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Ziesar MAZ-Wolfsforum: „Deutschland nicht natürlicher Lebensraum des Wolfes“
Lokales Potsdam-Mittelmark Ziesar MAZ-Wolfsforum: „Deutschland nicht natürlicher Lebensraum des Wolfes“
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15:17 05.10.2018
MAZ-Redaktionsleiter Benno Rougk (links) hatte in die Runde gefragt, wer schon einmal einen Wolf in der freien Natur gesehen habe: Viele Hände gingen hoch. Quelle: STEINER
Brandenburg/H

Tierliebelei oder Panikmache vor dem bösen Wolf? Eine Problemlösung konnte es an diesem Abend nicht geben, dazu waren die Standpunkte zu gegensätzlich und unversöhnlich. Ganz viele Menschen haben sich eine Meinung zum Wolf gebildet, dafür spricht das große Interesse an dem von der MAZ organisierten Wolfsforum am Donnerstagabend.

Der Glassaal der Burg Ziesar fasste gar nicht alle Interessierten, etwa 30 verfolgten die spannende Diskussion im Freien per Lautsprecherübertragung.

CDU-Abgeordneter: „Es wird etwas passieren“

Fest steht: Es fehlt ein Plan zum langfristigen Umgang mit dem Wolf, weil nicht absehbar ist, wie schnell er sich vermehrt und welche Schäden er künftig anrichtet. Der CDU-Landtagsabgeordnete Dieter Dombrowski macht Hoffnung: „Haben sie Vertrauen in die Politik, es wird etwas passieren. Gehen sie zu ihren Abgeordneten, machen sie ihre Forderungen auf, lassen sie sich nicht abspeisen und lassen sie es nicht zu, dass ihre Volksvertreter sich hinter vermeintlichen Regelungen im Bund oder in der Europäischen Union verstecken.“

Andreas Piela ist Referatsleiter für Arten- und Biotopschutz im Brandenburger Umweltministerium. Er verweist darauf, dass Brandenburg im Februar als erstes Bundesland reagiert habe mit einer Wolfsverordnung, die es erlaubt, Problemtiere, die dem Menschen gefährlich nahe kommen, nach Einzelgenehmigung zu schießen.

Das Land starte gemeinsam mit Niedersachsen und Sachsen eine Bundesratsinitiative, um das Naturschutzgesetz entsprechend anzupassen und vermutlich irgendwann ein Regulieren der Wolfsbestände zu ermöglichen.

Das Interesse war riesengroß, zwei Stunden lebhafter Diskussion genügten kaum, um alle Facetten zum Thema Wolf zu erörtern. Der Disput blieb sachlich, alle kamen zu Wort.

Das genügt den meisten Zuhörern im Saal allerdings nicht, einige haben konkrete Angst, andere konkrete wirtschaftliche Verluste, wieder andere Folgeschäden, etwa durch das Bilden von „Angstrudeln“ beim Dam-, Rot- und beim Schwarzwild, in denen Dutzende Tiere viel Schaden in Wald und Flur anrichten.

„Der Wolf ist kein Jäger, sondern ein Räuber. Er gerät in einen Blutrausch, der nicht zu kontrollieren ist“, sagt Elard von Gottberg, Chef der Fiener Agrargenossenschaft, er beklagt bislang den Verlust von mindestens einem Dutzend Tiere. Zwölf Mutterkuhherden auf insgesamt 2500 Hektar Land, die ständig die Weideflächen wechseln, seien nicht so zu beschützen, wie es das Land fordert, damit Bauern überhaupt ihren Schaden ersetzt bekommen.

Zaunsysteme als Schutz für Landwirte teuer

So wahnsinnig hoch sind die Beträge auch nicht, die bislang gezahlt wurden, gibt Piela zu: 50.000 Euro Schadenersatz für verlorene Nutztiere und 249.000 Euro für präventive Maßnahmen der Landwirte für den Schutz ihrer Herden.

Ein Landwirt hat zwei kleine Mutterkuhherden, fünf Kälber habe sich der Wolf bereits geholt, auf dem Schaden von 3000 Euro blieb der Eigentümer sitzen. „Die Zäune, die von Potsdam verlangt werden, würden mich allein 18.000 Euro kosten. Das ist keine Relation. Wenn alle große Zäune um ihre Koppel ziehen, sieht die Landschaft hier aus wie vor 30 Jahren am Grenzübergang Helmstedt.“ Vom Wettrüsten beim Schutz der Tiere war oft die Rede und selbst Nabu-Landesgeschäftsführerin Christiane Schröder musste zugeben, dass gute mobile Zaunsysteme für die meisten Landwirte noch zu teuer sind.

Emotionale Diskussion

Jens Schreinicke ist Chef des Kreisbauernverbandes Potsdam-Mittelmark, er spricht dem Naturschutzbund das Recht ab, überhaupt bei diesem Thema mitzudiskutieren: „Von ihnen höre ich immer nur, was wir tun sollen, um unsere Tiere zu schützen. Dabei handelt es sich um ein Totalversagen der Landesverwaltung, die lange Zeit überhaupt nicht auf das Thema Wolf eingestellt war.“ Wenn die Nabu-Mitglieder unbedingt den Wolf im Land haben wollen, sollten sie auch ihren finanziellen Beitrag leisten.

„Dann kann jeder von ihnen 500 Euro Jahresbeitrag für unsere Schutzmaßnahmen aufbringen“, forderte er populistisch. Die MAZ-Redakteure Benno Rougk und Frank Bürstenbinder moderierten die Veranstaltung, sie achteten darauf, dass die Diskussion trotz aller Emotionalität nicht entglitt. Rougk hatte in seiner Begrüßung schon das Ziel formuliert, die öffentliche Diskussion versachlichen zu wollen.

Jagdverband: Schutzjagden sollten möglich sein

Nicole Breitung ist Physiotheraputin und Ferienwohnungsvermieterin in Ziesar. Sie bringt die Experten mit einer einfachen Frage zum Stammeln: „Der Wolf schadet Menschen, Nutztieren und unseren Hunden. Für alle Wildtiere gibt es Möglichkeiten, den Bestand zu regulieren und sie zu bejagen. Warum soll das beim Wolf nicht möglich sein?“ Das Land sei an EU-Recht gebunden, aus Brüssel kämen auch viele Millionen Euro Fördermittel, von denen wiederum die Landwirtschaft profitiere, sagt schließlich Piela.

Karl-Heinz Homann ist Chef des Jagdverbandes Brandenburg an der Havel. Er spricht von „teilweiser Tierliebelei“, die beim Thema Wolf nicht angemessen sei. „Auch der hochflüchtige Fuchs ist trotz des viel größeren Jagddrucks noch lange nicht ausgerottet.“ Auf den Wolf sollten keine Lizenz- oder Gesellschaftsjagden veranstaltet werden, aber Schutzjagden zum Regulieren der Bestände sollten durchaus möglich sein. In anderen EU-Staaten wie Frankreich und Schweden werde es schließlich so praktiziert.

„Deutschland nicht natürlicher Lebensraum des Wolfes“

Zum Beweis präsentierte er Zahlen: „Deutschland ist nicht der natürliche Lebensraum des Wolfes mit einer Einwohnerdichte von 233 Menschen pro Quadratkilometer. In Frankreich und Schweden sind es 105 Menschen.“ Dort gebe es auch nur jeweils 300 bis 350 Wölfe, in Deutschland seien es bereits 1000, sekundiert Landwirt von Gottberg. „Bei einer Reproduktionsrate von 30 Prozent haben wir 2030 etwa 4000 Wölfe, wie soll es weitergehen?“

Dorothea Liepe ist in einer Jägerfamilie aufgewachsen: „In früheren Zeit haben die Jäger selbst die Bestände eigenverantwortlich geregelt und es hat auch funktioniert. Bei uns auf dem Hof, sind Katzen, die Küken raubten, und Hunde, die gefährlich waren, auch aus dem Bestand genommen worden. Warum soll das für den Wolf nicht gelten?“

„Wolf muss vom Menschen ferngehalten werden“

„Man kann durch Unterlassen Risiken für den Menschen erhöhen“, mahnt der Politiker Dombrowski. „Es kann auch nicht angehen, dass die Kinder an der Grundschule Rathenow West unterwiesen werden, wie sie sich zu verhalten haben, wenn sie auf den Wolf treffen. Das Gegenteil ist richtig: Der Wolf muss vom Menschen ferngehalten werden.“

In der mehr als zwei Stunden währenden Diskussion kamen viele Themen zur Sprache, etwa die Wechselwirkungen zwischen „grüner“ Politik und Landwirtschaft. Von Vermaisung war die Rede, weil Biomassekraftwerke ungebremst gefördert werde, was die Schalen- und Schwarzwildbestände extrem vergrößere. Selbst der Wolf könne diese nicht dezimieren, lieber suche er sich Nutzvieh, das für ihn leichter zu schnappen sei.

Mehrheit der Besucher kritisch gegenüber Wolf

Auch den Mythos, der Wolf sei heimlich und mutwillig in Deutschland wieder künstlich angesiedelt worden, griffen einige Teilnehmer auf. Und Jäger Tino Erstling beklagt, dass er es selbst erlebt habe, dass er für eine Nabu-Mitgliedschaft geworben werden sollte und die Naturschützer als Argument dafür ihre Konflikte mit Jägern und Bauern vorbrachten.

Solcherart Gegnerschaft nütze in der gesamten Diskussion nichts, waren sich beinahe alle Teilnehmer im Podium und im Publikum einig. In einer schriftlichen kleinen Abstimmung beteiligten sich 138 Besucher. Nur zwei Gäste stimmten bedingungslos der These zu, dass der Wolf willkommen sei und sich ungehindert ausbreiten dürfe, 71 votierten für die Aussage, mit dem Wolf leben zu können, aber ein Regulieren des Bestands möglich sein müsse. 65 Gäste lehnen den Wolf komplett ab, er gehöre nicht hierher.

Wolf sorgt in letzten Tagen für Aufregung

Dafür sprach auch Klaus Mordhorst aus Groß Kreutz. „Wenn wir zurück zur Natur wollen, dürften auf dem Parkplatz der Burg nicht 80 Autos stehen sondern 80 Kutschen oder Pferde.“ Wir lebten nun einmal ein einer Kultur- und nicht in einer Naturlandschaft.

Die Besucher kamen nicht nur aus dem Fiener Bruch, sondern auch aus der Prignitz, aus Sachsen-Anhalt und aus der gesamten Mittelmark.

In den vergangenen Wochen kam es immer wieder zu Begegnungen mit Wölfen in Brandenburg. In der Brücknitzer Heide hätten drei Wölfe fast einen Hund tödlich verletzt, in Oberhavel konnte ein Heizungsbauer einen Wolf filmen und in Zitz wurde ein toter Wolf gefunden, der nicht wie zuerst angenommen erschossen wurde.

Von André Wirsing

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