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Wenn Fremde zu Freunden werden

Integration erst nach Abschaffung der Willkommensklasse Wenn Fremde zu Freunden werden

Die Grundschule Brück startete 2016 mit einer Willkommensklasse. Doch das Konzept ging nicht auf. Im Gegenteil: die Separation brachte Alltagsrassismus an die Schule. Erst nachdem die Schule auf ein anderes Konzept setzte, wurden Fremde zu Freunden. Andere Erfahrungen hat man hingegen in Treuenbrietzen gemacht.

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Zusammen auf dem Lieblingsplatz der Schule: Jule Hannemann (11), Karina Yunusova (12), Zahra Alizadeh (11) und Dennisa Dobrila (11) sind Freundinnen geworden.

Quelle: Christin Iffert

Brück. Vier Schülerinnen haben es sich auf der Schaukel der Grundschule in Brück gemütlich gemacht. Wenn sie sprechen, dann ist lautes Gekicher zu hören. Sie sind Freundinnen – nicht ungewöhnlich im Schulalltag. Was die Mädchen unterscheidet, ist ihre Herkunft.

Als die Grundschule Brück 2016 im Januar mit einer Willkommensklasse von zehn Kindern startete, war eine solche unbeschwerte Situation wenig vorstellbar. Das Konzept, dass viele Schulen in Brandenburg anfangs aufgriffen und bei dem Kinder mit wenig oder keinen deutschen Sprachkenntnissen separiert wurden, ging an der Schule nicht auf. „Nicht nur die erwarteten Lernfortschritte blieben zurück“, sagt Lehrerin Joanna Krenc, die sich auf Deutsch als zweite Fremdsprache (DAZ) spezialisiert hat.

Alltagsrassismus im Schulalltag durch Willkommensklasse

Problematisch sah Schulsozialarbeiterin Katja Garpow den „Alltagsrassismus“. Wegen der Raumknappheit kam die Willkommensklasse in der Oberschule nebenan unter. „Da wurden sie zu ’Kindern von drüben’. Es hatte kein Kind die Chance, ein Individuum zu werden“, so Garpow. Kurzum: Die Integration konnte so nicht funktionieren, die Kinder blieben Fremde. Vollintegration musste her, das bedeutet, alle Kinder werden in die einzelnen Klassen möglichst altersgerecht aufgenommen, werden Teil der Klassengemeinschaft.

Katja Garpow ist Schulsozialarbeiterin an der Grundschule in Brück

Katja Garpow ist Schulsozialarbeiterin an der Grundschule in Brück.

Quelle: Christin Iffert

Karina Yunusova aus Tschetschenien hat anfangs die Willkommensklasse besucht. Sie ist froh, dass sie nun in der sechsten Klasse ist. „Dort konnte ich besser lernen“, sagt sie. Die Zwölfjährige hat sich dazu entschlossen, ein Kopftuch zu tragen. Was erst komisch für die Schüler war, ist heute Normalität.

Integration und Separation – passt das zusammen?

Dass Integration und Separation nicht zusammenpassen, hat auch die Bad Belziger Schulleiterin Ines Michaelis sofort erkannt. „Wir haben nie eine Willkommensklasse gehabt, die Kinder hätten keine Chance gehabt, richtig anzukommen.“ Schon seit Jahren werden sie deshalb an der Geschwister-Scholl-Grundschule voll in die Klassen integriert. In acht Fördergruppen lernen aktuell 42 Flüchtlingskinder Deutsch – unter anderem mit Lehrern, die eigentlich schon in den Ruhestand gegangen waren.

In Treuenbrietzen hingegen hat man auf die Willkommensklasse gesetzt. Nach dem ersten Jahr sind die geflüchteten Kinder in die Klassen integriert worden. Die Sozialarbeiterin hat mit den Lehrern und Kindern daran gearbeitet, dass sie „ein Teil von uns sind, akzeptiert werden aber auch selbst akzeptieren“, erklärt die stellvertretende Schulleiterin Sigrun Kunert. Aktuell gibt es eine Vorbereitungsgruppe, die in der Funktion ähnlich einer Willkommensklasse ist. Die sieben Kinder werden im kommenden Schuljahr Regelklassen besuchen. „Ich denke diese Gruppen sind notwendig, denn ohne Kenntnisse in der Klasse wären die Kinder auf verlorenem Posten.“

Charakter des Kindes ist im Entwicklungsprozess entscheidend

Um das abzufedern und die ausländischen Jungen und Mädchen in den Schulalltag einzuführen, werden sie in Brück von Joanna Krenc und Carmen Hennige-Schulz in kleinen Lerngruppen betreut. „Wenn die Kinder zum ersten Mal in eine Klasse mit über 20 Schülern kommen, die vollkommen fremd sind und deren Sprache sie nicht verstehen, wäre das schwierig“, erklärt Hennige-Schulz. Sie kam als Honorarkraft der Volkshochschule zusätzlich an die Schule. Nach wenigen Wochen wechseln die Schüler nach und nach in Regelklassen, je nach ihrer Entwicklung. Wie schnell sich ein Kind einlebt und die Sprache lernt, ist individuell unterschiedlich. „Es hängt alles vom Charakter des Kindes ab. Wenn es offen und kontaktfreudig ist, dann geht das super schnell. Wenn die Kinder schüchtern sind, dann dauert es länger“, meint die Brücker Lehrerin Joanna Krenc.

Joanna Krenc und Carmen Hennige-Schulz sind im Brücker DAZ-Team

Joanna Krenc und Carmen Hennige-Schulz sind im Brücker DAZ-Team.

Quelle: Christin Iffert

Zahra Alizadeh aus Afghanistan ist besonders schnell vorangekommen. Das elfjährige Mädchen hat schon halb Europa auf der Flucht durchquert. Sie spricht inzwischen so gut deutsch, dass sie beim Reden in deutsch denkt. Manchmal vergisst sie die Wörter ihrer Heimatsprache. Zahra hängt an Brück. „Ich möchte am liebsten an der Schule bleiben, denn ich habe so viele Freunde, die ich nicht verlieren will.“ Aktuell sind ihre Eltern auf Wohnungssuche. Ob sie in der Nähe etwas finden, ist noch nicht klar. „Gerade hier in der Gegend haben wir einen Mangel an sozialem Wohnraum. Da müssen viele Familien in die Städte schauen“, erklärt Katja Grapow. Deshalb habe man auch eine hohe Fluktuation. Aktuell gehen 17 geflüchtete Kinder auf die Schule, die erst Deutsch lernen mussten. Außerdem gibt es acht weitere EU-Ausländer.

Aus „die da“ werden Namen

Jule Hannemann wäre traurig, wenn eine ihrer Freundinnen wieder wegziehen müsste. Ihrer Freundin Dennisa Dobrila hat sie in den vergangenen Monaten geholfen, besser Deutsch zu sprechen. Während Jule gebürtige Deutsche ist, kommt die ebenfalls Elfjährige Dennisa aus Rumänien. Manchmal lief die Kommunikation über Handzeichen. „Oder Jule hat mir etwas vorgesprochen, ich habe es nachgesagt.“ Umgekehrt kennt ihre Freundin inzwischen auch ein paar rumänische Wörter.

Dass Zahra, Dennisa und Karina unterschiedliche Nationalitäten haben, ist für Jule nicht wichtig. „Für mich ist das ganz normal, dass jedes Jahr neue Kinder dazu kommen.“ Die Hauptsache ist für alle vier Mädchen, dass sie einander als Freunde haben – in Schule und Freizeit.

Die Lehrer macht das glücklich. „Da haben wir es: aus ’die da’ werden Namen. Die ehemals Fremden sind Kinder wie du und ich“, sagt Katja Grapow.

Von Christin Iffert

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