Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Werder (Havel) Zwischen Sorge und Vorfreude
Lokales Potsdam-Mittelmark Werder (Havel) Zwischen Sorge und Vorfreude
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:07 11.10.2018
Einwohnerversammlung zur Flüchtlingsunterkunft in Werder auf der Bismarckhöhe. Quelle: Luise Fröhlich
Werder

Schon in einer Woche sollen die ersten Flüchtlinge in der Werderaner Gemeinschaftsunterkunft leben. Wie der Landkreis Potsdam-Mittelmark bei der Einwohnerversammlung am Mittwochabend auf der Bismarckhöhe mitteilte, ziehen ab Mittwoch, 17. Oktober, 144 Menschen in dem Haus an der Schubertstraße ein. Laut zuständiger Fachdienstleiterin Nicole Böttcher handelt es sich um 31 Familien mit insgesamt 83 Kindern. Die meisten (34) von ihnen sind zwischen sieben und zwölf Jahre alt, 48 sind schulpflichtig. Die Geflüchteten stammen aus Syrien, Kamerun, Weißrussland, Afghanistan, Somalia, Armenien und anderen Ländern der russischen Föderation. Ein Großteil lebte bislang im Übergangswohnheim in Brück, für das der Mietvertrag und die Genehmigung im Dezember 2019 enden und nicht verlängert werden sollen.

„Da die Menschen schon länger hier leben, haben sie alle mindestens einen Sprachkurs durchlaufen“, erklärte Nicole Böttcher. Mit dem Umzug nach Werder soll ihnen unter anderem der Eintritt in den Arbeitsmarkt erleichtert werden. In Brück leben sie sehr ländlich und sind nicht mobil. Neben der Heimleiterin und einem 24-Stunden-Wachdienst, der das Gebäude vor Angriffen schützen und Zugangskontrollen machen soll, sind drei Sozialarbeiter und eine Koordinatorin im Heim tätig. Der Internationale Bund ist Träger der Sozialarbeit für die Einrichtung. Landrat Wolfgang Blasig (SPD) betonte, dass keine allreinreisenden Männer oder Jugendlichen nach Werder kommen.

Unmut und Sorgen

Für Unmut unter den etwa 400 Werderanern im Saal der Bismarckhöhe sorgte der recht kurzfristige Umzug. „Für mich ist es nicht nachvollziehbar, warum es in so einer sensiblen Situation so lange dauert, bis ich die Information bekomme, auf die ich ein Recht habe“, sagte ein Anwohner der Schubertstraße. Wolfgang Blasig erklärte, dass Kreis und Stadt keinen früheren Termin gefunden hätten und nahm nach einem Wortgefecht einen Teil der Schuld auf sich. Der Stadtverordnete Steffen Königer (AfD) zitierte einen Beschluss vom Sommer 2016, mit dem das ehemalige Lehrlingswohnheim als Wohnraum für sozialschwache Menschen zur Verfügung stehen sollte. „Daran halte ich mich“, sagte Blasig und stellte in Aussicht, dass Menschen mit einem Wohnberechtigungsschein separate Wohnungen in dem Objekt anmieten könnten. Abstimmungen dazu seien angestoßen. Das Heim mit 240 Plätzen besteht aus einzelnen Einheiten mit Badezimmern und Gemeinschaftsküchen auf drei Etagen. In den Wohnungen könnten Küchenzeilen nachgerüstet werden.

Eine der ersten Nachfragen bezog sich auf die Betreuung der jüngsten Kinder. „Wie funktioniert das, wenn es keine freien Kita-Plätze gibt“, wollte der Werderaner wissen. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Familien ihre Kinder nicht gern in Betreuung geben. Wir werden im Haus Eltern-Kind-Gruppen einrichten, die von Sozialarbeitern unterstützt werden“, sagte Blasig.

Mehr als 250 Menschen im Jahr 2018

Bis Ende August hat der Landkreis in diesem Jahr 253 Personen aus 28 verschiedenen Ländern neu aufgenommen. 56 nichtbleibeberechtigten Personen sind ausgereist, abgeschoben oder zurück geschoben worden.

1014 Menschen, die Leistungen als Asylbewerber beziehen, sind derzeit in den Übergangswohnheimen und Wohnungen registriert. Hinzu kommen 375 Flüchtlinge, die in Wohnungen untergebracht sind und Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II erhalten.

Für das Objekt in der Werderaner Schubertstraße sind dem Kreis im Jahr 2017 Kosten in Höhe von 221 137 Euro entstanden, in 2018 sind es 355 543 Euro. Diese Kosten kann sich der Landkreis teilweise vom Land zurückerstatten lassen.

Aktuell beherbergt der Landkreis Geflüchtete in Bad Belzig, Brück, Teltow, Stahnsdorf, Neuseddin und Kuhlowitz. In Brück sind die meisten untergebracht, was sich mit dem Umzug nach Werder ändern wird. In Werder besteht eine Kapazität von insgesamt 240 Plätzen.

In den Schulen warten schon die nächsten Probleme. In der Karl-Hagemeister-Grundschule etwa könne von Kapazität keine Rede sein. „Wir kriegen sie unter“, sagte die Schulleiterin. Noch größer wiegt die Sorge, dass die Direktorin noch nicht weiß, wie viele Schüler kommen und wie sie diese nach den Herbstferien auf die Klassen verteilen soll. Nicole Böttcher zufolge sei mit dem Schulamt abgestimmt, welches Kind welche Einrichtung besuchen wird. Wolfgang Blasig räumte ein, dass eine spätere Einschulung unter Umständen möglich ist, sollte es mit der Vorbereitung bis zum Ferienbeginn nicht klappen.

Mehrmals kam die Frage nach der Sicherheit auf. „Nach einer Sicherheitskonferenz mit Stadt, Kreis, Polizei und Feuerwehr ist das Konzept abgestimmt und wird erarbeitet“, erklärte Nicole Böttcher. Für die Sicherheit außerhalb des Wohnheimes ist die Polizei zuständig.

Engagement und Vorfreude

Sorge und Angst verstummten, als sich eine Ukrainerin zu Wort meldete, die als eine von 144 Menschen nach Werder ziehen wird. Mit zittriger Stimme klaubte sie all ihre Deutschkenntnisse zusammen, um sich vor allem für die Hilfe zu bedanken. „Wir wollen die Sprache lernen, wir wollen arbeiten und wir wollen Steuern zahlen“, erklärte die Frau. „Ich weiß, dass es für Sie schwer ist, wir sind eine andere Kultur, tragen andere Sachen, aber wir sind Menschen wie Sie und wir haben ein Herz, das wehtut“, sagte sie.

Wie viel Engagement für Geflüchtete in der Blütenstadt steckt, zeigten etliche Wortmeldungen. „Die Arbeit mit Geflüchteten macht wirklich Spaß. Wir freuen uns riesig auf die Zusammenarbeit“, sagte Editha Stürtz-Frase vom Netzwerk Neue Nachbarn, das seit drei Jahren in Werder besteht. Ihre Mitstreiterin Gudrun Lehmann richtete einen Appell an die Regierung: Sie soll ihre Aufgaben erledigen, denn die Ehrenamtler könnten zwar helfen, aber beispielsweise keine Kitaplätze schaffen. „Es ist berechtigte Kritik, die hier anklingt, aber wir sollten nicht vergessen, dass es unsere verdammte Pflicht ist, Menschen in Not zur Seite zu stehen“, sagte sie. Landtagsabgeordnete Saskia Ludwig (CDU) resümierte den Abend ähnlich: „31 Familien sind verkraftbar für Werder. Aber auch kritische Fragen sollten erlaubt sein.“ Eine Vereinsvorsitzende fragte, wie sie helfen kann: „Ich freue mich, denn Geflüchtete können das Leben in Werder bereichern.“

Pflichtaufgabe des Kreises

Den Vorschlag für einen Tag der offenen Tür im Übergangswohnheim äußerte eine andere Werderanerin. Potenzielle Mieter könnten sich die Wohnungen dabei ansehen.

Flüchtlinge unterzubringen, ist nach Landesgesetz eine Pflichtaufgabe des Landkreises. Nach Königsteiner Schlüssel nimmt Potsdam-Mittelmark 8,5 Prozent der in Brandenburg ankommenden Menschen auf. Die Prognose für dieses Jahr sah 1033 Personen vor, bisher sind nur rund 260 gekommen. „Ich gehe nicht davon aus, dass wir die 1033 erreichen“, sagte Blasig.

Von Luise Fröhlich

Am Dienstagabend hat die Arbeitsgruppe ihre Ergebnisse zur überarbeiteten Elternbeitragssatzung für die Stadt Werder vorlegt. Nicht in allen Punkten herrscht Einigkeit.

10.10.2018

Das 1.Werderaner Fußballcamp in den Osterferien war ein voller Erfolg. Die Wiederholung richtet nun die Fußballfabrik von Ex-Bundesligaprofi Ingo Anderbrügge aus. Los geht’s am 30.Oktober.

08.10.2018

Jürgen Adolf (58) wollte eine Auszeit. Weg vom Beruf, hin zu seinen Träumen. Also stieg er in sein Kajak und paddelte über 2000 Kilometer in die finnische Hauptstadt. Nur einmal ist er gekentert.

11.10.2018