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Konzerthaus mit konfliktreicher Vorgeschichte

Potsdams Nikolaisaal zum Fünfzehnten Konzerthaus mit konfliktreicher Vorgeschichte

Ab Donnerstag wird im Potsdamer Nikolaisaal mit einem viertägigen Fest das 15-jährige Bestehen des Konzerthauses gefeiert. Die Vorgeschichte der Spielstätte war konfliktreich: Die Brandenburgische Philharmonie Potsdam, für die das Haus eigentlich gebaut werden sollte, wurde kurz vor der Eröffnung abgewickelt.

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Heimspiel für die Kammerakademie Potsdam im Nikolaisaal.

Quelle: Nikolaj Lund

Potsdam. Unter dem Motto „Vive la Nikolaisaal!“ knallen am Donnerstag in der Potsdamer Wilhelm-Staab-Straße die Champagnerkorken. Mit einem viertägigen Fest wird das 15-jährige Bestehen des neuen Konzerthauses gefeiert. Die Gründungsgeschichte des Saals verweist auf eine Zeit des städtebaulichen Umbruchs. Der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) lobte den Neubau zur Eröffnungsfeier am 27. August 2000 als „weiteren mutigen Schritt“ bei der Wiedergewinnung der historischen Potsdamer Mitte. Sichtbares Zeichen des Auftakts sei der Wiederaufbau der Heilig-Geist-Kirche in „wirklich ganz neuer Gestalt“ gewesen. Der Nikolaisaal mache „neugierig auf die künftige Gestalt des Stadtschlosses“.

Die Geschichte des neuen Nikolaisaals verweist ebenso auf dramatische Umbrüche in der städtischen Kulturlandschaft, deren eigentümlicher Fixpunkt die Abwicklung des Orchesters war, für das der Saal eigentlich errichtet wurde. Leicht hatten es dessen Musiker eigentlich nie. Im Orchestergraben des langjährigen Theaterprovisoriums in der Zimmerstraße stand bei höherem Grundwasserstand ein brackiger Tümpel. In dem später eröffneten, Blechbüchse genannten Theaterprovisorium am Alten Markt wurden getragene Passagen in Sinfoniekonzerten von Martinshörnern, Straßenbahnen und den wummernden Bässen gleichzeitiger Rock- und Bluesmuggen auf dem Theaterschiff nebenan übertönt.

Katja Riemann ist Stargast am 29

Katja Riemann ist Stargast am 29. August beim Saisoneröffnungsfest des Nikolaisaals.

Quelle: dpa

Musikgeschichte wurde im alten Gemeindesaal der Nikolaikirche bereits in der Nachkriegszeit geschrieben, als hier unter provisorischen Bedingungen große Künstler wie Wilhelm Kempff, Wilhelm Furtwängler und Sergiu Celibidace musizierten und dirigierten. Anfang der 1970er Jahre schloss man den Saal wegen Baufälligkeit ab. Als letzter Nutzer blieb in einem Nebenraum der Potsdamer Männerchor, der erst ging, als der Umbau begann.

Pläne für den Ausbau der Konzertstätte gab es schon kurz nach dem Mauerfall. Ein Ruck kam nach der Feststellung, dass der Bau trotz größten Aufwands kaum 300 Zuschauer fassen würde. Der damalige Kulturdezernent Claus Dobberke sollte später die Initiative des Generalmusikdirektors der Brandenburgischen Philharmonie, Victor Puhl, würdigen, der für die neue Spielstätte einen „gordischen Knoten aus Kleinmut und exorbitanten Kosten zerschlagen“ habe. Der Franzose Puhl hatte 1995 über Frankreichs Kulturministerium einen Kontakt zum Architekten Rudy Ricciotti hergestellt, der eine mutige und finanzierbare Ausbauvariante vorlegte. Kernidee: Der alte Saal wird zum geräumigen Foyer, ein Großer Saal mit 725 Plätzen wird angebaut.

Die Philharmonie war das frühere Theaterorchester, das man Anfang der 1990er Jahre als städtische GmbH ausgegründet hatte. Das Kulturministerium verfolgte landesweit Umbaupläne, die Philharmonie war mittendrin. Mal sollte sie nun mit den Brandenburger Symphonikern fusionieren, dann wieder mit dem Staatsorchester Frankfurt (Oder). Für Potsdam stand schließlich die Frage: Theater oder Orchester? Manchmal schien das Pendel zugunsten der Musiker auszuschlagen.

Baustellenkonzert zum Richtfest am 23

Baustellenkonzert zum Richtfest am 23. Oktober 1998 im künftigen Foyer des Nikolaisaals.

Quelle: Christel Köster

Zum Richtfest für den neuen Nikolaisaal im Herbst 1998 – an den Theaterneubau in der Schiffbauergasse war noch gar nicht zu denken – sagte Puhl, das neue Konzerthaus sei ein Garant dafür, dass es die Philharmonie in zehn Jahren noch gibt. Er sollte sich irren.

Bundesweit regte sich Protest gegen die drohende Zerschlagung des Orchesters. Ein Bürgerbegehren im Frühjahr 1999, mit 15 Prozent der Stimmberechtigten machtvoller als das Bürgerbegehren zur Abwahl des Oberbürgermeisters Horst Gramlich (SPD) im Vorjahr, wurde zurückgewiesen, weil die Initiatoren keinen Vorschlag zur Finanzierung hatten.

Anfang August 2000 ging die Philharmonie in die Liquidation. Zur Eröffnung des neuen Hauses drei Wochen später musizierte das Staatsorchester Frankfurt (Oder). Einige der Potsdamer Musiker fanden dort einen Platz. Die neun Mitglieder des in der Philharmonie formierten Persius-Ensembles gehörten zu den Mitgründern der kleineren Kammerakademie Potsdam, die ein Jahr später als Hausorchester des Nikolaisaals antrat und sich rasch einen Ruf als künstlerischer Botschafter der Landeshauptstadt erarbeiten sollte.

Das Programm zur Saisonauftakt des Nikolaisaals

Neben dem hohen künstlerischen Niveau macht der Nikolaisaal immer wieder durch seine außergewöhnliche Architektur von sich reden. Der kühne und originelle Entwurf von Rudy Ricciotti gilt als überaus gelungenes Beispiel moderner Konzertsaal-Architektur. Wenn am 27. August um 20 Uhr im Nikolaisaal-Foyer die Feier zum 15. Geburtstag steigt, soll es neben französischer Musik, gutem Essen und persönlichen Erinnerungen auch um die Atem beraubenden Bauten gehen, die der mittlerweile zum Star avancierte Rudy Ricciotti seither geschaffen hat.

Im Zeichen der magischen „15“ steht auch das von Helmut Imig geleitete Filmlivekonzert am 28. August um 20 Uhr im Großen Saal. Das Deutsche Filmorchester Babelsberg erinnert an den im Jahre 1915 uraufgeführten Stummfilm „The Tramp“ und begleitet diesen und andere Streifen von und mit Charlie Chaplin rund um das Jahr 1915 live.

Die heitere Grundstimmung setzt sich am 29. August fort im Saisoneröffnungskonzert der Kammerakademie Potsdam unter Leitung von Antonello Manacorda, wenn das Menschliche und das Tierische in Camille Saint-Saëns‘ „Karneval der Tiere“ mit Katja Riemann (Sprecherin) und dem Klavierduo Marianna Shirinyan & Vikingur Ólafsson aufeinandertreffen. Auf dem Programm stehen außerdem „Les Élements“ von Jean-Féry Rebel und Igor Strawinskys „Pulcinella“-Suite. Beginn ist um 19 Uhr.

Im Anschluss ist das Publikum beim spätsommerlichen Straßenfest in der stimmungsvoll illuminierten Wilhelm-Staab-Straße zum Feiern und Tanzen eingeladen. Angekündigt haben sich ab 20 Uhr die in Berlin ansässige Band Yukazi, die ihre charmanten Chansons mit einem guten Schuss Gypsy Groove anreichert, und die französischen Weltmusik-Superstars Bratsch (ab 21.30 Uhr). Es dürfte die letzte Gelegenheit sein, dieses seit mehr als 40 Jahren überaus erfolgreich tourende Quintett in unseren Breitengraden noch einmal live zu erleben, denn Ende 2015 sagen die fünf musikalischen Nomaden unwiderruflich „Adieu“. Der Eintritt zum Straßenfest ist frei.

Ausverkauft ist das Konzert von Till Brönner und Orchester am 30. August um 20 Uhr.

Den Betrieb des Nikolaisaals übernahmen die von Andrea Palent geführten Musikfestspiele Sanssouci, eine kleine städtische GmbH, unter der der erste große Kulturneubau der Nachkriegszeit in Potsdam zu einem der wichtigsten künstlerischen Zentren des Landes wurde. 1,4 Millionen Besucher kamen seit der Eröffnung. In Potsdam steht der Nikolaisaal mit fast 114 000 Besuchern im Jahr 2014 an zweiter Stelle hinter dem Waschhaus (124 000 Besucher), doch vor dem Hans-Otto-Theater (108 000 Besucher) mit seiner 2006 eröffneten Bühne in der Schiffbauergasse.

Von Volker Oelschläger

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