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Vortrag: Polen und seine Deutschen

Schlesisches in Kleinmachnow Vortrag: Polen und seine Deutschen

Dokumentarfilmer Hans-Dieter Rutsch war zu Besuch im Kleinmachnower Landarbeiterhaus. Seine Familie stammt aus Schlesien – und Schlesien war das Thema seines eindrücklichen Vortrags. Rutsch gab zu: Polen sei ihm bis heute ein Rätsel geblieben. Immerhin: Die deutsche Minderheit genießt neuerdings mehr Anerkennung.

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Hans-Dieter Rutsch

Quelle: Konstanze Kobel-Höller

Kleinmachnow. „Dreizehn deutsche Nobelpreisträger kommen aus Schlesien, Breslau war einst das geistige Zentrum Europas“, machte Dokumentarfilmer Hans-Dieter Rutsch beim sechsten Kleinmachnower Grünen Salon der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema „Polen und seine Deutschen“ im Landarbeiterheim auf die Bedeutung der betreffenden Region aufmerksam. Eine Region Polens, die er auch als Terra Incognita – unbekanntes Land – bezeichnet, eine Region, in der Deutsche als Minderheit leben, eine Region, von der selbst er, obwohl er dort so viel unterwegs sei und viele Freunde und ein Netzwerk habe, sich immer noch „ziemlich ahnungslos“ fühle.

Natürlich waren es persönliche Gründe, die dazu führten, dass Rutsch sich mit diesem Thema auseinander zu setzen begann. „Alle meine Vorfahren kommen irgendwie aus Schlesien“, eröffnete er seinen Abend. Seine Großmutter habe ihm immer Geschichten von früher erzählen müssen, um ihn zum Essen zu bringen. Der erste Besuch in der Heimat der Vorfahren jedoch „war hochgradig gruselig“. Zum einen erschien ihm das Ausland nicht wie ein Ausland: „Es sah aus wie bei uns, nur die Leute waren anders, passten nicht dazu.“ Zum anderen hatte sein Vater immer von Schlesien geschwärmt, Rutsch hatte mit Traumvillen gerechnet – „und dann war das ein armseliges Haus“. Erst nach Ende des Kriegsrechts in Polen freundete er sich mit einer polnischen Familie an, Besuche und Gegenbesuche waren die Folge. „Wir haben die polnische Perspektive eingeatmet und ich wurde polophil – schlesophil war ich schon vorher.“ Bald habe er mitbekommen, dass eine „ungeheure Diskrepanz an Wahrnehmung bestand: Die Polen orientierten sich nach dem Westen, wussten alles darüber, aber wir wussten nichts über Polen“.

Rutsch lernte mehr über Schlesien, fand Freunde, lernte Polen zu verstehen, drehte Filme. Der erste Film handelte von deutschen Jugendlichen, die in Polen ein soziales Jahr oder ihren Auslandswehrersatzdienst absolvierten. Im Laufe der Zeit fand Rutsch heraus, dass nicht nur er über Polen ahnungslos war, „sondern die Polen selbst auch. So durften sie zwar Breslau wieder aufbauen, aber bis 1989 nicht die deutsche Geschichte der Stadt erforschen. Sie durften nicht wissen, wo sie waren“. Heute wären die Polen überglücklich, weil sie jetzt endlich Wurzeln schlagen, ihre Vergangenheit herausfinden dürften.

Die Deutschen in Schlesien haben dabei eine wechselhafte Geschichte aufzuarbeiten. Über Jahrzehnte waren sie nicht anerkannt, sollten Polen sein, ihre Herkunft verleugnen, durften selbst innerhalb der eigenen vier Wände nicht deutsch sprechen, waren Fremdkörper im eigenen Land. Heute hat sich die Einstellung ihnen gegenüber stark gewandelt, doch Rutsch befürchtet, dass durch den starken nationalistischen Wind „alles wieder weg bröckelt“. Ein Eindruck, den die anschließende Diskussion nicht ausräumte, als eine anwesende Polin meinte, es wäre gut, dass die Deutschen in Schlesien jetzt endlich anerkannt würden. Es wäre gut, wie es jetzt wäre – aber mehr sollten es nicht werden.

Von Konstanze Kobel-Höller

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