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1915 in Potsdam: Weihnachtsfest im Krieg

Weiße Weihnacht 1915 in Potsdam: Weihnachtsfest im Krieg

Vor 100 Jahren begehen die Potsdamer das zweite Weihnachten inmitten des Ersten Weltkriegs – die größte Freude bereitet damals ein Pfund Butter. Doch Butter ist längst nicht das einzige Lebensmittel, das knapp ist. Selbst die kaiserliche Familie kann nicht so schlemmen, wie in Friedenszeiten. Aber einen Lichtblick gibt es.

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Quelle: MAZ

Potsdam. Die Schaufenster der Potsdamer Geschäfte sehen kurz vor dem Weihnachtsfest 1915 festlich aus. Bei der Konditorei Rabien am Nauener Tor prangen Marzipantorten hinter Glas, die vom Eisernen Kreuz geschmückt sind. In den großen Warenhäusern zeigen prächtige Dioramen, was für Spielzeug in diesem Jahr besonders begehrt ist: „Ein Heer kleiner beweglicher Soldaten, die geeignet erscheinen, in jeder noch so heißen Feldschlacht der Kinderstube ihren Mann zu stehen“, beschreibt die Potsdamer Illustrierte Zeitung die Auslage. „Die überaus drolligen Soldatengestalten der Margarete Steiff zeigen in diesem Jahre einen der Zeit entsprechenden gewichtigen Ernst und eine Strammheit der Haltung, die sie in den Puppenkämpfen der Kleinen ohne weiteres als überlegen erkennen lassen“, heißt es weiter über die Dekoration. Wer seinen Kindern eine Freude machen will, kauft feldgraues Spielzeug. Das Angebot ist reich: „Was irgendwie in der großen Mannigfaltigkeit kriegerischer Angriffs-und Abwehrmittel neu ersonnen wurde, das zeigt sich hier in winziger Nachahmung, vom bombensicheren Unterstand bis zum modernen Kampfflugzeug, von der Gasmaske bis zur Entlausungsanstalt.“

Potsdamer Kriegstagebuch

Der Potsdamer Förster und Garde-Jäger Alexander Steinborn ist 21 Jahre alt, als er bei Kriegsbeginn im August 1914 eingezogen wird. Am Tag seiner Mobilmachung beginnt er ein Tagebuch über seine Erlebnisse zu führen.

Bis 1918 kämpft er an allen europäischen Fronten des Weltkriegs. Er nimmt an der Eroberung Belgiens teil und bei den Schlachten gegen russische Truppen in Ostpreußen. Im Herbst und Winter 1915 gehört er zu den Truppen, die Serbien und Mazedonien erobern.

In seinem detaillierten Tagebuch schildert Steinborn über vier Jahre lang seine Eindrücke vom Krieg, aber vor allem von den Orten und Menschen, die er kennenlernt. Die Einträge des Buches, das sich im Besitz des Potsdam-Museums befindet, werden täglich auf Facebook veröffentlicht.

Unter
www.facebook.com/Kriegstagebuch kann jedermann auch ohne Facebook-Profil den Erlebnissen des Potsdamers durch den Weltkrieg folgen – immer genau 100 Jahre, nachdem er sie aufgezeichnet hat.

Eigentlich sollten die Männer, die im August 1914 für Kaiser Wilhelm II. in den Ersten Weltkrieg zogen, zu Weihnachten wieder zu Hause sein. Nun wird bereits die zweite Kriegsweihnacht gefeiert. Potsdam ist als Garnison eine Drehscheibe der Armee. Die Soldaten der hier stationierten Garde-Regimenter stehen in Belgien und Frankreich, in Polen und Russland, in Serbien und Mazedonien. Der Potsdamer Garde-Jäger Alexander Steinborn notiert am Ende eines Heimaturlaubs in sein Tagebuch: „Verändert hatte sich in Potsdam in dem Jahr meiner Abwesenheit wenig, das einzigste sind auf dem Alten Markt die aufgebauten Kanonen und die fast in jeder Kolonialwarenhandlung ausgehängten Schilder ,Butter ausverkauft’“

Kartoffelbestände sollten gemeldet werden

Tatsächlich hat sich das Leben in Potsdam – wie in allen Städten des Deutschen Reiches – vor allem beim Angebot von Lebensmitteln dramatisch verändert. Die Residenzstadt bildet keine Ausnahme bei der schlechten Versorgung. Im „Butterbericht“ heißt es knapp: „Sehr kleine Zufuhren vom Inland und geringe Zuteilungen ausländischer Butter vom Magistrat. Die Knappheit an Ware hält unverändert an.“ Die Potsdamerin Elisabeth Karthaus, Tochter aus dem gutbürgerlichem Hause eines Oberpostrats, beschreibt den täglichen Kampf um die Butter mit einigem Humor. „Im zweiten Kriegswinter wurde ein neuer Tanz geführt. Er nannte sich Butterpolonaise. Ohne Stoßen, Quatschen und Drücken konnte es zunächst nicht aufgeführt werden. Wenn man dann nach all der Anstrengung wieder den Laden mit einem halben Pfund Butter verließ, so war man so selig, als trüge man das große Los nach Hause. Als ich einmal aus der Stadt ein halbes Pfund Margarine nach Hause brachte, ermahnte mich die Mutter in strengem Ton, ihr nie wieder mehr Margarine mitzubringen, da sie Margarine unmöglich zum Braten verwenden könnte. „Ich will doch nicht mein Essen durch solch schlechtes Fett verderben!“ Bald darauf kam eine Zeit, wo meine Mutter mir strahlendes Gesicht machte, wenn ich ihr die so verschmähte Margarine mitbrachte. Damit die Leute auch ein wenig Abwechslung hatten, wurden außer den Butterpolonaisen auch Margarinepolonaisen getanzt.“ Die Zeitung vermeldet Anfang Januar zudem, dass die Einwohner aufgefordert sind alle Kartoffelbestände über zehn Kilogramm im Militär-Bureau im Palais Barberini zu melden.

Niemand darf bestimmte Preise überschreiten

Es gibt längst Lebensmittelmarken und seit September 1915 sind die deutschen Städte verpflichtet, sogenannte „Preisprüfungskommissionen“ zu bilden, damit niemand die festgelegten Preise überschreitet. Doch zumindest in Potsdam werden diese Preise kaum durchgesetzt. Der Pfarrer Kypke beschwert sich mit einem Brief bei der Tageszeitung. „In keinem Geschäft ein Preisaushang, kein Polizeibeamter kümmert sich am Sitz der Regierung darum, daß täglich die Höchstpreise überschritten werden“, so Kypke. Ein Bürger versucht es direkt bei der Kommission, als in Berlin neue Höchstpreise für Obst und Gemüse bekannt gemacht worden sind: „Warum wird der Bürgerschaft Potsdams, wo das wirtschaftliche Leben schon an sich viel teurer als in der Hauptstadt ist, diese Nachricht vorenthalten und dieselbe gezwungen bedeutend höhere Preise für diese Volksnahrungsmittel zu zahlen und damit das Leben hier noch mehr verteuert?“

Selbst die kaiserliche Familie kann nicht schlemmen, wie in Friedenszeiten

In der Hofkonditorei Rabien gab es beim letzten Weihnachtsfest vor dem Krieg eine Spezialität. „Lange Kerls“ aus Honigkuchen mit Zuckerglasur, die bis zu einen Meter lang gebacken wurden. Doch die Lebensmittelrationierungen machen solche Späße mittlerweile unmöglich. Dabei ist es 1915 noch nicht so schlimm, wie im kommenden Winter – dann wird eine als „Kohlrübenwinter“ in die Geschichte gegangene Hungersnot fast alle Teile der Bevölkerung treffen. Selbst die kaiserliche Familie kann nicht so schlemmen, wie in Friedenszeiten. „Sollte es in diesem Jahre für das Weihnachtsfest überhaupt Pfefferkuchen und dergleichen geben, so würde ich Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie den hiesigen Hofhalt mit einer, wenn auch noch so kleinen, Lieferung berücksichtigen würden“, schreibt der Hofmarschall des kaiserlichen Prinzen August Wilhelm Ende 1916 fast bettelnd an Meister Rabien.

Durchnummerierte Verlustlisten werden abgedruckt

Doch nicht nur die Versorgung treibt die Menschen in Potsdam um. In den Zeitungen der Tage um das Weihnachtsfest 1915 finden sich viele Hinweise auf das Leben der Zivilbevölkerung im Krieg. „Wer Kriegsgefangene zu landwirtschaftlichen oder gärtnerischen Arbeiten wünscht“, könne sich bis Mitte Januar im Gemeindeamt melden, annonciert mehrfach der Bornimer Gemeindevorsteher. Durchnummerierte Verlustlisten werden abgedruckt, auch Beförderungen und Orden von Potsdamern kurz notiert. Neben solchen Mitteilungen wirbt das königliche Schauspielhaus am Kanal für seine Kindervorstellung „Peterchen´s Kriegsfahrt“.

Ein Lichtblick an diesem Weihnachtsfest ist nur das Wetter

In der Stadt wird fleißig für „Kriegerfamilien“ gesammelt. Am Brandenburger Tor stand monatelang ein mannshohes Modell des Eisernen Kreuzes. Gegen Spenden konnte man kleinere und größere Nägel in das Holz schlagen. Gut ein Drittel der Einnahmen darf die Stadt nun selbst verteilen. Die Stadtverordneten beschließen kurz vor Heiligabend, dass der größte Teil „für die Weihnachtsbescherung in den Lazaretten“ und „für die Kinder der Kriegerfamilien“, sowie ein Mädchenerziehungsheim verwendet werden soll. Sie beraten auch über einen Ehrenhain für Gefallene auf dem Neuen Friedhof. Die gerade erst angelegte Kriegsgräberstätte muss bereits erweitert werden, denn wo im November 1915 rund 70 Soldaten bestattet liegen, sollen nun Grabstellen für 256 Gefallene geschaffen werden. „So kann erhofft werden, daß dieser Platz selbst bei längerer Dauer des Krieges ausreichen wird“, heißt es in der Vorlage der Verwaltung. Keiner ahnt, dass der Krieg noch fast drei ganze Jahre weitergehen wird. Am Ende sind offiziell 1664 Potsdamer unter den Toten zu beklagen. Zeitgleich werden in der Potsdamer Tageszeitung bereits die 19-Jährigen des Jahrgangs 1896 aufgefordert sich zur Rekrutierung zu melden. Auch ältere Potsdamer von bis zu 50 Jahren sollen sich für den sogenannten Landsturm registrieren.

Ein Lichtblick an diesem Weihnachtsfest ist nur das Wetter. Am 20. Dezember 1915 wird an der Klimastation auf dem Telegrafenberg eine geschlossene Schneedecke registriert, die bis Heiligabend auf sechs Zentimeter anwächst. Es gibt eine weiße Weihnacht! Für wenige Tage erhellt das Kriegsspiel in seiner ungefährlichsten Form - der Schneeballschlacht - die Gemüter. Doch die Freude währt nur kurz. Am zweiten Feiertag ist alles hinweggeschmolzen. Statt frostiger Temperaturen, die vor den Feiertagen bis zu minus 16 Grad erreichten, nimmt nun zwar ein milder, aber vor allem trüber Winter seinen Lauf.

Von Peter Degener

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