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Wo die Bochans und die Adebars leben

Tremsdorf Wo die Bochans und die Adebars leben

Das Gehöft in der Tremsdorfer Dorfstraße 36 ist das Zuhause der Familie Bochan und der Adebars. Die Störche gehören zur Familie dazu und kehren jedes Jahr wieder, um ihren Nachwuchs groß zu ziehen. „Solange ich denken kann, sind die Störche hier“, sagt Rita Bochan, die im Juli 90 Jahre alt wird.

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Rita Bochan in ihrem Haus in der Dorfstraße 36, die seit vielen Jahrzehnten auch die Heimatadresse von Familie Adebar ist.

Quelle: Jens Steglich

Tremsdorf. In dem Haus in der Tremsdorfer Dorfstraße hat sich die ganze Familiengeschichte abgespielt. Rita Bochan wird dort 1927 geboren, verbringt ihre Kindheit, übersteht den Krieg, heiratet 1949 und bringt im Elternhaus ihre erste von drei Töchtern zur Welt. Es wird gefeiert, gebangt, gelacht und geweint. Und die Störche sind immer dabei. „Solange ich denken kann, sind sie hier“, sagt Rita Bochan. Sie brüten seit Jahrzehnten auf der Scheune der Bochans. Wann genau sie dort das erste Mal gelandet sind, weiß keiner so genau. Rita Bochan weiß nur, wie in der Familie immer erzählt wurde, dass 1930 der Dachstuhl des Hauses brannte und ihre Eltern Sorge hatten, der Funkenflug könnte auch den Storchenhorst in Brand setzen.

Damals brüteten die Vögel noch am anderen Ende des Stallgebäudes. Das Nest hatten sie auf einem großen Wagenrad gebaut, das auf dem Stalldach lag. „Irgendwann ist das morsch geworden. Die Störche wollten dort nicht mehr drauf“, erzählt die 89-Jährige, die unter Naturschützern liebevoll Tremsdorfs Storchenfrau genannt wird. Kein Wunder: Niemand kennt die Geschichte der Tremsdorfer Störche so gut wie sie. Sie weiß auch, dass es damals für das Unbehagen der Störche noch einen anderen Grund gab: Die LPG hatte im Stall unter dem Horst Melkanlagen installiert. „Den Störchen war es wohl zu laut geworden.“

Das Storchenpaar versuchte dann, auf der anderen Seite der Scheune ein Nest zu bauen. Doch der Schornstein dort war gewölbt, das Nistmaterial hatte keinen richtigen Halt. Kurzerhand rückte die Maurerbrigade der LPG an und mauerte einen neuen Schornstein – nur für die Störche. „Die Maurer hatten kaum ihre Leiter weggestellt, da fingen die Störche schon an zu bauen“, erzählt Rita Bochan. Seit Anfang der 1960er Jahre ist nun an dem Ende der Scheune ihr Platz in Tremsdorf, den die Vögel nie den Rücken kehrten, obwohl es zwischenzeitlich verlockende Angebote gab. Eine andere Familie stellte einen Telegrafenmast mit Horst in den Garten und die Feuerwehr bot den alten Schlauchturm zum Nisten an. Familie Adebar aber blieb den Bochans treu und kam jedes Jahr wieder. Ob es immer die selben Störche waren oder später die Kindeskinder der Stammeltern, kann freilich keiner sagen. Fest steht: Das Nest auf der Scheune in der Tremsdorfer Dorfstraße wird im Frühjahr immer besetzt. Rita Bochan notiert jedes Jahr, wann die Störche eintreffen, wie viele Jungen sie großziehen und wann sie wieder abfliegen. Dieses Jahr kamen die Vögel erst am 6. April. „Sie sind beide zur gleichen Zeit gekommen. Das ist ungewöhnlich. Meistens kommt zuerst der Storchenmann und ein paar Tage später die Störchin.“

Der Schornstein auf der Scheune ist seit Jahrzehnten der Stammplatz der Tremsdorfer Störche, den sie trotz anderer verlockender Angebote die Tre

Der Schornstein auf der Scheune ist seit Jahrzehnten der Stammplatz der Tremsdorfer Störche, den sie trotz anderer verlockender Angebote die Treue hielten

Quelle: Jens Steglich

Mit den Störchen kommen inzwischen auch die Menschen, die mitunter aus Berlin anreisen, um die Vogelfamilie zu beobachten und zu fotografieren. Den besten Platz haben aber die Bochans im Innenhof. Dort steht eine Bank – so ausgerichtet, dass der Horst im Blick ist. Vor den Augen der Familie spielt sich dann jedes Frühjahr ein tierisches Schauspiel bei den Adebars ab. Nach dem Eintreffen wird mit großem Geklapper Hochzeit gefeiert. Dann werden die Eier ausgebrütet und die Storcheneltern wechseln sich bei der Futtersuche ab. Ein Storch ist immer da. Rund um Tremsdorf gibt es Wiesen und Seen. Frösche und Fische stehen ganz oben auf der Speisekarte. Einmal lag ein Aal unterm Nest, der den Jungen im Nest wohl zu groß war. Die Storcheneltern bedienen sich manchmal auch beim Fischer am Blankensee, um ihre Kleinen groß zu kriegen. Sind die Jungstörche dann flügge, laufen sie erst einmal über den First der Scheune – es ist der Gang zum ersten Flugversuch. Nicht alle trauen sich sofort. Die Flugbedingungen auf dem Grundstück der Bochans sind aber ideal. Die Jungstörche haben gegenüber den anderen Scheunenteil, auf dem sie landen können. Wenn die Kinder üben, sitzen die Eltern auf benachbarten Dächern und beobachten alles, erzählt Rita Bochan. Dieses Jahr war sie schon ein bisschen nervös, als die Störche Anfang April noch nicht da waren. „Wenn sie spät dran sind, denkt man: Wo bleiben sie denn nur?“, so die 89-Jährige. „Die Störche gehören einfach dazu“, sagt sie. Am 25. Juli wird im Haus in der Tremsdorfer Dorfstraße wieder gefeiert – der 90. Geburtstag von Rita Bochan. Ob die Jungstörche noch da sein werden, weiß man nicht. Die alten Störche, die oft auch im Garten der Bochans spazieren gehen, werden da sein. „Sie fliegen ein bis zwei Wochen später etwa Mitte August ab“, weiß Tremsdorfs Storchenexpertin. „Die Eltern müssen sich wohl erst erholen und wieder Kraft tanken für ihren Flug in den Süden“, sagt sie.

Von Jens Steglich

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