Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 8 ° Sprühregen

Navigation:
Weniger arme Kinder in Potsdam-Mittelmark

Kinderarmut Weniger arme Kinder in Potsdam-Mittelmark

Bundesweit ist die Zahl der Kinder, die in Armut leben, gestiegen – und das, obwohl die Arbeitslosigkeit gesunken ist. Potsdam-Mittelmark steht zwar insgesamt sehr gut da, doch auch hier leben 2700 Kinder und Jugendliche von staatlicher Grundsicherung. Dabei hat es gravierende Folgen für die Heranwachsenden, wenn sie arm sind.

Voriger Artikel
Brücke für Reh, Fuchs und Hase
Nächster Artikel
Der Feind in der Westwand

Armut in der Kindheit hat Auswirkungen auf das Leben als Erwachsener.

Quelle: dpa

Bad Belzig. In Potsdam-Mittelmark leben verglichen mit den anderen ostdeutschen Landkreisen die wenigsten Kinder in Armut. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Demnach stemmt sich der Kreis gegen den Trend. Die Zahl der Kinder, die in Familien aufwachsen, welche auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind, ist zwischen 2011 und 2015 trotz guter Wirtschaftslage bundesweit um 0,4 Prozent angestiegen. Das bedeutet, dass insgesamt rund zwei Millionen Minderjährige in Deutschland von Hartz IV leben.

Besonders hoch ist die Kinderarmutsquote im Osten der Republik. Mehr als jedes fünfte Kind zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen lebt in Armut. Zwar ist die Entwicklung insgesamt positiv, die Prozentzahl ist etwas gesunken, doch sie bleibt auf einem hohen Niveau. Der Kreis Potsdam-Mittelmark hingegen steht vergleichsweise gut da, waren 2011 noch 8,9 Prozent der Kinder auf die staatliche Grundsicherung angewiesen, sind es jetzt noch 7,8 Prozent.

Jobcenter-Chef: Quote noch viel zu hoch

Der Leiter des Jobcenters, Bernd Schade, bewertet dieses Ergebnis zwiespältig: „Natürlich freuen wir uns, dass wir in Potsdam-Mittelmark die niedrigste Kinderarmut in ganz Ostdeutschland haben“, sagt er, „aber hinter der Quote von 7,8 % verbergen sich 2.701 Kinder und Jugendliche, die in Familien leben, die auf Grundsicherungsleistungen angewiesen sind.“ Das Ziel des Jobcenters Maia müsse sein, diese Zahl weiter zu reduzieren, indem die Eltern in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Kinderarmut hemme die Jugendlichen in ihrer Entwicklung, sagen die Autoren der Studie: „Verglichen mit Gleichaltrigen aus Familien mit gesichertem Einkommen sind arme Kinder häufiger sozial isoliert, materiell unterversorgt und gesundheitlich beeinträchtigt.“ Oft lebten finanziell schlechter gestellte Familien beengt, den Kindern fehle es an eigenen Zimmern und damit auch an Rückzugsräumen.

Gesunde Ernährung, außerschulische Bildung, Freizeitaktivitäten und auch Urlaub würden so zu Luxusgütern. „Kinderarmut beeinträchtigt die Chancen für das ganze Leben“, fasst Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung zusammen.“

Tafel-Mitarbeiterin spürt nichts vom Rückgang der Kinderarmut

Das beobachtet auch Gabriele Zimmer. Sie ist ehrenamtliche Helferin bei der Bad Belziger Tafel. Dreimal wöchentlich können sich hier bedürftige Menschen günstig mit Lebensmitteln versorgen, auch eine Kleiderkammer und Alltagsgegenstände – etwa Kindersitze und Spielzeug – bietet die Tafel an. Von einem Rückgang der Kinderarmut merkt Zimmer nichts.

„Fast jede Familie, die hier herkommt, hat auch Kinder“, sagt sie. Besonders gefährdet von Armut sind laut der Studie die Kinder von Alleinerziehenden und diejenigen, die mit mehr als zwei Geschwistern aufwachsen. Das passt zu Gabriele Zimmers Erfahrungen. „Allerdings bringen unsere Kunden ihren Nachwuchs selten mit“, sagt sie. Zimmer vermutet, den Eltern sei es unangenehm, vor den Kindern die Geldprobleme auszuwalzen.

Bei der Tafel können sie trotzdem normal einkaufen, ihre Kinder gut versorgen. Der Karton mit sechzig Flaschen Wasser kostet fünf Euro, Brot, frisches Obst, Milchprodukte – die Bedürftigen verlassen die Lebendmittelausgabe mit vollen Tüten.

Lebenslang benachteiligt

Mehr als die Hälfte der Kinder, die bei der Einschulung auf staatliche Grundsicherung angewiesen ist, lebt bereits seit über vier Jahren in Armut. Es ist keine Episode, sondern der Normalzustand.

Bei den Schuleingangsuntersuchungen fällt auf, dass Kinder aus finanziell schlechter gestellten Familien oft viele Defizite mitbringen. Hand-Augen-Koordination, körperliche Koordination, Sprachentwicklung und das Zählen bleiben hinter dem zurück, was Kinder aus wohlhabenderen Familien in diesem Alter können.

Kinder, deren Eltern Hartz IV beziehen, wachsen häufig in einer von Armut geprägten Umgebung auf, ihre Kitas werden von anderen armen Kindern besucht. Das verschärft den Einfluss zusätzlich.

Eines jedoch fällt Gabriele Zimmer, der Helferin, auf: „Die Eltern nehmen kaum Kleidung oder Spielsachen für die Kleinen an.“ Woran das liegt, vermag sie nicht zu sagen. Wollen die Eltern ihre Kinder trotz des leeren Geldbeutels wenigstens in diesem Bereich verwöhnen?

Gabriele Zimmer weiß es nicht, „ich will da nicht spekulieren“, sagt sie. Sie muss sich wieder um die Lebensmittelausgabe kümmern. Damit auch Familien, die von Hartz IV leben müssen, ihren Kindern ein gesundes Essen auf den Tisch stellen können.

Von Saskia Kirf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam-Mittelmark

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg