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81-Jährige lernt Englisch – bei einer 95-Jährigen

Fremdsprache im Alter lernen 81-Jährige lernt Englisch – bei einer 95-Jährigen

Inga Schlesewsky aus Potsdam paukt für ihre Australien-Reise Englisch-Vokabeln bei Hildegard Olivier. So weit, so normal. Wenn da nicht das fortgeschrittene Alter von Lehrerin und Schülerin wären.

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Englisch-Ladies unter sich: Hildegard Olivier (l., 95) und Inga Schlesewsky (81).

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Eigentlich wollte Hildegard Olivier einen Rückzieher machen. Die Worte hatte sie sich schon zurechtgelegt. Sorry, wollte sie sagen. Und dass es ihr sehr, sehr leid tue. Dass sie sich die Sache wirklich wieder und wieder durch den Kopf habe gehen lassen. Dass es aber schlichtweg keinen Sinn hat und man mit 81 Jahren einfach kein Englisch mehr lernen kann, schon gar nicht von einer 95-Jährigen! „Die Leute hätten mich doch für verrückt erklärt“, sagt Hildegard Olivier. „Und wissen Sie was? Sie hätten sogar Recht: Ich finde ja selbst, dass ich einen Piep hab!“

Dass Hildegard Olivier (95) all die gut sortierten Worte unausgesprochen ließ, dass sie einen Rückzieher vom Rückzieher gemacht hat und nun schon seit beinahe zwei Monaten Englischstunden gibt, liegt an dem Strahlen, das sich auf Inga Schlesewskys (81) Gesicht legt, sobald sie „Hello“ sagt oder „How are you“ und von Australien zu erzählen beginnt. Dort unten, auf dem fünften Kontinent, leben ihr Sohn und die Schwiegertochter. Der Psychologe und die Neurolinguistin forschen an der „University of South Australia“ in Adelaide zum Demenz-Alzheimer-Themenkreis. Im Februar fliegt Inga Schleswesky die Kinder für vier Wochen besuchen. „Dafür möchte ich ein wenig Englisch lernen“, sagt sie. Für alle Fälle habe ihr Sohn zwar einen Zettel geschrieben, den sie im Flugzeug vorzeigen kann. „Ich möchte mich aber selbst verständigen können und auch mal mit der Nachbarin plaudern, wenn ich angekommen bin.“

Lern-App auf dem iPad

Auf dem iPad-mini, das ihr der Sohn geschenkt hat, ist seit Wochen schon eine Lern-App eingerichtet. Inga Schlesewsky wischt behände über den kleinen Bildschirm. „Ich übe jeden Tag“, sagt sie. Weil’s so ganz allein mit dem Vokabel-Pauken aber keinen Spaß macht und auch nicht so richtig klappt, hat sie jemanden gesucht, der ihr die fremde Sprache von Angesicht zu Angesicht näher bringt. Über die Agentur „Schickes Altern“ und die Gesundheits-Buddys erfuhr Inga Schlesewsky von Hildegard Olivier und umgekehrt. Schnell war eine Verabredung getroffen. „Sobald wir uns gesehen haben, wussten wir, dass wir zusammenpassen“, sagt Inga Schlesewsky, die froh ist, dass Hildegard Olivier nun doch drauf pfeift, was die Leute denken. Piep hin oder her.

Seit Mitte September stecken die beiden Damen zweimal in der Woche die Köpfe zusammen: dienstags um zehn, donnerstags um acht. Dabei führt Hildegard Olivier ein strenges Regime. „Kein Kaffee, kein Tee, kein Kuchen“, sagt sie: „Wir wollen ja lernen. Gemütlichkeit lenkt nur ab.“ Ab und zu würden sie sich trotz aller Konzentration aber doch verquasseln. „Wenn Frau Inga genug hat und der Kopf raucht. Außerdem verstehen wir uns ja, wir zwei alten Tanten“, sagt Hildegard Olivier. Auch sie schätzt die Lektionen: „Nicht nur, weil sie den Tag ausfüllen, sondern, weil ich in netter Gesellschaft bin und mal wieder Englisch reden kann.“ Und natürlich ist da auch noch das Fernweh, das mit der einst so vertrauten Sprache zurückgekehrt ist. „Ich würde mich heute sofort ins Flugzeug setzen“, sagt Hildegard Olivier. Wohin es sie zieht? Ganz klar: „Nach New York, New York...“

Neun Jahre lang – Mitte der Sechziger und nochmals Ende der Siebziger bis 1982 – hat Hildegard Oliver in New York gelebt. „84th Street, Manhattan!“ Der Central Park und das Headquarter der Vereinten Nationen waren nahe, die Zwillingstürme des World Trade Centers kaum gebaut. Von dem kleinen Italiener an der Ecke schwärmt sie noch heute. Nachrichten schaut sie auf CNN und BBC.

Das vermaledeite th

„Ach, ich habe Reisefieber“, sagt Hildegard Olivier. Ihr Mann Kurt – er starb vor ein paar Jahren – arbeitete als Journalist für den Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst der DDR, war Auslandskorrespondent und der erste ADN-Mann überhaupt in den USA. Die ganze Familie zog damals mit. Tochter und Sohn gingen auf die United Nations International School und Hildegard Olivier unterstützte den Gatten – wo immer es möglich und erforderlich war – meist mit dem Fotoapparat in der Hand. „Mit meinem Englisch aus der Schule konnte ich da anfangs nicht viel gewinnen“, sagt Hildegard Olivier. „Und ich hatte auch Hemmungen – es hat ein Weilchen gedauert, bis ich frei von der Leber weg reden konnte.“ Solch Verlegenheit, die englischen Sätze, die sie in Gedanken zusammenklaubt, nach außen zu kehren, kennt Inga Schlesewsky nicht: „Wenn ich’s könnte, würde ich sofort lossprechen.“ Wenn sie doch nur das erste Wort fände! Und dann: das th! Inga Schlesewsky schüttelt den Kopf: „Meine Zunge, die will da nicht durch. Die Jugend kann das, der Jugend fällt das leicht. Man muss ehrlich sein: Es ist schwer, in meinem Alter noch einmal etwas ganz Neues zu lernen.“ – „Ja, es bleibt nicht mehr so hängen“, ergänzt Hildegard Olivier. „Wenn man nicht immer dranbleibt, will der Kopf irgendwann nicht mehr.“ Sie legt der „Frau Inga mit dem schweren Nachnamen“ die Hand auf die Schulter: „Es wird leichter, wenn Sie erst einmal dort sind.“

Am 16. Februar macht sich Inga Schleswesky auf den anderthalbtägigen Weg von Potsdam über Frankfurt und Dubai nach Adelaide. Große Pläne hat sie noch keine. Eines steht aber fest: Hildegard Olivier bekommt auf jeden Fall eine Postkarte mit einem Koala drauf: „Greetings from Australia!“

Von Nadine Fabian

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