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Vom Hausmeister zum Brandstifter

Prozessauftakt nach Explosion in Neuseddin Vom Hausmeister zum Brandstifter

Brandstiftung in Neuseddin: Im Sommer 2016 kommt es in einer Pension zu dramatischen Szenen, bei denen nur mit sehr viel Glück kein Mensch sein Leben verliert. Der Angeklagte bestreitet die Tat an sich nicht. Es sollte brennen, sagt er. Nur die Aussage eines Opfers der Tat geht ihm, dem „Gerechtigkeitsfanatiker“, gehörig gegen den Strich.

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Ein Bild vom Tatort am 21. Juni 2016: Ein Wasserkocher voll Benzin löste eine Explosion aus, deren Wucht beachtlich war.

Quelle: Julian Stähle

Neuseddin. Es grenzt an ein Wunder, dass nicht mehr passiert ist an jenem 21. Juni 2016, auf den viele Menschen in Neuseddin (Potsdam-Mittelmark) mit Schrecken zurückblicken. Die Feuerwehrleute etwa, die schon glaubten, der Flammen Herr geworden zu sein, als urplötzlich eine Explosion über sie hereinbricht. Die Geschäftsführerin einer Pension, die in eine Abrechnung vertieft am Schreibtisch sitzt, als sie ein Schwall Benzin trifft und Augenblicke später ein Feuerzeug klickt. Und wohl auch ein geschasster Hausmeister, der sich benachteiligt und ausgebeutet fühlt, der zum Straftäter wird und seither in Untersuchungshaft sitzt.

Auftakt im Prozess gegen Frank B., der im vergangenen Juni einen Brandanschlag auf seine ehemalige Arbeitsstätte, die Pension „Am Fuchsbau“ in Neuseddin, verübt haben soll: Der 44-Jährige muss sich seit Montag vor dem Landgericht Potsdam unter anderem wegen Herbeiführens einer Explosion und versuchten Mordes verantworten. Dafür droht ihm im äußersten Fall laut Gerichtssprecherin Sabine Dießelhorst eine lebenslange Freiheitsstrafe. Im Prozess ist laut dem Vorsitzenden Richter Theodor Horstkötter auch zu klären, ob Frank B. in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen ist. Der psychiatrische Gutachter Alexander Böhle begleitet den Prozess, für den acht Verhandlungstage und die Aussagen von 35 Zeugen angesetzt sind. Mit einem Urteil ist im April zu rechnen.

Feuer in der Rezeption

Was am 21. Juni 2016 in Neuseddin geschehen ist, räumt Frank B. in weiten Teilen ein: An jenem Nachmittag betritt er gegen 15.30 Uhr das im Erdgeschoss gelegene Rezeptionsbüro der Pension und verschüttet ohne Vorankündigung Benzin auf dem Tresen. Dabei übergießt er auch die dort arbeitende Bettina H. – ob mit Absicht oder nicht, steht noch in Frage. Er sei davon ausgegangen, dass niemand hinter dem Tresen sitzt, beteuert Frank B. Fakt ist: Er hat ein Feuerzeug und eine Fackel dabei und zögert nicht, das Benzin zu entzünden. Der Schreibtisch und die Papiere darauf fangen sofort Feuer. Die Hitze ist so groß, dass nach wenigen Sekunden die Styroporplatten regelrecht von der Decke tropfen. „Es war ein irrer Qualm“, sagt Bettina H. (49), die noch aufspringen kann, bevor die Flammen auflodern. Sie will aus dem Büro fliehen, kommt aber an Frank B. nicht vorbei. Er habe sie am Hals gepackt und gewürgt, berichtet Bettina H.: „Ich habe geschrien, geschrien, geschrien und mich dann fallen lassen. Ich wollte ihn aus dem Gleichgewicht bringen, dass er mir nicht noch mehr antun kann.“

Frank B. – er beschreibt die Szene als „kleines Handgemenge“ – lässt von ihr ab, verlässt den Raum, zieht die Tür hinter sich zu. „Er schloss ab“, gibt Bettina H. wenig später der Polizei zu Protokoll. Ein Satz, der B. bis heute auf die Palme bringt. „Eine Falschaussage! Was die Frau erlebt hat, ist schlimm und ich muss dafür bestraft werden. Aber so ’ne Aussage zu machen und darauf zu bestehen, das ist die höchste Strafe.“

Sie habe die Tür für verschlossen gehalten, präzisiert Bettina H. nun im Gerichtssaal. „Ich war in Panik. Ich habe an der Tür gerüttelt und sie nicht aufbekommen.“ Sie rettet sich mit einem Sprung aus dem Fenster, ruft im Freien um Hilfe, ein Pensionsgast alarmiert Polizei und Feuerwehr, Nachbarn stürmen mit Feuerlöschern herbei.

Explosion in der Dienstwohnung

Auch die Einsatzkräfte sind schnell vor Ort. Feuerwehrleute rücken gegen den Brand vor, Polizisten befragen die Zeugen, Sanitäter versorgen Bettina H., die Prellungen, eine Rauchgasvergiftung und – darunter leidet sie noch immer – tiefe Wunden in ihrer Seele davongetragen hat. Was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnt: In der Dienstwohnung, die Frank B. an diesem Tag räumen soll, tickt eine Zeitbombe. Denn bevor er die Rezeption stürmt, hat er im Apartment Benzin verschüttet und einen Wasserkocher mit Benzin gefüllt und eingeschaltet. Um 16.55 Uhr geht die Ladung hoch. Drei Feuerwehrleute und ein Polizist werden bei der Explosion verletzt. Die Druckwelle ist so stark, dass sie Fenster zerfetzt und wesentliche Bestandteile des Gebäudes beschädigt. Der Schaden beläuft sich auf rund 25 000 Euro.

Flucht in den Wald

Frank B. türmt, versteckt sich zunächst im Fahrradschuppen, von wo aus er das Geschehen beobachtet. Er verzieht in den Wald, stellt sich am Abend aber der Polizei. „Ich wollte gesehen werden“, sagt er in der Verhandlung. Er sagt viele solcher Sätze. Im Gericht redet er drei Stunden lang ohne Punkt und Komma. „Wenn Sie 24 Stunden am Tag auf sechs Quadratmetern sitzen, fällt Ihnen alles wieder ein.“ – Und das alles, so scheint es, will raus. Frank B. will sich richtig verstanden wissen. Er hat sich die Prozessakten kommen lassen, hat Seite für Seite durchgearbeitet, ihm wichtige Passagen angestrichen. „Die Ermittlungen“, sagt er, „gehen nur in eine Richtung.“ Das will er, „der Gerechtigkeitsfanatiker“, den die ehemaligen Pensionskollegin als schwierigen Menschen beschreibt, gerade rücken. „Ich betone, dass ich weder ein Mörder noch ein Totschläger bin. Was vorgefallen ist, ist schlimm. Was ich getan habe, ist schlimm. Was daraus geworden ist, dass Menschen verletzt worden sind, ist noch viel schlimmer. Das war absolut nicht meine Absicht.“ Aber brennen, sagt Frank B., brennen sollte es an jenem Tag: „Es sollte etwas passieren, das Aufsehen erregt. Mir sollte endlich jemand zuhören.“

Die Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt.

Von Nadine Fabian

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