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Von der Ruhr an die Havel

Umzug nach Werder Von der Ruhr an die Havel

Ur-Dortmunderin Charlotte Strothmann zieht mit 100 Jahren nach Werder, um ihrer großen Familie nahe zu sein. Ihr ganzes Leben verbrachte sie fast ununterbrochen im Westen. In Werder lebt sie nun seit ein paar Wochen.

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In Werder angekommen: Charlotte Strothmann.

Quelle: Foto: Lisa Neumann

Werder. Das Sprichwort sagt: „Einen alten Baum verpflanzt man nicht.“ Doch das war Charlotte Strothmann egal. Nach fast 100 Jahren zog die Dortmunderin vom Westen in den Osten nach Werder. 1915 wurde Charlotte Strothmann in Dortmund geboren und lebte fast ausnahmslos in der westfälischen Stadt. Doch seit Mitte Februar lauscht sie nun den Wellen der Havel. Ihrer Familie wollte sie näher sein und packte ihre Koffer.

In einem pinkfarbenen Wollpullover sitzt die Dame in ihrem Zimmer im Zernseehof und schaut aus dem Fenster. „Ich dachte, Sie kommen gar nicht mehr“, sagt sie etwas vorwurfsvoll. Der Besuch wurde schon ungeduldig erwartet. Gleich darauf sprudelt auch schon ihre Lebensgeschichte aus ihr heraus. Die Frau hat viel zu erzählen, immerhin 100 Jahre voller Erinnerungen. Am 2. Mai darf sie eine Kerze mehr auf ihrem Kuchen auspusten. Den Rang der Ältesten Bewohnerin des Heims nimmt ihr aber jetzt schon keiner ab.

Ein wenig Heimat in Werder

In ihrem Zimmer hat sie einige Möbel aus der Heimat aufgestellt, das war ihr wichtig. Neben einem dunkelbraunen Wohnzimmerschrank auch der passende Sekretär und einige Bilder ihrer Familie. Unter anderem zeigt ein Schwarz-weiß-Bild einen staatlichen Mann. „Das ist mein Ehemann, Karl-Heinz“, sagt sie. Im Studium haben sie sich kennen-und lieben gelernt und waren 60 Jahre lang verheiratet gewesen, bis er 1995 verstarb.

Von ihrem Fenster kann sie auf die Waldorfschule gucken und den Kindern beim Spielen zusehen. Nachmittags winkt sie ihrem Enkel zu, der ihren Urenkel von der Schule abholt. Alle paar Tage schauen sie bei ihr rein. „Neulich kamen die Kleinen ganz allein und wollten mit mir ’Mensch ärgere dich nicht spielen’“, sagt sie lächelnd. Insgesamt hat sie fünf Enkel und acht Urenkel. Sie selbst hatte keine Geschwister. „Deshalb war ich 1938 in Berlin bei einer Familie als Haustochter“, die sich um die Betreuung der Kinder kümmerte. Fünf Mark im Monat hat sie damals bekommen. Bei Familie Hart in der Meierottostraße, wie sie sich noch gut erinnert, hat es ihr sehr gefallen. Am liebsten waren ihr die wöchentlichen Theaterbesuche. Ihr Gastvater war Theaterarzt. Zu damaligen Zeiten war immer ein Mediziner in den Spielhäusern anwesend. „Und weil seine Ehefrau nicht mitwollte, bin ich mitgegangen.“ Das war immer sehr schön, sagt sie.

Das Theater bestimmt ihr Leben

Die Musik und das Theater haben sie fortan ihr ganzes Leben begleitet. Nach ihrem Musik- und Gesangsstudium unterrichtete sie an einer Schule, gab Konzerte in der Oper und spielte Klavier. „Ich war Sopranistin“. Ein Stück, dass sie heute noch gerne hört, ist die Arie „Lied an den Mond“ aus der erfolgreichen Rusalka Oper des böhmischen Komponisten Antonin Dvorak. Von der Bühne zog es sie alsbald ins Publikum, als Kritikerin. „Ich war in der Stadt bekannt wie eine bunte Kuh“. Aber immer nur im positiven Sinne, setzt sie noch hinzu. „Guck mal da ist die Strothmann schon wieder“, haben die Dortmunder über sie gesagt.

40 Jahre lang schrieb sie als Kulturredakteurin für die Ruhr Nachrichten, die sie sich auch heute noch per Post ins Heim nach Werder schicken lässt. „Dafür brauche ich eine Brille, das ist aber auch alles“, sagt sie mit ein wenig Stolz in der Stimme. Seit zwei Jahren ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen. „Es war wohl ein kleiner Schlaganfall“, vermutet sie. Sonst erfreut sie sich bester Gesundheit. Da mag man gar nicht glauben, dass diese Frau bereits über 100 Jahre alt ist.

Von Lisa Neumann

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