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Adam, Eva und die Weide

MAZ-Serie: Kunst im öffentlichen Raum von Potsdam Adam, Eva und die Weide

Die fünfeinhalb Meter hohe Stahlskulptur „Adam und Eva“ von Rainer Fürstenberg zieht selbst bei miesestem Wetter alle Blicke auf sich und es ist schier unmöglich, die überlebensgroßen Plastiken vor der Weidenhof-Grundschule am Schlaatz zu übersehen.

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Adam und Eva sind Teile einer großen Stahlskulptur des Künstlers Rainer Fürstenberg vor der Weidenhof-Grundschule im Schlaatz.

Potsdam. Eine der ästhetischsten Skulpturengruppen Potsdams wurde 2006 im Wohngebiet Schlaatz, direkt vor dem Eingang zur Weidenhof-Grundschule, aufgestellt. Unerwartet, wie eine Fata-Morgana, taucht sie plötzlich hinter den gleichförmigen Plattenbaufassaden und den endlosen Reihen der geparkten Pkw auf. Die fünfeinhalb Meter hohe Stahlskulptur „Adam und Eva“ von Rainer Fürstenberg zieht selbst bei miesestem Wetter alle Blicke auf sich und es ist schier unmöglich, die überlebensgroßen Plastiken zu übersehen. Ihre Edelstahl-Oberflächen glänzen und blinken unabhängig von Jahres- und Tageszeit und lenken die Schritte der Neugierigen in Richtung Schulgebäude.

Aber sind das wirklich Adam, Eva und ein Apfelbaum, wie wir sie von so vielen Paradies-Darstellungen kennen? Die Gedanken der meisten Passanten und erst recht die der Schüler scheinen jedenfalls fernab der biblischen Geschichten. Dieser Baum ist offensichtlich weder ein Baum des Lebens noch der Erkenntnis. Er trägt keine Früchte. Es ist auch keine Schlange zu entdecken, die sich um seinen Stamm schlängelt. So lässt sich dieser Baum, trotz seiner metallischen Oberfläche, kinderleicht und ohne jegliche botanischen Spezial-Kenntnisse als schlichte brandenburgische Weide ausmachen. Da im Umfeld der drei Plastiken weder Titel noch der Name des Künstlers zu entdecken sind, fehlen der Skulptur die üblichen Interpretationshilfen. Deshalb nehmen Passanten und Schüler das, was sie sehen, für das, was es ist. Der 16-jährige Enriko, der in der Nähe wohnt und hier zur Schule ging, beantwortet die Frage nach der Bedeutung der Skulpturen jugendgemäß schnörkellos: „Ich würde sagen, dass es eine Weide und zwei Schüler sind“. Deutlich poetischer, aber noch knapper, fällt das Lob des achtjährigen Alex aus: „ Schöööön“ sagt er sichtlich angetan. Dann macht er eine Pause, guckt noch einmal auf die Figuren und ergänzt sein Kompliment bedeutsam: „Ich finde, die sind wie normale Menschen.“ Der Junge kennt augenscheinlich in der Mehrzahl Figuren, die keine normalen Menschen sind.

Plastiken, die ohne Erklärungen berühren

Tatsächlich sind Fürstenbergs Plastiken und Installationen stets so beschaffen, dass sie Menschen, vom Kleinkind bis zum Greis, ganz ohne Erklärung gleichermaßen berühren. Es scheint, als ob es Fürstenberg bei seinen Kreationen gar nicht auf die richtige Deutung seiner Kunst sondern hauptsächlich auf das Staunen ankommt. Dies gilt für alle seine Kreationen von der kleinsten sechs Zentimeter hohen Miniatur bis zur spielfeldgroßen Installation.

So spektakulär und voller überbordender Lebensfreude viele seiner Arbeiten auch sind, so unspektakulär und tragisch gestaltete sich seine Biografie. Der 1961 in Potsdam geborene Künstler erlernte das Schlosserhandwerk und studierte von 1990-1995 an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle. Dort machte er sein Diplom im Fachbereich Metallplastik. Bereits davor war er einer der Pioniere des Kulturstandorts Schiffbauergasse und ab 1998 sogar Vorsitzender des Kunsthaus Strodehne Vereins. Wer die Aktivitäten des Vereins im Kunsthaus des nordbrandenburgischen Dorfs Strodehne kennt, weiß auch, dass die Kinder der Künstler in den dort gelebten Projektalltag mit einbezogen waren.

Der Bildhauer war für seine Schulprojekte bekannt

Auch Fürstenbergs Adam und Eva stehen nicht zufällig vor einer Schule. Der Bildhauer war für seine Schulprojekte bekannt. So hatte er zuvor für die Peter Joseph Lenné-Schule im Zentrum-Ost ein verspielt bunt bemaltes Tor samt Zaun als Hommage an den spanischen Maler Joan Miro geschaffen und die Schüler in das Projekt mit einbezogen. Fürstenbergs Plastiken sind meist voller Humor, ausufernder Phantasie und Verspieltheit, wobei „Adam und Eva“ eher zu den Arbeiten gehört, die einer zeitlosen Ästhetik verpflichtet sind.

Seine Kraft aber hat der Künstler darauf verwendet, gegen die Düsternis, die ihn oft umgab, anzukämpfen. Am 30. Mai 2013 gab er den Kampf verloren und wählte den Freitod. Er ist auf dem Bornstedter Friedhof begraben.

Die Kunst von Rainer Fürstenberg

Rainer Fürstenberg ist der Schöpfer unzähliger Plastiken im öffentlichen Raum. Seine Arbeiten stehen in Berlin, Potsdam, Lübben, Frankfurt (Oder), Stade, Strodehne und Eisenhüttenstadt.

Potsdamer Standorte sind: Lenné-Gesamtschule („Hommage an Joan Miró“), Freie Schule („Von zarter Gestalt“), Weidenhof-Grundschule am Schlaatz („Adam und Eva“), vor dem Nikolaisaal („Auftakt“) und („Nik“), Neuer Markt Ratswaage („Waage“), Lustgarten Neptun-Becken („Neptuns Triumpf“).

MAZ-Autor Lothar Krone stellt in seiner Serie „Bewegende Standbilder“ die Kunst im öffentlichen Raum Potsdams vor. Erschienen sind bisher „Skulpturen auf dem Sims“ (29.11.), „Tanzpaar im Grünen“ (3.1.), „Das doppelte Marmorrätsel“ (16.1.), „Flugschiffs stürmische Reisen (20.1.), „Ein außergewöhnlicher Künstler“ (27.1.) und „Der Stein des Anstoßes“ (8.3.).

 

Von Lothar Krone

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