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Abschied ohne Allüren

Der „Lotto-König“ geht nach 16 Jahren Abschied ohne Allüren

Lotto-Geschäftsführer Horst Mentrup verzichtete vor seinem Ruhestand auf einen Riesenempfang – stattdessen gab es unter anderem Südtiroler Käse für die Mitarbeiter. Im MAZ-Gespräch erklärt Mentrup, warum man ihn in all den Jahren nie aktiv am Spieltisch gesehen hat und welche Sorgen er wegen illegaler Lotterien im Internet hat.

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Horst Mentrup.

Quelle: Stefan Gloede

Babelsberg . Das Haus, in dem das Glück – zumindest das finanzielle – wohnt, ist ein schmuckloser weißer Bau im Kastenformat. Der Sitz der Land Brandenburg Lotto GmbH (LBL) und der Brandenburgischen Spielbanken GmbH, zu der die beiden Casinos in Potsdam und Cottbus gehören, steht in der Babelsberger Steinstraße in einem Bürokomplex.

Auch das Büro von Horst Mentrup – seit April 2001 Geschäftsführer der beiden Gesellschaften – hatte wenig Ähnlichkeit mit dem, was sich fantasievolle Gemüter unter der Schaltzentrale eines „Lotto-Königs“ vorstellen: Kein Las-Vegas-Bling-Bling, keine gerahmten Euro-Scheine an den Wänden, keine Statuette von Dagobert Duck als ironische Hommage ans große Geld. Hinter dem Schreibtisch hing moderne Kunst vom Cottbuser Maler Hans Scheuerecker. Am vergangenen Freitag hat Horst Mentrup seinen Computer das letzte Mal herunter gefahren und die Schlüssel abgegeben. Ein Riesenempfang zum Abschied? Fehlanzeige. „Der Geschäftsführer der bayrischen Lottogesellschaft hat zu seinem Abschied in die Münchner Residenz eingeladen“, erzählt Mentrup schmunzelnd. So etwas wäre nicht seine Welt. Stattdessen gab es eine Feier für die Mitarbeiter. Der Chef kredenzte unter anderem seinen Südtiroler Lieblingskäse zusammen mit Brot, das seine Frau gebacken hatte.

Das Glück ist bisweilen eine Kugel

Das Glück ist bisweilen eine Kugel.

Quelle: Regormark - Fotolia

Horst Mentrup – geboren 1952 im westfälischen Ahlen als Sohn eines Maurers, studierter Volkswirt und promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler – ist keiner, der die große Show liebt. Zurückhaltend, sehr korrekt. So hat er in all den Jahren auch nie einen „seiner“ Lottogewinner kennengelernt. Denn diejenigen, denen die Glücksgöttin hold war, sollen möglichst privat bleiben. „Was den persönlichen Kontakt angeht, ist das auf zwei Leute beschränkt.“ Diese zwei eigens dafür geschulten Mitarbeiter beraten die Neo-Reichen – falls gewünscht – darin, wie man am weisesten mit der neuen Lebenssituation umgehen sollte.

Schon 1763 unterzeichnete Friedrich II

Schon 1763 unterzeichnete Friedrich II. ein „Patent, die Königlich Preußische Lotterie betreffend“.

Quelle: Peter Geisler

91 Lottomillionäre gab es in Brandenburg, seitdem Anfang 1991 die LBL gegründet wurde. Die berühmten Männer mit den Geldkoffern, die alles frei Haus liefern, sind allerdings eine Legende. Überweisungen sind bei solchen Größenordnungen die Regel. „Aber Summen bis 30 000 Euro holen sich die Menschen manchmal durchaus selbst bei uns ab“, erzählt Mentrup, dem die Laufbahn als Fortunas Vollstrecker nicht direkt in die Wiege gesungen war.

In den Vorwendejahren war er in der Bonner Republik im Bundesfinanzministerium tätig. Ende 1990 kam er nach Potsdam. Er begleitete die „intensiven, unglaublich spannenden“ Aufbaujahre im Finanzministerium brachte es sogar bis zum Staatssekretär. Als dann jedoch Ministerin Dagmar Ziegler (SPD) ins Amt kam, stellte sich bald heraus, dass nicht jede berufliche Zusammenarbeit ein Sechser im Lotto ist. Über die Gründe, warum er damals – mit 49 Jahren! – in den Ruhestand versetzt wurde, will Mentrup heute nicht mehr sprechen.

Die Spielbank an der Breiten Straße beim Potsdamer Lichtspektakel im November 2017,

Die Spielbank an der Breiten Straße beim Potsdamer Lichtspektakel im November 2017,

Quelle: Bernd Gartenschläger

Dass er in dem Alter nicht nur seinen Hobbys – Bergwandern, Fotografieren – nachgehen wollte, war klar. Und weil das Leben kein Roulette-Tisch ist (Rien ne va plus! Nichts geht mehr!), tat sich die Chance bei der Lotto-Gesellschaft und der Spielbanken GmbH auf. Und so begann das zweite berufliche Leben des Horst Mentrup, das für den Laien so schön nach Glamour und nach durchgefeierten Nächten im Casino klingt. Doch auch das ist nichts als Klischee. Die Brandenburger Spielbanken in Potsdam und Cottbus darf der oberste Chef laut Vorschrift zwar betreten, aber selbst nicht spielen. Allerdings wäre das wahrscheinlich ohnehin nur ein finanzielles Verlustgeschäft gewesen – jedenfalls wenn man dem alten Spruch „Pech im Spiel, Glück in der Liebe“ glaubt. Denn das Liebesglück hat Mentrup sicher gefunden. Mit seiner Frau ist er seit Studienzeiten zusammen; die drei erwachsenen Kinder und die Enkelkinder sind ein Quell der Freude und des Stolzes.

Blick auf einen Spieltisch in der Spielbank Jokers Garden in Potsdam

Blick auf einen Spieltisch in der Spielbank Jokers Garden in Potsdam.

Quelle: Köster

Eine der beiden Töchter, die in Berlin lebt, ist zum jüdischen Glauben übergetreten – sicher mit ein Grund dafür, dass Mentrup sich für die Jüdische Gemeinde in Potsdam engagierte und sogar 2007 den Vorsitz im Bauverein der Synagoge übernahm. Als die innerjüdischen Querelen um den Bau dann aber eskalierten, zog er sich von dem Amt zurück. Nach wie vor verfolgt er aber das Tauziehen um das ins Stocken geratene Projekt. Dass das Land 2015 die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (Zwst) als Trägerin der Synagoge aus dem Hut gezaubert hat, findet er allerdings nicht zielführend. „Das muss eine religiöse Einrichtung machen; keine soziale wie die Zwst“, findet er.

Horst Mentrup im Jahr 2007 als neuer Vorsitzender des Bauverein Neue Synagoge

Horst Mentrup im Jahr 2007 als neuer Vorsitzender des Bauverein Neue Synagoge.

Quelle: Christel Köster

Während die Synagogen-Baustelle in der Schlossstraße nun seit sieben Jahren brach liegt, gehen auch im Lotto-Reich die Zeiten zu Ende, als Milch und Honig flossen. „Im Internet gibt es sogenannte schwarze Lotterien, die von Malta oder Gibraltar aus Wetten auf deutsches Lotto anbieten – wer auf die reinfällt, merkt in der Regel gar nicht, dass er gar nicht in Deutschland spielt.“

Die Zugangshürden bei den schwarzen Schafen sind sehr niedrig - anders als beim Internet-Auftritt der staatlichen Lottogesellschaften. Außerdem sind ihnen in Sachen Werbung keine Schranken gesetzt. Was Mentrup und seine Co-Geschäftsführerin Anja Bohms an dem unlauteren Wettbewerb besonders ärgert: Durch das illegale Spiel geht dem Land viel Geld verloren. „Von einem Euro, den jemand einsetzt, gehen 17 Cent als Steuer in den Landeshaushalt und 20 Cent als Lottomittel in den Breitensport und an einzelne Ministerien.“ 17 Millionen Euro jährlich bekommt der Breitensport aus der Lottoquelle.

Als Privatmann setzt Mentrup seine Lotterie-Kreuzchen beim Euro-Jackpot. Der Einsatz: 16,50 Euro pro Woche. Keine Niete wird auf jeden Fall das Jahr 2018: Zuerst geht’s in den Winterurlaub und im Mai nach Venedig zur Hochzeit seines Sohnes, der in der Lagunenstadt lebt.

Wetten auf seinen Nachfolger beziehungsweise seine Nachfolgerin würde Mentrup derzeit allerdings wohl nicht machen. Eine erste Ausschreibung ist vom Aufsichtsrat ohne Ergebnis abgebrochen worden; jetzt wird die Suche neu gestartet.

In Brandenburg gibt es 91 Lotto-Millionäre

Die Land Brandenburg Lotto GmbH wurde 1991 gegründet in einem Container mit zehn Mitarbeitern.

Seit damals gab es 91 Lotto-Millionäre in Brandenburg. Der bislang höchste Gewinn waren 20,6 Millionen Euro, die ein Potsdam-Mittelmärker im August 2011 ausgeschüttet bekam.

Zahlenlotto wurde im 16. Jahrhundert in Genua erfunden. Friedrich II. unterzeichnete 1763 ein Lotterie-Patent.

Von Ildiko Röd

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