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„Abgang Seidi“ in der Fabrik

Erinnerung an den Potsdamer Künstler Sebastian Seidemann „Abgang Seidi“ in der Fabrik

Als Buzz T.S. gehörte Sebastian Seidemann Anfang der 1990er Jahre zu den Gründern der legendären Potsdamer Hip-Hop-Band PDM-Posse. Später experimentierte er mit Licht, Bildern und elektronischer Musik. Freunde und Weggefährten erinnern am Sonnabend in der Fabrik an den Potsdamer Künstler, der im Januar im Alter von 41 Jahren gestorben ist.

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Sebastian Seidemann 2005.

Quelle: Ulrike Henning

Potsdam. Die Bilder schweigen. Eine Stadt in Schwarz-Weiß mit einem Palmenhain, mit Graffiti an grauen Häuserwänden, mit einem Kirchturm unter hellen Zinnen und einer Möwe vor einem abgründigen Himmel. Daneben der einsame Schatten eines gebeugten Mannes in einem weiten Fußgängertunnel. In Langzeitbelichtung dahineilende Wolken. Container.

Für die erste Ausstellung der Reihe „Made in Potsdam“ im Januar 2013 im Waschhaus-Kunstraum programmierte Sebastian Seidemann eine Klanginstallation, die mit auf- und abschwellenden Alltagsgeräuschen eine Armada aus elf schwarzen Bootsskeletten von Chris Hinze umwehte. Und er zeigte erstmals in einer größeren Ausstellung Fotografien.

Mike Geßner, der diese Schau „über die aktuellen Entwicklungen der Potsdamer Kunstszene“ gemeinsam mit Erik Bruinenberg kuratiert hatte, erinnert sich, dass der Fotograf viel mehr Arbeiten zeigen wollte, als schließlich zu sehen waren. „Die Bilder waren alle sehr gut. Aber ich habe zu ihm gesagt: Seidi, das wäre viel zu viel. Das tut den Fotos nicht gut.“

Es gibt eine Aufnahme vom Aufbau der Ausstellung. An der Wand lehnen einige der Fotos, die sie ausgemustert haben. Davor zwei riesige Kastanienschalen aus der Installation „Aufgebrochen“ von Ilka Raupach und Sebastian Seidemann selbst in Schwarz, der etwas auf einen Hocker legt und dabei eine ähnliche Pose einnimmt wie über Jahrzehnte am DJ-Pult.

„Abgang Seidi“ steht in Großbuchstaben über dieser Aufnahme auf der Einladungskarte für den Samstagabend in der Fabrik. Mit Musik, Filmen, Bildern und Fotografien soll an einen ungewöhnlich vielseitigen und produktiven Potsdamer Künstler erinnert werden, der am 25. Januar zum Entsetzen seiner vielen Freunde gestorben ist.

Als Buzz T.S. (englisch gesprochen Basti S.) gehörte Seidemann Anfang der 1990er Jahre zu den Mitgründern von PDM-Posse, der bis heute namhaftesten Hip-Hop-Formation aus Potsdam. Seidemann hatte schon vor dem Mauerfall eigene, von Filmen wie „Beat Street“ inspirierte Bandprojekte gehabt, „als einer der ersten im Osten“, sagt Steffen Klier, der als Crystal K. bei PDM-Posse rappte.

PDM-Posse um 1993 mit Buzz TS, KS, Crystal K

PDM-Posse um 1993 mit Buzz T.S., K.S., Crystal K. und Knick Neck (v.l.n.r.).

Quelle: Steffen Klier

In Potsdam waren über die ganze Stadt verteilt verschiedene Gruppen aktiv, berichtet Klier, in der Waldstadt, am Stern, in der Innenstadt. Kennengelernt hatten sie sich auf der „Platte“ in Potsdam-West, einem betonierten Platz an der Knobelsdorffstraße. „Die Innenstadt- und Potsdam-West-Connection traf sich später bei Seidi in der Zimmerstraße.“ Die Fusion aber vollzog sich im Club 18 am Stern. 1991 gründete sich dort aus den Bands „Acca“, „Jews a Crux“, „Basement Project“ und „Fresh Boys“ die PDM-Posse. Ab 1996 erschienen mit „Madstop“, „Plus & Minus/Da Mash“ und „Last Extremeties“ in rascher Folge drei Alben.

Seidemann war als DJ und Produzent ein Perfektionist, sagt Klier: „Egal was er angepackt hat, er wollte immer ein sehr gutes Ergebnis.“ „Seidi war schon der treibende Punkt“, sagt Jens Rettig alias DJ Knick Neck: „Ohne ihn gab es PDM-Posse einfach nicht mehr.“ Als schwerwiegender Konfliktstoff erwies sich eine Trendwende im Hip-Hop: „Wir rappten auf Englisch, während alle um uns herum auf Deutsch umschwenkten. Das hatte Seidi am meisten gestört.“

Seidemanns Ausstieg 1999 und sein Wechsel zur elektronischen Musik war folgerichtig, sagt Klier: „Hip-Hop ist eine Vorstufe gewesen, der Vorbrenner. Aber das hat ihm nicht gereicht. Immer das gleiche Schema X. Kreativität passiert wo anders. Und das hat er dann mit dieser Musik machen können.“ „Er wollte nicht mehr rappen, er wollte sich auf die Kunst konzentrieren“, sagt Rettig.

Lichtinstallation am früheren Terrassenrestaurant  „Minsk“

Lichtinstallation am früheren Terrassenrestaurant „Minsk“.

Quelle: Steffen Klier

Seidemann experimentierte allein und in Projekten wie Reflector mit Licht, Musik, Geräuschen und Bildern. Er stand als DJ am Pult, als das „Minsk“ am Brauhausberg lange nach dem Aus des Terrassenrestaurants für eine Nacht in einen Lichttempel verwandelt wurde, er legte auf, als im Kino „Melodie“ in der Friedrich-Ebert-Straße Wochen nach der Schließung Ende 2001 noch einmal richtig gefeiert wurde, er gehörte zu den DJs des legendären „Spartacus“-Clubs in der Schlossstraße, arbeitete als Musiker für die Tanzcompany „Zen in the Basement“, im Waschhaus, im Kunsthaus „Sans titre“, in der Fabrik. Er produzierte unermüdlich.

Claudia Vahle, die Jahre mit ihm zusammen war, erzählt von einem harten, kontrollierten Tagesablauf. „Morgens vor dem Frühstück 200 Liegestütze und 10-Kilometer-Lauf. Er hat schon immer Klimmzüge im Türrahmen gemacht. In der Ecke stand eine Ersatzstange, falls die andere bricht. Dann Boxen. Er hat an Meisterschaften teilgenommen.“ Nach dem Sport ging er ins Studio. Zehn Alben bespielte Seidemann allein zwischen 2001 und 2010. Neben seiner Arbeit als Bühnentechniker am Hans-Otto-Theater.

Sebastian Seidemann als DJ im „Spartacus“-Club in der Schlossstraße

Sebastian Seidemann als DJ im „Spartacus“-Club in der Schlossstraße.

Quelle: Ulrike Henning

„Er war zu sehr Künstler, als dass er sich damit vermarkten wollte“, sagt Jens Rettig. Den Konflikt gab es schon bei PDM-Posse. Als ein Radiosender der Band eine Clubtour anbot, war es Seidemann, der nicht unterschrieb. „Er hat sich selber ausgebremst mit einer Plus-Minus-Liste“, sagt Steffen Klier: „Und die Minus-Seite war immer viel länger.“ Claudia Vahle erinnert sich an einen Auftrag: „Sie haben gesagt, spiel doch mal das schöne Lied. Aber ein schönes Lied gab es nicht, durfte es nicht geben, denn das war keine Kunst. Er hat das fertige Stück genommen und mit so aggressiven Bässen unterlegt, dass es kaum noch zu erkennen war.“

Auch David Burkhardt, ein langjähriger Freund, berichtet von Zerrissenheit: „Er hat CDs produziert in Massen. Einmal hat er sie auf dem Boden ausgeschüttet und ist darauf rumgetrampelt. Alles umsonst. Dabei waren die richtig gut.“ Klier kannte diesen Selbstzweifel bereits von PDM-Posse: „Er war immer unsicher bei Aufnahmen. Wenn etwas nicht perfekt schien, hieß es: Weg damit, noch mal. Er hat sich zu sehr hinterfragt, um den großen Sprung zu schaffen.“

Am Donnerstag wäre Sebastian Seidemann 42 Jahre alt geworden. Unter www.sebastian-seidemann.de steht im Internet eine Sammlung mit Musik und Fotografien von ihm. Steffen Klier will die Seite neu aufbauen. Am Sonnabend in der Fabrik werden sechs DJs auflegen. Neben René Löwe, Marco Phono und Lerchvin kommen die drei PDM-Posse-Veteranen Knick Neck, Crystal K. und K.S. alias Kay Schröder, die erstmals seit Jahren wieder zusammen auftreten. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr.

Von Volker Oelschläger

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