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Zog ein Tornado über Glindow?

Heftiger Gewittersturm Zog ein Tornado über Glindow?

In Glindow bei Werder/Havel hat am Donnerstagabend ein heftiges Gewitter gewütet. Auf engstem Raum wurden Gärten verwüstet und Bäume entwurzelt. Betroffene Anwohner glauben: Es sei ein Tornado gewesen, wie sie im Video erzählen. MAZ hat bei Wetterexperten nachgefragt.

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Der heftige Gewittersturm riss in Glindow einige stattliche Bäume um, zwei fielen auf Häuser.

Quelle: Julian Stähle

Glindow. „Erst kam der Regen, dann starker Regen und dann die Windhose. Man konnte bloß noch zwei, drei Meter weit sehen, so viel Regen fiel auf einem Schlag. Dann hat es geknallt, hinten sind Bäume umgekippt und vorn hat es auch geknallt und schon lag der Baum auf der Erde... Ein paar Sekunden und alles liegt auf der Erde.“ Anwohner Bernhard Kemnitz kann es kaum fassen, was sich am Donnerstagabend auf engem Raum in Glindow abgespielt hat.

Blumentöpfe und allerlei anderes flog umher, sein Gewächshaus wird zerstört und beim Nachbarn fällt ein Baum auf die Veranda. Ist ein Tornado durch Glindow gezogen? Anwohner in den betroffenen Gebieten in der Heinrich-Heine- und in der Rosa-Luxemburg-Straße vermuten das. „Es war ein Tornado... Das kam auf einmal und hat sich gedreht“, berichtet Karl-Heinz Greulich. Er lebe seit 1981 im Ort. „So etwas habe ich hier noch nie erlebt.“

Bei Anwohner Bernhard Kemnitz wütete der Wind im Garten und beschädigte unter anderem das Gewächshaus

Bei Anwohner Bernhard Kemnitz wütete der Wind im Garten und beschädigte unter anderem das Gewächshaus.

Quelle: Julian Stähle

So sieht das auch sein Nachbar Ralf Steinke, der mit seiner Frau gerade im Garten war, wo beide Schutz suchten. Als seine Frau danach nach vorn lief, sah sie das Unheil: Ein Baum war auf das Hausdach gefallen. Als die dunklen Wolken aufzogen, hätte er starken Regen und Blitze erwartet. „Aber so einen Tornado, der die Bäume entwurzelt, hätte ich nicht erwartet“, so Steinke. Die Feuerwehr Werder war mit den Löschzügen I und II an dem Abend im Dauereinsatz. Rund 40 Einsätze auf engem Raum hatten die Feuerwehrleute zu bewältigen. Zahlreiche Gärten wurden verwüstet, mehrere Bäume umgeworfen – mindestens zwei fielen auf Häuser und beschädigten sie. Glück im Unglück: Verletzt wurde niemand.

War es wirklich ein Tornado?

Laut Deutschem Wetterdienst in Potsdam hatten sich gegen 16.30 Uhr südlich von Brandenburg/Havel zwei Gewitterzellen gebildet, die unter Intensivierung Richtung Werder und Berlin zogen. Eine Gewitterzelle überquerte Glindow. „Ich würde es nicht kategorisch ausschließen, ich habe aber Zweifel, dass es ein Tornado war“, sagte ein Potsdamer Meteorologe. Von einem Tornado spreche man, „wenn sich ein Rüssel von den Wolken abtrennt und den Boden erreicht“. Der Wirbel wütet dort oft mindestens mit Windstärke 11. Der Meteorologe schätzt, „es war eher ein kräftiges Gewitter in Verbindung mit stürmischen Böen“. Die beiden besagten Gewitterzellen haben sich laut Wetterdienst später verbunden, sind über Berlin gezogen und vor allem den Süden der Hauptstadt in Mitleidenschaft gezogen. „Über Berlin war das Gewitter laut den Radarbildern noch kräftiger“, sagte der Meteorologe. Gemeldet wurden in Berlin Windstärken 8 bis 9. Stärke 9 sind Geschwindigkeiten zwischen 75 und 88 Kilometern pro Stunde. Es könne lokal abseits der Messstellen aber auch schlimmer gewesen sein.

Der heftige Gewittersturm riss einige stattliche Bäume um, zwei fielen auf Häuser

Der heftige Gewittersturm riss einige stattliche Bäume um, zwei fielen auf Häuser.

Quelle: Julian Stähle

Andreas Friedrich, der Tornado-beauftragte des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach, hat bei den gewitterträchtigen Wetterlagen in den vergangenen Tagen häufiger Tornado-Meldungen auf den Tisch bekommen. „Das Problem ist, sie können Tornados auf Radarbildern nicht erkennen. Was wir sehen, sind die Niederschlagsgebiete der Gewitter.“ Man brauche deshalb verlässliche Augenzeugen, um sagen zu können, was wirklich passiert ist. Wenn es Bilder oder Videos gäbe, wo zu sehen ist, dass die Winddrehung eines Wirbels bis zum Boden erfolgt, würde er sagen: Es ist ein Tornado. In der Regel sind es laut dem Tornado-Beauftragten aber eher sogenannte Fallböen. „Sie kommen viel häufiger vor als Tornados.“ Bei ihm in Offenbach ist für den 3. August ein Tornado-Verdachtsfall gemeldet worden – von der Ostsee bei Kiel. Nach der Schilderung, dass die Bäume in Glindow laut Anwohnern in eine Richtung gefallen sind, deutet für Friedrich viel darauf hin, dass dort eine Fallböe gewütet hat. „Regen oder Hagel fällt nach unten und reißt kalte Luft mit nach unten. Die Luft wird am Boden umgelenkt.“ Manchmal wird der Fallwind zusätzlich durch örtliche Gegebenheiten kanalisiert, was ihn weiter verstärkt. Solche Fallböen können auch große Schäden anrichten, so Friedrich. Es sind im Extremfall Windstärken von bis 200 Kilometern pro Stunde möglich.

Die Unwetter werden heftiger, findet der Werderaner Feuerwehrzeugführer Heiko Zemlin, der mit seinen Kameraden in Glindow umgestürzte Bäume von Häusern und Straßen beseitigte. „Solche Einsätze werden in Zukunft immer häufiger unsere Aufgabe sein“, sagte er.

Auch Sturmjäger prüfen Tornado-Verdacht

Laut Andreas Friedrich, dem Tornado-Beauftragten des Deutschen Wetterdienstes, werden im Jahr deutschlandweit 20 bis 60 Tornados gemeldet, bei denen sich der Verdacht bestätigen ließ.

Mit Extremwetter befassen sich auch die Stormchaser Brandenburg, so etwas wie Hobby-Tornado-Jäger. „Bei dem Verdachtsfall in Glindow sind wir noch beim Auswerten“, sagte Julian Werder von den Sturmjägern. Er spricht von 400 Bildern und mehreren Videos aus verschiedenen Gegenden, die ausgewertet werden.

Im Glindower Fall könne man derzeit noch nicht sagen, ob es ein Tornado war. „Es besteht die Möglichkeit“, so Julian Werder. Vom 3. August gibt es ein Foto aus Michendorf, dass einen Tornado im Anfangsstadium zeige.

Laut Deutschem Wetterdienst wird von einem Tornado gesprochen, wenn der Windwirbel tatsächlich den Boden erreicht.

Im Land Brandenburg richtete am 24. Mai 2010 ein Tornado in Mühlberg große Zerstörungen an, bevor er weiter nach Sachsen zog.

Von Jens Steglich und Julian Stähle

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