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Potsdam A wie Anna: Ein 46-Jähriger lernt für seine Tochter lesen
Lokales Potsdam A wie Anna: Ein 46-Jähriger lernt für seine Tochter lesen
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00:23 15.05.2018
Patrick Hellmund hat einen Traum: Eines Tages möchte er seiner Tochter etwas vorlesen können. Quelle: Friedrich Bungert
Potsdam

Diese eine Frage will ihm nicht aus dem Sinn. Sie brennt ihm auf der Seele, wenn er mal wieder nicht weiterkommt. Wenn ihm alles zu viel wird. Wenn er am liebsten hinschmeißen möchte, was er dreißig Jahre nach der Schule mit so viel Fleiß und Mühe noch einmal angepackt hat. Patrick Hellmund kann vieles: Er kann mauern, putzen und Gerüste stellen. Er kann kochen, backen und auch häkeln. Aber lesen und schreiben, das kann Patrick Hellmund nicht. „Vielleicht bin ich als Baby ja mal auf den Kopf gefallen?“ Unzählige Male hat sich Patrick Hellmund diese eine Frage gestellt, seiner Mutter, die es wissen müsste, aber nie. „Am Ende“, sagt er, „ist es ja doch egal. Ich bin wie ich bin. Und es gibt ja viele wie mich.“

„Ich bin immer irgendwie durchgekommen“

In Deutschland leben laut einer Studie der Universität Hamburg etwa 7,5 Millionen funktionale Analphabeten – Erwachsene, die nicht richtig lesen und schreiben können. Auf Potsdam gerechnet wären das mehr als 16 000 – einer von ihnen ist Patrick Hellmund. Er ist 46 Jahre alt, hat die Schule nach der 8. Klasse beendet und eine Lehre auf dem Bau gemacht, wo er seither arbeitet. „Ich bin immer irgendwie durchgekommen“, sagt Patrick Hellmund. Jetzt aber will er sein Leben ändern – für seine Tochter.

Anna ist drei. Patrick Hellmund und ihre Mutter sind zwar kein Paar mehr, doch er sieht die Kleine, die in einem Kinderheim mitten im Spreewald aufwächst, regelmäßig, versucht, jeden zweiten Tag mit ihr zu telefonieren. „Meine Tochter hat mich ganz schön umgekrempelt“, sagt Patrick Hellmund, er lächelt dabei. Irgendwann einmal möchte er seiner Prinzessin Märchen vorlesen können. Irgendwann einmal, soll Anna bei ihm in Potsdam leben. Der kleine Blondschopf ist Patrick Hellmunds hellste Freude und sein stärkster Antrieb.

Als Kind hat er gestottert und kam auf eine Sonderschule

Patrick Hellmund ist ein großer, ruhiger Mann. Auch wenn sich seine Schläfen längst grau färben, umgibt ihn etwas Jungenhaftes. Er spricht langsam und mit viel Bedacht. Als Kind hat er gestottert – das war einer der Gründe, weshalb man ihn auf die Sonderschule geschickt hat. Heute verhaspelt er sich nur noch, wenn er sehr aufgeregt ist. So eine Ausnahmesituation war der Nachmittag, an dem Patrick Hellmund zum ersten Mal das Lerncafé in der Volkshochschule im Bildungsforum besucht hat.

Beinahe ein Jahr ist das nun her. Sein Chef hatte den Kontakt hergestellt uns sich nach Kursen erkundigt. Schon einige Male hatte er Patrick Hellmund ermuntert, an seiner Lese- und Rechtschreibschwäche zu arbeiten. „Keiner in der Firma konnte die Stundenzettel entziffern, auf die ich schreiben muss, wann ich wo gearbeitet habe“, sagt Patrick Hellmund. An den Zetteln aber hängt der Lohn: „Ich hab trotzdem abgelehnt – mehrmals. Ich hatte Angst, dass mich jemand auslacht, wenn ich zugebe, dass ich nicht richtig lesen und schreiben kann.“

Mauern, putzen, Gerüste bauen – Patrick Hellmund ist es gewohnt, mit seinen Händen schwere Arbeiten zu verrichten. Nun greift er nach Feierabend regelmäßig zu Stift und Papier und übt das Schreiben. Quelle: Friedrich Bungert

Im Lerncafé hat niemand gelacht. „Ich bin mit offenen Armen empfangen worden“, erzählt Patrick Hellmund. „Die Leute, die hierher kommen, haben ähnliche Probleme, und Katrin hat gesagt: Das kriegen wir alles hin.“ Katrin – das ist Katrin Wartenberg, die Leiterin des Grundbildungszentrums. Sie verortet Patrick Hellmunds Fertigkeiten auf Alpha-Level 2. Betroffene auf dieser Stufe müssen auch gebräuchliche Wörter Buchstabe für Buchstabe zusammensetzen. Sie schreiben nach Gehör: Aus „Stadt“ wird dann zum Beispiel „Schtat“. Betroffene können so zwar einzelne Wörter lesend verstehen und schreiben, mit Sätzen oder gar ganzen Texten haben sie hingegen allergrößte Probleme. Insgesamt gibt es sechs Alpha-Levels: Funktionaler Analphabetismus bezieht sich auf die ersten drei. Der Teilnehmerkreis mit Kompetenzen auf Alpha-Level 2 ist in Alphabetisierungskursen der Volkshochschulen stärker vertreten als alle anderen Alpha-Levels.

„Alle, die zu uns kommen, können noch etwas lernen“

Patrick Hellmund erkundigt sich ab und an nach seinen Fortschritten. „Er hat nach knapp einem Jahr im Lerncafé zwar keinen Level-Sprung gemacht“, sagt Katrin Wartenberg. „Das wäre aber auch sehr viel. Und es wäre unrealistisch angesichts der Zeit und Kraft, die jemand, der vierzig Stunden pro Woche arbeitet, investieren kann.“ Dennoch habe er sich verbessert: „Alle, die zu uns kommen, können noch etwas lernen – auch wenn es langsamer geht als in der Schulzeit.“

Das Lerncafé hat immer am Mittwoch geöffnet. Der Raum ist hell und spartanisch. Die Besucher, denen ehrenamtliche Lernpaten zur Seite stehen, sind herzlich und geschäftig. Da ist die junge Georgier­in, die für die Berufsfachschule paukt. Da ist der gekündigte 62-Jährige, der die Zeit, in der er auf einen neuen Job wartet, der wohl nicht mehr kommen wird, sinnvoll nutzen möchte. Da ist der fröhliche Uli aus den Werkstätten, der sich mit Suchbildern am Computer auf Trab hält. Und da ist ganz hinten in der letzten Reihe Patrick Hellmund.

Im Lerncafé muss sich niemand an- oder abmelden

Oft sitzt er hier in Arbeitsklamotten. Oft schafft er es gerade so ins Lerncafé: abgehetzt, fix und fertig vom Schindern auf einer Baustelle in Berlin, in Schwedt, Eisenhüttenstadt, Frankfurt (Oder). „Ich habe manchmal ganz schön zu tun, mich zu konzentrieren“, sagt Patrick Hellmund. „Ich hatte auch schon Tage, da war ich so alle von der Arbeit, dass ich angerufen und gesagt habe, dass ich nicht komme.“ Er wisse zwar, dass sich niemand im Lerncafé abmelden muss, dass man einfach aussetzen oder auch aufhören kann, wenn einem danach ist. „Aber ich finde, das ist Anstand, dass man bescheid sagt. Ich wurde gut erzogen von meinen Eltern und von meiner Oma.“

Mit der Großmutter hat er viel Zeit verbracht. Sie war es auch, die für ihn das „Mosaik“ abonniert hatte. Als Junge hat Patrick Hellmund die Comics heiß und innig geliebt – gelesen hat er sie nicht. Abends, wenn er nicht schlafen konnte, hat er den großen Koffer, in dem er die Hefte sammelte, unter dem Bett hervorgezogen und den Deckel aufschnappen lassen. Die Abrafaxe in der Neuen Welt, bei den Alten Römern, bei den Rittern... „Ich habe mir nur die Bilder angeschaut – das hat mir gereicht“, erzählt Patrick Hellmund. Neulich hat er entdeckt, dass die Stadt- und Landesbibliothek nebenan eine Mosaik-Ausstellung zeigt. Auf dem Nachhauseweg hat er einen Abstecher ins Foyer gemacht und sich dort still über die Vitrinen gebeugt. Ganz leicht hat er den Zeigefinger über das Glas streichen lassen und zum ersten Mal in seinem Leben gelesen, was in den Sprechblasen über den kullerrunden Köpfen der Abrafaxe schwarz auf weiß geschrieben steht.

In der Mosaik-Ausstellung in der Bibliothek beugt sich Patrick Hellmund still über die Vitrinen und liest zum ersten Mal in seinem Leben, was in den Sprechblasen über den Köpfen der Abrafaxe geschrieben steht. Quelle: Friedrich Bungert

Es ging ganz gut, meint Patrick Hellmund: „Mein Weg ist aber noch weit. Es dauert ganz schön lange, das aufzuholen, was mir fehlt.“ Gerade versucht er sich an „In 80 Tagen um die Welt“ von Jules Verne. „Da kenn ich den Film – vielleicht hilft das.“ Ach, wie einfach es doch wäre, sich nach Feierabend auf die Couch zu hauen! „Ich muss meinen inneren Schweinehund immer wieder besiegen – für Anna und auch für mich“, sagt Patrick Hellmund. „Ich will es in mich hineinfressen – dass ich lerne, lerne, lerne.“

Kostenfreie Nachhilfe für Erwachsene

Die Volkshochschule Potsdam bietet kostenfreie Grundbildungskurse an. Sie sind offen für Erwachsene ab 16 Jahren mit Erstsprache Deutsch und Wohnsitz im Land Brandenburg.

Die Teilnehmer können wählen zwischen „Lesen und Schreiben von Anfang an“, „Besser lesen und schreiben“, „Sicher in de Rechtschreibung“, „Englisch von Anfang an“, „Fit in Mathe“ und „Fit am Computer“. Weitere Infos dazu gibt es bei Katrin Wartenberg unter 0331/2894574.

Einfach vorbeikommen kann man im kostenfreien Lerncafé Deutsch und PC – jeden Mittwoch 16 bis 18 Uhr in der VHS, Raum 2-12.

Das Grundbildungszentrum wird gefördert vom Bildungsministerium aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Brandenburg. nf

Von Nadine Fabian

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