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Zündstoff über das Wir-Gefühl auf dem Land

Lehniner Gespräch Zündstoff über das Wir-Gefühl auf dem Land

Ist eine Debatte über den sozialen Zusammenhalt auf dem Land harmlos? Alles andere als das, sagte Benno Rougk von der Märkischen Allgemeinen, Moderator des Lehniner Gesprächs mit Talja Blokland, Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie an der Humboldt-Universität, und mit Kloster Lehnins Bürgermeister Uwe Brückner (SPD). Tatsächlich bot sich viel Zündstoff.

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Auf dem Podium: Talja Blokland debattiert mit Kloster Lehnins Bürgermeister Uwe Brückner (r.). Benno Rougk von der MAZ moderiert.

Quelle: Volkmar Maloszyk

Kloster Lehnin. 64 Dörfer gehörten einst zum Zisterzienserkloster Lehnin. Heute zählt die kommunale Gemeinde Kloster Lehnin 14 Ortsteile. Wie funktioniert Zusammenhalt im dörflichen Lebensraum, diese Frage hat Dienstag die Protagonisten der Diskussionsreihe Lehniner Gespräche zusammengeführt: Talja Blokland, Professorin für Stadt- und _Regionalsoziologie an der Humboldt-Universität Berlin, debattierte mit Kloster Lehnins Bürgermeister Uwe Brückner (SPD), ob es wachsen könne, das Wir-Gefühl auf dem Lande. „Das Thema klingt nur harmlos, es ist es nicht“, sagte Benno Rougk, Moderator des Abends und Geschäftsführer des MAZ-Regionalverlages Brandenburg. Das traf es.

Talja Blokland, Professorin an der Humboldt-Universität Berlin, während der Debatte, wie das soziale Miteinander auf dem  Lande gefördert werd

Talja Blokland, Professorin an der Humboldt-Universität Berlin, während der Debatte, wie das soziale Miteinander auf dem Lande gefördert werden kann.

Quelle: Volkmar Maloszyk

Brückner berichtete von seiner ersten Zeit, als er 1993 von Potsdam mit der Familie nach Damsdorf zog. Dabei fiel ein prägender Satz voll Zündstoff. Säßen heute im Gasthaus Landlord nur Pärchen, seien damals freitagabends viele Männer zusammen gekommen. Brauchte jemand etwas für den Hausbau, ließ es sich dort organisieren. Für Brückner Dorf-Gemeinsachaft pur, für Blokland Notgemeinschaft zu Lasten der Frauen, die derweil zuhause den Haushalt führten, obwohl auch sie den ganzen Tag gearbeitet hatten. Zudem: „Heute gibt es überall Obi, wer eine Säge braucht, kauft sich eine.“

Wissenschaft und Verwaltung

Talja Blokland, 1971 in den Niederlanden geboren, lebt seit 2009 in Berlin und lehrt und forscht an der Humboldt-Universität. Sie arbeitete zuvor auch an der Yale-University, eine der renommiertesten Universitäten der Welt.

Uwe Brückner (55, SPD) ist seit zehn Monaten Bürgermeister in Kloster Lehnin. Zuvor war er Abteilungsleiter bei der Bereitschaftspolizei des Landes Brandenburg. 18 Jahre lang war Brückner Ortsvorsteher in Damsdorf.

Überhaupt gab die Soziologie-Professorin ordentlich Contra. Wie wächst eine Gemeinschaft auf dem Land? „Wir müssen doch nicht alle Freunde werden“, sagte Blokland. Wichtig sei, gleiche Interessen zu finden. Da seien die einen, die Kinderbetreuung suchten und andere, die Enkelkinder vermissten. Diese Menschen könnten Gemeinschaft finden. Den Einwurf zu Dorffesten, diese würden von vielen Zugezogenen nicht besucht, ließ sie nicht gelten: „Es geht nicht, dass wir es schaffen, dass wir alle das gleiche schön finden“. Die Lebensstile seien zu verschieden. Die einen hätten viel Zeit, andere weite Wege zur Arbeit zu bewältigen. Der eine kaufe morgens ein, der andere abends. Begegnungen wie früher, als alle gleichzeitig Feierabend hatten, seien vorbei.

Pfarrer Matthias Blume, Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Diakonissenhauses Berlin-Teltow-Lehnin hat zu dem Lehniner Gespräch eingeladen

Pfarrer Matthias Blume, Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Diakonissenhauses Berlin-Teltow-Lehnin hat zu dem Lehniner Gespräch eingeladen.

Quelle: Volkmar Maloszyk

Brückner verwies auf drohende Anonymität: „In Kloster Lehnin ziehen jährlich mehr als 100 Menschen zu oder gehen weg.“ Ein Lehniner klagte, in seinem Wohnblock kenne er viele Nachbarn nicht, aber die seien auch nicht sein Klientel. Darauf konterte Blokland: Er kenne die Nachbarn nicht, aber dann doch so gut, um zu wissen, sie seien nicht sein Klientel?

Vandalismus auf dem Markgrafenplatz in Lehnin

Auch Vandalismus kam zu Sprache. Brückner berichtete von zerstörten Bänken am Markgrafenplatz. „Das sind 14- bis 16-jährige männliche Jugendliche“ aus der Gemeinde. An sie und deren Eltern käme man nicht heran. „Denen fehlen Werte“, warf ein Zuhörer ein: Blockland widersprach: „Jeder 16-Jährige weiß, dass er eine Bank nicht zerstören darf.“ Blokland weiter: „Wir müssen verstehen, dass wir nicht wirklich verstehen, Jugendliche zu verstehen.“ Bemühen aber sei wichtig in der Verständigung zwischen den Generationen.

Und die gefühlte Sicherheit in Kloster Lehnin? „Wir sind hier relativ sicher im Vergleich zu anderen Regionen“, so Brückner.

Warum fühlen sich dennoch viele Menschen nicht sicher? Es gebe keinen Zusammenhang zwischen gefühlter Sicherheit und Kriminalitätsstatistik, sagte Blökland. Sicher fühle sich der, der sein Umfeld einschätzen könne. Viele fühlten sich in ihrer Lebenssituation unsicher und übertrügen das auf ihr Sicherheitsgefühl, so ihre Erklärung.

Von Marion von Imhoff

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