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„Abend über Potsdam“ überzeugt nicht

Uraufführung im Hans-Otto-Theater „Abend über Potsdam“ überzeugt nicht

Die Uraufführung des Stückes „Abend über Potsdam“ am Freitag im Hans-Otto-Theater bleibt atmosphärisch schwach. Das Gemälde von Lotte Laserstein aus dem Jahr 1930 gibt die Vorlage des Dramas, doch die stille Melancholie teilt sich in der Inszenierung nicht mit.

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Marianna Linden spielt die jüdische Künstlerin Lotte Laserstein.

Quelle: HL BOEHME

Potsdam. Ein Gemälde ist ein Idealzustand – riskant wird es, wenn man dieses Bild in Bewegung setzt. Möchte man die Mona Lisa nach dem Lächeln sehen? Und sie reden hören? Vielleicht erzählt sie, wie ihr vorhin der Fisch angebrannt ist. Oder der Fingernagel bei der Maniküre abbrach. Dann wäre Mona Lisa nur noch eine unter vielen. Eine hübsche, doch geheimnislose Frau. Das Bild wäre entzaubert.

Lutz Hübner hat mit Sarah Nemitz für das Potsdamer Hans-Otto-Theater in dessen Auftrag ein Stück zum Bild „Abend über Potsdam“ geschrieben, Lotte Laserstein hat dieses titelgebende Gemälde 1930 fertiggestellt. Knappe zwei Stunden dauert die Uraufführung am Freitag. Eine reizvolle Idee, das Bild zu dramatisieren, weil es so melancholisch wirkt. Fünf Menschen sitzen auf der Dachterrasse, der Wein ist alle, die Teller sind leer, es gibt nichts mehr zu sagen. Sie sitzen da und schweigen. Hinten Potsdam. Auch die Stadt wirkt satt, ihre gesunden Farben sinken in die Dämmerung. Drei Jahre noch bis Hitler. Lutz Hübner erzählt uns die Vorgeschichte des Bildes, teils als Fakten, teils als Fiktion. Sicher einer der Abende, auf den man sich in dieser Theatersaison am meisten gefreut hat.

Das Ergebnis überzeugt nicht. Keine bleibenden Bilder oder Kulissen werden geschaffen (Regie: Isabel Osthues, Bühne: Jeremias Böttcher), das ist ein Manko, wenn man über ein ikonografisches Gemälde spricht. Die Stimmung des Stückes addiert sich in der Summe nicht zur Melancholie, wie das Bild sie vorgibt, sondern zu einem brav ausbuchstabierten Sittenbild der Zeit. Es liegt etwas Pädagogisches über dem Stück, das in Lasersteins Gemälde glücklicherweise völlig fehlt.

Laserstein zeigt eine Form der Verschworenheit, offenbar eine Opposition gegen den Geist der Zeit. Freundschaft scheint erkennbar zwischen den Menschen, drei Frauen, zwei Männern. In dieser zugewandten Ruhe liegt das Gefühl: Draußen bricht die Zivilisation zusammen, doch wir sind beieinander und fühlen uns, bei aller Traurigkeit, geborgen. Dieser Eindruck wird im Drama nachhaltig zerstört – oder wie man heute sagt: dekonstruiert.

Im Stück gibt es die Malerin Lotte (Marianna Linden), die sich fünf Modelle sucht, die meisten haben sich zuvor noch nicht gesehen. Lotte arrangiert schnell die Bildaufteilung, fast intuitiv, doch wird sie immer wieder verwerfen und neu ordnen. Wer soll ins Zentrum, wer an den Rand?

Da ist Ernst Rose (Philipp Mauritz), ein Dramaturg, dem das Publikum davonläuft, weil es nicht mehr lachen will. Ihm zur Seite seine Frau Traute Rose (Meike Finck), eine Angestellte, sie entwickelt eine fast erotische Nähe zu Lotte. Bodo Imhoff (Florian Schmidtke) ist der Journalist, der nun für die Nazi schreibt, weil er nur bei denen Geld verdienen kann. Lise Henkel (Nina Gummich) ist eine Telefonistin, naiv und jung, sie lernt einen Nazi kennen, der Preis für seine Liebe ist der Fremdenhass. Maria Goldmann (Zora Klostermann) ist Lottes bewährtes Modell, sie wirkt lasziv und freizügig, doch als Polin ist das nicht gelitten, Goldmann endet als Diebin und Prostituierte.

Die Goldenen Zwanziger sind vorbei, die Depression weist schon voraus auf Nazi-Deutschland. Alle Facetten der Zeit sind vertreten, so wird das Drama zum Lehrstück, angereicht mit eingespielten Kommentaren aus der Wochenschau. Das ist erzählerisch eine Belastung, bemerkenswert wenig Atmosphäre steckt in dieser Inszenierung. Auf dem Bild von Laserstein sitzen keine Protagonisten, die nach Proporz aufgeteilt wären und eine Gesellschaft repräsentieren. Eher wirkt es wie eine Gruppe großbürgerlicher Außenseiter, die sich einig scheinen.

Es kann ergiebig sein, der Historie eine neue Geschichte anzudichten, Daniel Kehlmann ist das in seinem Buch „Die Vermessung der Welt“ mit einer fiktiven Begegnung von Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß gelungen, gerade hat auch die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen einen fiktiven Roman über das reale Leben der Dichterin Sylvia Plath geschrieben. Beides ging glänzend auf, unterhaltsam und klug, plausibel und kühn.

Im Stück „Abend über Potsdam“ aber bleicht das Bild, das als Ideengeber herhält, aus. Am Ende stellt sich das Gefühl ein, der Zauber des Gemäldes wurde erdrückt vom Willen, den ganz großen historischen Bogen zu spannen. Immer wieder gibt es merkwürdige Phasen der Munterkeit, die fast verplappert wirken, dann wieder demonstratives Schweigen. Beides ist zu deutlich ausgestellt. Es ist eine Inszenierung, in der sich keiner der Schauspieler profilieren kann.

Der Theaterabend möchte das Geheimnis des Bildes lüften, das kann nicht gelingen. Es hätte gereicht, die großartig matte Stimmung des Gemäldes aufzugreifen, und diesen einen Abend der ausgetrunken Flaschen und leeren Teller auf der Bühne zu skizzieren. Ohne Anspruch auf Erklärung.

Hintergrund

„Abend über Potsdam“ ist ein Stück, das Lutz Hübner für das Potsdamer Hans-Otto-Theater geschrieben hat (Ko-Autorin ist seine Frau Sarah Nemitz), es lässt sich inspirieren vom gleichnamigen Bild, das Lotte Laserstein 1930 gemalt hat und als Vorahnung der Wahl Hitlers zum Reichskanzler gilt. Regie führt Isabel Osthues.

Lutz Hübner, 53 Jahre, geboren in Heilbronn, ist einer der meistgespielten deutschen Dramatiker, er schrieb diverse Stücke, in der Spielzeit 1999/2000 wurden auf deutschen Bühnen nur Werke von Shakespeare und Goethe häufiger als die von Hübner gespielt.

Nächste Aufführungen von „Abend über Potsdam“ am Hans-Otto-Theater in Potsdam, Neues Haus: 15., 16., 28. April, 6., 17., 21. Mai. Karten unter 0331/98118.

Von Lars Grote

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