eingestellt. Von seiner Kita schwärmt er ein bisschen wie ein Kind: „Es ist die tollste Kita, die ich jemals erlebt habe. Wer hat schon ein Dach, das begrünt ist und einen eigenen Backofen. Das hat etwas von Pippi Langstrumpf“, sagt der Potsdamer, der als Kind die Sommerferien immer in Ungarn verbrachte – in der Heimat seines Vaters.

Der Vater stammt aus der Gegend, aus der der Szegediner Gulasch herkommt. Der Ungar geht in den 1970er Jahren in die DDR, um das Potsdamer Wohngebiet „Am Stern“ mit aufzubauen. In der Babelsberger Vorgänger-Kneipe des Gleis 6 lernt er seine Frau kennen und bleibt in Potsdam. 1978 kommt ihr Kind zur Welt: Alexander Varga. „Kinder holen einen zurück auf den Boden und lassen deine Sorgen oder die überhöhte Stromrechnung vergessen. Und sie stellen Fragen, die sich Erwachsene nie stellen würden, weil sie nicht albern wirken wollen“, sagt der Kita-Erzieher. Seine Aufgabe sieht er darin, den Kindern zu helfen, ihre Potenziale und Stärken zu entdecken und diese zu fördern. „Man sollte nicht danach schielen, was gerade ’In’ ist“, sagt Alex, der 2013 – mit 35 Jahren – seine Bestimmung gefunden hat.

Von Jens Steglich

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