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10. Juni Unesco-Tag: Alle Augen auf Bornstedt

Interview mit dem Stadtkonservator von Potsdam 10. Juni Unesco-Tag: Alle Augen auf Bornstedt

Potsdams Stadtkonservator Andreas Kalesse (64) ist ein Kenner des Bornstedter Unesco-Welterbes, das aus dem Dorf, dem Krongut, der Kirche und dem Friedhof besteht. Hier kann man unter anderem das Grabmal des traurigen Hofnarren des Soldatenkönigs finden, der in einem Weinfass zum Begräbnis am Bornstedter Friedhof transportiert wurde.

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Das zentrale, leuchtende Ostfenster der Bornstedter Kirche, deren Sanierung nun beendet wurde.

Quelle: Christel Köster

Bornstedt. Im MAZ-Interview erklärt Andreas Kalesse, weshalb der idyllische Ort im Mittelpunkt des Unesco-Tages am 10. Juni stehen wird.

Herr Kalesse, in anderen deutschen Städten beziehungsweise Regionen ist der Unesco-Tag schon am vergangenen Wochenende mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert worden. Warum zieht Potsdam erst am kommenden Sonnabend nach?

Die Landeshauptstadt hat den Tag bewusst verlegt, weil Pfingsten ein sehr hoher kirchlicher Feiertag ist. Auch in Bornstedt finden zu Pfingsten viele Konfirmationen statt. Wir wollten aber nicht auf einen anderen Veranstaltungsort ausweichen, sondern hatten uns bewusst für Bornstedt entschieden.

Warum war Ihnen so daran gelegen?

Die Sanierung des Gotteshauses ist in diesem Jahr beendet worden. Erst am vorletzten Wochenende war das Kirchweihfest. Mit dem Unesco-Tag, der von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) eröffnet wird, soll die jahrelange Arbeit an dem Gebäude gewürdigt werden.

Wie können Besucher den Bau nun nach der „Schönheitskur“ erleben?

Von außen ist die Kirche von einer Brillanz, die es in den letzten hundert Jahren so nicht mehr gegeben hat. Das Mauerwerk war sehr schmutzig. Jetzt sieht es so aus, als würde das Bauwerk strahlen. Es ist nun im wahrsten Sinne des Wortes ein Leuchtpunkt. Im Inneren war es ebenfalls bislang sehr dunkel. Nun ist die Farbfassung des späten 19. Jahrhunderts wieder erlebbar. Alles ist in einem sehr freundlichen Ockerton gehalten. Und die Altarnische hat wieder einen Sternenhimmel.

Waren Sie überrascht, als man den Sternenhimmel unter den Anstrichen entdeckte?

Ja. Vorausgegangen war eine lange Befunduntersuchung, die das unter anderem zutage brachte. Bemerkenswert sind auch die Eierstabornamente und die blauen und rötlichen Begleitstriche, die in den Bögen und Wandflächen angeordnet sind. Sie geben dem Raum ein sehr würdevolles Aussehen und gliedern die Wände. Auch das zentrale, leuchtende Ostfenster korrespondiert nun wieder mit all diesen ganzen farbgliedernden Elementen.

Von wann datiert der Kirchenbau?

Es gab mehrere Bauten. Entscheidend sind die Veränderungen, die für den späteren Kaiser Friedrich III. – auch bekannt als der 99-Tage-Kaiser – durchgeführt wurden. Der Altarraum wurde verlängert, um so Platz für eine fürstliche Loge zu bieten. Friedrich und seine Gattin Victoria besaßen das nahegelegene Krongut Bornstedt, wo sie sich um Gärtnerei und Landwirtschaft kümmerten. Das Gut war eine Musterwirtschaft. Und sonntags ging man brav in die Kirche gleich gegenüber.

Das markante Wahrzeichen der Kirche ist der Campanile, der italienische Glockenturm. Wie kommt dieser architektonische Italo-Export ausgerechnet in ein märkisches Dörflein?

Das ist dem Landschaftsverschönerungsprogramm von 1833 zu verdanken, das der spätere König Friedrich Wilhelm IV. zusammen mit Peter Joseph Lenné vorantrieb. Friedrich Wilhelm war zudem ein sehr christlicher König, der sich viel mit dem Urchristentum beschäftigte. Er reiste nach Italien, um sich all die wichtigen Kirchenbauten anzusehen. Viele hatten einen Campanile. Dieses Motiv hat er dann nach Potsdam übertragen. Auch die Sacrower Heilandskirche hat ja einen etwas ähnlichen Glockenturm.

Zu den Sehenswürdigkeiten in der Kirche zählt das Grabmal von Jacob Paul von Gundling. Der unglückliche Historiker wurde als unfreiwilliger Hofnarr des Soldatenkönigs zur Zielscheibe grausamer Scherze. Er wurde sogar – grotesk kostümiert – in einem Weinfass beigesetzt. Auch das Grabmal ist wenig schmeichelhaft: Es zeigt einen Hasen, das Symbol für Feigheit.

Das Ohr des Hasenreliefs mussten wir wiederholt ankleben. Die Geschichte des Grabmals ist hochinteressant. Ursprünglich befand es sich nämlich auf dem Bornstedter Friedhof. Die Heimatforscherin Karoline Schulze – sie war nebenbei bemerkt hinter Lenné her und ließ kein gutes Haar mehr an ihm, nachdem er sie abgewiesen hatte – machte sich um das Grabmal verdient. Sie schaffte es, dass es vom Friedhof in die Kirche gebracht wurde. Somit konnte es unversehrt erhalten bleiben.

Gundlings Grabstein fällt durch Farbigkeit auf, im Gegensatz zu anderen Grabmälern aus dem Barock.

Das ist ein Trugschluss. Es ist davon auszugehen, dass die meisten Grabsteine im 18. Jahrhundert bunt bemalt waren. Im Laufe der Zeit gingen die Farben wegen der Witterung jedoch verloren. Der Einsatz von Karoline Schulze kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Durch die Übertragung von Gundlings Grabmal und zwei weiterer Grabplatten in die Kirche ist die farbige Sepulkralkultur seit der Restaurierung wieder erlebbar.

Schon Fontane hat vom Bornstedter Friedhof geschwärmt. Was ist der denkmalpflegerische Reiz des Ortes?

Der Kirchhof ist ein preußisches Geschichtsbuch. Wer sich für Personengeschichte interessiert, der wird dort reichlich fündig. Er gehört zudem zu den am besten erforschten Friedhöfen in Brandenburg. Lenné ist dort begraben und die Gärtnerdynastie der Sellos. Auch Hugo von Tschudi, der 1896 Direktor der Nationalgalerie Berlin wurde, liegt hier. Außerdem ist für den Hitler-Widerständler Henning von Tresckow ein Gedenkstein aufgestellt worden. Tresckows Schwiegervater Erich Georg Sebastian von Falkenhayn, der auf Schloss Lindstedt lebte, ist auch hier beerdigt. Der Bornstedter Friedhof hat aber nicht nur historischen Wert. Das Besondere ist, dass immer noch bestattet wird. So befindet sich zum Beispiel die Grablege der Familie Joop dort.

Seit 1999 gehört Bornstedt zum Welterbe. Wie hat das den Ort verändert?

Er ist natürlich noch bekannter geworden. Selbst wenn man an einem Mittwochnachmittag auf den Friedhof kommt, spazieren dort jede Menge Touristen herum. So eine große Aufmerksamkeit ist schon etwas Besonderes.

Führungen, Vorträge, Radtouren am 10. Juni

10 bis 10.30 Uhr: Grußwort Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) und Einstimmung in den Tag durch Pfarrer Friedhelm Wizisla.

10 bis 12 Uhr, 12 bis 14 Uhr, 14 bis 16 Uhr: Geführte zweistündige Radtour unter dem Motto „Potsdamer Unesco-Welterbestätten“ vom Alten Markt zur Kirche Bornstedt. Um Anmeldung wird gebeten unter 0331/289-2017 oder marketing@rathaus.potsdam

Ab 10.30 bis 16.30 Uhr finden Vorträge zum Welterbe statt.

Dorfkirche Bornstedt – Baugeschichte /Restaurierung (Andreas Kitschke)

Unesco-Welterbe in Potsdam (Antje Graumann)

Unesco-Weltdokumentenerbe Luther-Bibel und ihre Bedeutung für die deutsche Sprache (Ulrike Demske)

Ab 10.30 Uhr durchgehend bis 17.30 Uhr: Führungen über den Friedhof

Hofgärtner in Bataillonen (Fontane) – Führung über den Sello-Privatfriedhof (Klaus Büstrin)

Die Langen Kerls und andere Persönlichkeiten (Susanne Drenhaus-Lemgo)

Mein Friedhof – Aufgewachsen nebenan (Dieter Hasler)

Bornstedt und der 20. Juli 1944 (Pfarrer Friedhelm Wizisla)

Ab 11 bis 17.30 Uhr: Kinderprogramm

Die Geschichte der Arche Noah (Friederike Holzki) mit Basteln der Tiere für die Arche (Hans Deponte)

Führungen für Familien mit Kindern: „Himmel und Hölle, Tod und Engel“ (Pfarrer Friedhelm Wizisla)

Vorlesen aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm im Märchenzelt (Marie Gloede ).

Wer wird Biblionär? Ratespiele mit dem Kindergottesdienst-Team.

14 bis 15.15 Uhr, 16 bis 17.15 Uhr: Konzerte des A-Cappella Gesangsquartetts „Die Bogarts“ – klassische und populäre Musik; um Anmeldung wird gebeten unter 0331/289-2017 oder marketing@rathaus.potsdam.de.

Etwa 17.30 Uhr: Worte auf den Weg von Pfarrer Friedhelm Wizisla

Von Ildiko Röd (Interview

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