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„Zahl der Pflegekinder ist nach oben gegangen“

Fachdienststelle in Werder „Zahl der Pflegekinder ist nach oben gegangen“

Sozialarbeiterin Judith Schulz-Wittan (33) ist seit drei Jahren bei der gemeinsamen Fachstelle Pflegekinderdienst des Landkreises in Werder tätig. Im MAZ-Interview verrät sie, wie der Pflegekinderdienstes arbeitet, welche rechtliche Hürden Pflegefamilien beachten müssen und welche Kriterien gute Pflegeeltern erfüllen sollten.

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Judith-Schulz Wittan ist seit drei Jahren in der Fachstelle Pflegekinderdienst tätig.

Quelle: Luise Fröhlich

Werder. Seit 2010 gibt es die gemeinsame Fachstelle Pflegekinderdienst der Stadt Potsdam und des Landkreises Potsdam-Mittelmark mit Sitz in Werder. Acht Mitarbeiter suchen und begleiten Pflegefamilien für Kinder, die vorübergehend oder dauerhaft nicht mit ihren Eltern zusammenleben können. Seit etwa drei Jahren ist Sozialarbeiterin Judith Schulz-Wittan (33) für den Pflegekinderdienst tätig.

Frau Schulz-Wittan, wie viele Pflegekinder gibt es aktuell und wie hat sich die Zahl entwickelt?

Insgesamt haben wir derzeit 220 Pflegekinder, davon 86 in Potsdam, 119 in Potsdam-Mittelmark und 15 in anderen Landkreisen. Die Zahl ist stetig nach oben gegangen. Gleichzeitig haben wir weiteren Bedarf an Bereitschaftspflegeplätzen, die wir brauchen, wenn Kinder schnell vorübergehend in Obhut genommen werden müssen. In den ländlichen Regionen klappt das immer noch ganz gut, weil nicht jedes Elternteil berufstätig ist, aber in Potsdam ist es aufgrund der steigenden Lebenshaltungskosten schwierig.

Worin liegt die Herausforderung, ein Pflegekind bei sich aufzunehmen?

Es gibt zwar Aufwandsentschädigungen, aber es ist eine ehrenamtliche Tätigkeit und das rund um die Uhr. Hinzu kommt das Spannungsfeld zwischen der Privatsphäre und der Tatsache, dass man im Auftrag des Jugendamtes für die Herkunftsfamilie eine Hilfe zur Erziehung leistet. Die Familie wird halb öffentlich. Die meisten Pflegekinder werden in ihrem ersten Lebensjahr vermittelt und bringen alle ihr ganz eigenes Päckchen resultierend aus der Vorgeschichte und Problemen mit. In der Anfangszeit bitten wir die Pflegeeltern darum, sich ausreichend Zeit für die Eingewöhnung der Kinder zu nehmen und es sollten auch nicht beide voll berufstätig sein. Außerdem gibt es auch rechtliche Dinge zu beachten.

Welche zum Beispiel?

Was viele nicht wissen ist, dass die Herkunftseltern in den meisten Fällen das Sorgerecht behalten. Wenn sie den Urlaub im Ausland verbringen wollen oder das Kind auf eine spezielle Schule gehen soll, müssen die sorgeberechtigten Eltern einverstanden sein.

Kommt es da auch mal zu Auseinandersetzungen zwischen den Parteien?

Ja, es gibt alle möglichen Konstellationen. Manche sehen sich als Konkurrenz, andere sitzen zusammen am Kaffeetisch und bei wieder anderen hagelt es Vorwürfe. Dass die leiblichen Eltern ein Recht auf Umgang mit dem Kind haben, ist für manche nicht einfach. Das übergeordnete Ziel aller stationären Hilfen ist ja eigentlich die Rückführung. Allerdings ist die Quote bei Pflegeverhältnissen sehr gering, 2016 lag sie bei uns bei zwei Prozent.

Was sind die häufigsten Gründe dafür, dass Kinder auf die Hilfe anderer angewiesen sind?

Viele haben minderjährige Mütter, Eltern mit psychischen Erkrankungen, sind verwahrlost oder vernachlässigt worden. Mit dem neuen Kinderschutzgesetz sind zum Beispiel Polizei, Ärzte und Kitas verpflichtet, dem Jugendamt Gefährdung des Kindeswohls anzuzeigen. Zuerst geht die Meldung an den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), mit dem wir eng zusammenarbeiten.

Was muss man mitbringen, um eine gute Pflegefamilie zu sein?

Man muss tatsächlich ziemlich viele Kriterien erfüllen. Die reichen von formalen Voraussetzungen wie einem erweiterten Führungszeugnis über ein verfügbares Zimmer für das Pflegekind bis hin zur Bereitschaft mit uns zu arbeiten und sich zu reflektieren. Pflegeeltern müssen ein Prüfungsverfahren absolvieren, bei dem sie sorgfältig auf ihre Aufgabe vorbereitet werden. Dazu gehört ein Seminar mit externen Fachreferenten. In diesem Jahr durchlaufen gerade sieben bis acht Paare dieses Seminar. Wir würden uns dringend mehr Bewerber wünschen, denn je verschiedener die Auswahl, desto eher gelingt eine Vermittlung. Übrigens müssen es nicht nur Paare oder Eheleute sein. Auch Männer und Frauen in Lebenspartnerschaften oder Verwandte können Pflegeeltern werden.

Info: Interessierte sind herzlich zum Infoabend am 5. Juli von 17.30 bis 19 Uhr eingeladen beim Pflegekinderdienst, Am Gutshof 1–7 in Werder.

Von Luise Fröhlich

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