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Wo Professor Boerne irrt

Fichtenwalde Wo Professor Boerne irrt

Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner Michael Tsokos klärte in Fichtenwalde auf, wo Professor Boerne – der Rechtsmediziner aus dem ARD-Tatort – irrt. Tsokos, der unter anderem für das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag die Opfer von Srebrenica identifizierte, erzählte außerdem, warum ihn der Fall Elias besonders berührte.

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Auf einer Gartenanlage bei Luckenwalde wurde die Leiche des Potsdamer Jungen Elias gefunden. Damals mit vor Ort: Michael Tsokos (r.)

Quelle: Julian Stähle

Fichtenwalde. „Sie sehen hier eine typische Situation“, sagt Michael Tsokos und zeigt mit dem Beamer ein Bild, auf dem eine Frau zu sehen ist, die kopfüber in einer Badewanne hängt. „Sie kann ertränkt worden sein. Sie kann betrunken gewesen und nach dem Wassereinlassen ertrunken sein...“, sagt er. In solchen Fällen ist es seine Aufgabe oder die seiner Kollegen, herauszufinden, wie die Frau wirklich starb. Für die Untersuchung hat er nur ein Objekt: die Leiche. Michael Tsokos, Deutschlands wohl bekanntester Rechtsmediziner, war Gast in Fichtenwalde. Auf Einladung der Fichtenwalder Sicherheitspartner und der Friedrich-Ebert-Stiftung klärte er auf, wo Professor Boerne – der Rechtsmediziner aus dem ARD-Tatort – irrt (siehe Info-Kasten). 300 Leute in der Turnhalle hörten Tsokos gebannt zu und bekamen Bilder zu sehen, die für Rechtsmediziner typisch sein mögen, den Rest der Bevölkerung aber erschaudern lassen. Eigentlich wollten ihn noch mehr live erleben. Fast 200 Leuten musste Organisator Reinhard Scheiper absagen, weil kein Platz mehr frei war.

Tsokos leitet die Rechtsmedizin an der Berliner Charité, identifizierte etwa für das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag die Opfer von Srebrenica und die Männer und Frauen, die im Dezember 2016 beim Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz starben. Und er flog nach dem verheerenden Tsunami 2004 nach Phuket (Thailand), um die Identität der Toten dieser Naturkatastrophe aufzuklären. „Die meisten sind dort nicht ertrunken“, sagt Tsokos und umschreibt die Todesumstände so, dass jeder begreifen kann: Viele Opfer wurden erschlagen, erdrückt, als die Wassermassen sie zwei Mal samt Geröll und Holzbalken durch die Urlauberanlagen schleuderten – einmal, als die Welle kam, und das zweite Mal, als das Wasser zurückfloss.

Als einen Irrtum über Rechtsmediziner entlarvte er die Annahme, diese würden sich nur mit Toten beschäftigen. „Haben Sie schon mal Rechtsmediziner im Fernsehen gesehen, die lebende Personen untersuchten? Das ist unser Hauptbetätigungsfeld. Wir sind nicht nur Leichenärzte“ Da geht es etwa um Fälle häuslicher Gewalt. Er zeigt ein Bild von einer Frau mit malträtiertem Oberkörper. „Der Hausarzt würde von Hämatomen sprechen.“ Der Rechtsmediziner diagnostiziert Verletzungen als Folge „mehrfacher und mehrzeitiger Gewaltanwendung“. „Mehrzeitig“ meint Verletzungen unterschiedlichen Alters, die ein Kriterium für Misshandlungen sind. Rechtsmediziner helfen nicht nur, Täter zu überführen. „Wir können auch Schuld von Menschen nehmen“, sagt Tsokos und zeigt Fotos von Kindern. Eins zeigt Würgemale am Hals eines Kindes, zugefügt vom Lebensgefährten der Mutter. Die Wunden am Hals des anderen Kindes aber entstanden durch eine bakterielle Hauterkrankung.

Auf die Zuschauerfrage, wie er die Bilder verarbeite, spricht Tsokos von Professionalität, die man haben müsse, und bekennt doch, dass es Fälle gibt, „die einen Grenzen aufzeigen“. Besonders bewegt habe ihn der Fall Elias, der Potsdamer Junge, der am 8. Juli 2015 spurlos verschwand und den der Rechtsmediziner im Garten des Mörders bei Luckenwalde selbst mit ausgegraben hat. Tsokos hatte zuvor in den Medien die Suche nach Elias verfolgt. „Elias war so alt wie ein Sohn von mir“, sagt er.

Sind Tote immer leichenblass?

„Sind Tote immer leichenblass? Die größten Irrtümer über die Rechtsmedizin“, heißt das Buch, aus dem Michael Tsokos in Fichtenwalde las. Das Gespräch moderierte Brandenburgs Generalstaatsanwalt Erardo C. Rautenberg.

Kreidebleich sind Lebende, die mit schweren Erkrankungen kämpfen. Die Blutgefäße in der Haut sind dann kaum noch gefüllt, weil die Haut im Ernstfall von untergeordneter Bedeutung ist. Die Haut der Toten aber habe meist eine blau-violette Verfärbung, klärte Tsokos auf.

Von Jens Steglich

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