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200 Wohnungen und eine Uhr für den „Kreml“

Potsdam Brauhausberg 200 Wohnungen und eine Uhr für den „Kreml“

Es ist ein Rundgang über eine Baustelle, die erst in zweieinhalb bis dreieinhalb Jahren beginnen wird: Der Erwerber des alten Landtags auf dem Brauhausberg hat erstmals seine Pläne für 200 Wohnungen und einen Neubau vorgestellt, doch die Bagger ruhen bis 2018 oder 2019, denn so lange ist der „Kreml“ an Potsdam für bis zu 500 Geflüchtete vermietet.

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Simulation des Bauherren: So soll der denkmalgerecht sanierte Landtag von vorn aussehen – inklusive der neuen Uhr.

Quelle: Eureka/BFM

Templiner Vorstadt. Wo einst die Landtagsfraktion der SPD tagte, kochen heute Geflüchtete ihr eigenes Süppchen: Fast 20 Elektroherde und Spülen stehen unter der kuppelförmigen Decke des Saales, der nun als eine von mehreren Küchen im bald fast 500 Menschen umfassenden Flüchtlingsquartier im ehemaligen „Kreml“ auf dem Brauhausberg genutzt wird. Das Heim steht unter der Regie der Arbeiterwohlfahrt. Pächter des Gebäudes ist die Stadt für drei Jahre (mit Option auf ein weiteres), Eigentümer ein Konsortium der Berliner Eureka und der auf Denkmale spezialisierten Sanus. Wie berichtet, hatte die Gruppe das 25 000 Quadratmeter große Areal nebst dem ehemaligen Landtag vor rund einem Jahr für knapp neun Millionen Euro vom Land gekauft, nachdem das Parlament in die Mitte umzog. Hinzu kam die Auflage, für rund zwei Millionen Euro eine neue Zufahrtsstraße zu errichten – und viele Nebenkosten.

Geplant – und vorgeschrieben – ist ein Mix aus Wohnungen und Gewerbe. Rund 200 Wohnungen würden entstehen, sagte Bauamtschef Andreas Götzmann im jüngsten Bauausschuss, auf dem er auch die Planungen vorstellte: Ein L-förmiger Riegel hinter dem „Kreml“ wird neu errichtet, der Landtag denkmalgerecht saniert. Da die Nordfassade zur Stadt hin sowie die beiden Seiten denkmalgeschützt sind, planen die neuen Eigentümer ausschließlich auf der südlichen und östlichen Innenseite Balkone. Zwischen dem Neu- und dem Altbau wird zunächst eine Tiefgarage mit mindestens 160 Plätzen eingezogen, darüber soll dann ein Platz entstehen, der den Eindruck eines Burghofes vermittelt. Nach Westen bleibt der Blick auf die Havel frei. Fünf Büros hatten an dem zur Kaufauflage gemachten Architektenwettbewerb teilgenommen, schließlich entschieden sich Stadt und Investor einmütig für den Entwurf des Berliner Büros Bruno Fioretti Marquez, den nicht nur Andreas Götzmann öffentlich wiederholt „genial“ nannte. Auch Eureka-Projektleiter Dirk Klassen teilt diese Auffassung, er sprach gegenüber der MAZ von einem „großen Wurf“ – eine Auffassung, die auch der Bauausschuss teilte. Und das, obgleich das Bauvolumen eine Spur größer ist als vorgegeben.

1990 – 2013: Ein Landtag in einer „Bruchbude“

Weil dem Brandenburger Landtag, der sich in der früheren DDR-Bezirksverwaltung, der heutigen Staatskanzlei, am 26. Oktober 1990 gründete, im Mai fast die Decke auf den Kopf gefallen wäre, zogen die 88 Abgeordneten – zunächst übergangsweise – in den „Kreml“ auf dem Brauhausberg.

Im Januar 1995 schlägt Landtagspräsident Herbert Knoblich (SPD) einen Neubau in der benachbarten Speicherstadt vor – mit Blick auf die anstehende Fusion von Berlin und Brandenburg. Bekanntlich waren die Märker dagegen, und nach diesem Votum wurden die Pläne auf Eis gelegt.

Manifestation einer Übergangslösung: Das Land kauft im Mai 1997 die stark sanierungsbedürftige Immobilie für zwölf Millionen Mark der Bundesrepublik ab.

Ein Jahr später spricht sich der damalige Umweltminister Matthias Platzeck für einen neuen Landtag in der Speicherstadt aus. Finanzministerin Wilma Simon (SPD) stellt sich quer und will stattdessen den „Kreml“ sanieren.

Im Mai 2005 entscheidet der Landtag mit den Stimmen von SPD und CDU, einen Landtag auf dem Grundriss des früheren Stadtschlosses zu errichten.

Am 22. November 2013 tagt der Landtag das letzte Mal vor dem Umzug.

Auf dem Brauhausberg stand bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zudem ein weiteres Belvedere – neben dem auf dem Pfingst- und dem auf dem Klausberg – mit einem schönen Ausblick über die Havel. Das wird nach dem Siegerentwurf nun nicht neu aufgebaut, aber dennoch wiedererstehen: als Kopfbau und westlicher Abschluss des neuen L-Riegels. Dieser wird übrigens durchweg niedriger als der Altbau, lediglich der Kopfbau in Anlehnung an das Belvedere wird auch vom Fuße des Berges aus sichtbar sein. Dessen Fundamente bleiben übrigens erhalten, auch wenn der Kopfbau etwas größer wird.

Die Bauanträge sind Ende Juni bei der Stadt eingereicht worden und mit ihr abgestimmt, sagt Dirk Klassen. Falls nichts Unvorhergesehenes geschehe, rechne er mit sechs bis neun Monaten bis zur Genehmigung. Im September muss zudem die Stadtverordnetenversammlung noch zustimmen, deren „Ja“ gilt nach der Begeisterung im Bauausschuss und den Fraktionen aber als sicher.

Baubeginn ist dennoch nicht vor 2019 oder 2020, je nachdem, wie lange die Stadt die ehemalige SED-Bezirksleitung als Flüchtlingsunterkunft anmietet.

Ein Baubeginn parallel zum Flüchtlingsheim ergebe keinen Sinn, sagte Klassen. Zum einen sei das Gelände zu eng, um etwas zu tun, ohne die Geflüchteten zu stören, zum anderen wäre das auch nicht wirtschaftlich. Als der Anruf mit der Anfrage nach Vermietung kam, zögerte Klassen nach eigener Aussage nicht lange, obwohl Immobilienentwickler natürlich nach dem Kauf für gewöhnlich schnell bauen wollen. Er sagt aber auch deutlich, es sei eine „kluge und vernünftige“ Entscheidung gewesen, den Landtag für drei bis vier Jahre zu vermieten. „Mit der Blockade von Turnhallen und dem Ausfall von Sportunterricht wäre ja auch niemandem geholfen“. Sobald der letzte Flüchtling ausgezogen ist, werden allerdings ohne jede Verzögerung die Bagger anrollen.

Rund 350 von knapp 500 Plätzen sind bereits belegt, in Kürze wird der „Kreml“ voll belegt sein. Die Atmosphäre wirkt friedlich, die Bewohner freundlich, Kinder spielen auf dem extra angelegten Spielplatz im Innenhof, während im SPD-Saal afrikanische, arabische und russische Gerichte köcheln. Für die Flüchtlinge baute der Investor einiges um – so gab es Wasser zuvor nur aus dem Durchlauferhitzer, was für zwei duschende Hausmeister und die Waschbecken völlig ausreichte, bei 500 dort wohnenden Menschen indes schnell eine Kostenfalle darstellt. Auch musste in großem Umfang Drehstrom verlegt werden, um etwa in einem Saal so viele Herde betreiben zu können, Büros mussten zu Wohnungen umgebaut und jede Menge Sicherheitsvorschriften eingehalten werden – vom zusätzlichen Kinderschutz an jedem Treppengeländer des riesigen, labyrinthischen Baus bis zur Erhöhung der Brüstung an allen Fensterbrettern als Fallschutz oder der zweiten stählernen Fluchttreppe an der Westseite für den Brandfall.

All das geschah, während die Flüchtlinge schon einzogen waren, denn die ersten feierten bereits Weihnachten im alten Landtag, zogen also wenige Wochen nach Vermietung ein. Nach sechseinhalb Monaten war der Umbau durch die Eureka abgeschlossen. Für die künftige Nutzung ist davon nichts nutzbar, sagt Dirk Klassen.

Frohe Botschaft für die Potsdamer: Statt des Schattens des SED-Logos wird nach dem Umbau eine große Turmuhr über der Innenstadt vom sanierten „Kreml“-Turm leuchten – und ihnen sagen, was die Stunde geschlagen hat. Das weithin sichtbare Gebäude, ein kleines Wahrzeichen, wird dann wohl noch häufiger angeschaut.

Von Jan Bosschaart

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