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AfD-Kandidat Springer in Doppel-Mission unterwegs

Bundestagswahlkreis 61 AfD-Kandidat Springer in Doppel-Mission unterwegs

René Springer führt als persönlicher Referent des AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland und als AfD-Direktkandidat des Bundestagswahlkreises 61 einen doppelten Wahlkampf. Politische Provokationen gehören aus Sicht des 38-Jährigen zum politischen Geschäft. „Für mich ist die Grenze die freiheitlich-demokratische Grundordnung“, sagt Springer

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AfD-Kandidat René Springer auf der Potsdamer Freundschaftsinsel.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. René Springer führt zwei Wahlkämpfe. Als persönlicher Referent unterstützt der 38-Jährige Alexander Gauland, einen der beiden Spitzenkandidaten der AfD zur Wahl des Bundestages. Er selbst ist Direktkandidat im Wahlkreis 61, auf der AfD-Landesliste steht er auf dem dritten Platz.

Wir treffen uns auf der Freundschaftsinsel, einem Ort, den er als Mitarbeiter im Landtag gegenüber zufällig für sich entdeckt hat, wie er sagt: „Irgendwann bin ich mit meinem Pausenbrot hergekommen.“ Vieles hier erinnere ihn an seine Jugend. Als Kind sei er oft im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde gewesen. Und man könne „schon das Gefühl haben, als seien die Tier- und Menschenbronzen dort weggenommen und hier hingestellt worden“.

Aufgewachsen ist Springer als ältestes von drei Geschwistern im Ost-Berliner Plattenbauviertel Marzahn. Die Mutter war Buchhalterin beim „Delikat“-Handel, der Vater Installateur. „Meine Eltern waren unpolitisch“, sagt er. „Ich hatte eine unbeschwerte Kindheit.“ Nach der Schule ging Springer zur Marine. In Bremerhaven erlernte er den Beruf eines Elektronikers, dann diente er zwei Jahre an Bord des Zerstörers „Mölders“. Von 2002 bis 2009 unterrichtete Springer nach Meisterausbildung und Abend-Abitur an der Marinetechnikschule Stralsund.

Desillusionierende Erfahrungen einer 193 Tage dauernden Abordnung nach Afghanistan 2006 und 2007, darunter „massive Korruption“, nennt er als einen der Gründe, die ihn schließlich zur AfD brachten. Zunächst jedoch engagierte Springer sich in der SPD. Starke Männer mit Charisma hatten ihn 2004 in die Reihen der Sozialdemokratie gezogen. Bundeskanzler Gerhard Schröder, den er aus der Ferne verehrte. Erwin Sellering, von 2008 bis 2017 Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, der Mitglied in seinem Greifswalder Ortsverein war. Dass Springer der SPD 2009 den Rücken kehrte, begründet er mit Schröders Agenda 2010, die er vorher nicht durchschaut habe, aber auch mit kommunalpolitischen Enttäuschungen wie der Fortsetzung einer SPD-CDU-Kooperation, die vor der Wahl 2009 ausgeschlossen worden sei.

Trotz Politikverdrossenheit studierte er Politikwissenschaften in Greifswald: „Es war die analytische Ebene, die mich interessierte.“ In Greifswald lernte er Stefan Hein kennen, den Sohn der Lebensgefährtin Alexander Gaulands. Nach dem Studium lebten sie zeitweise in einer WG in Babelsberg.

Im September 2014 trafen sich Springer und Gauland erstmals im Restaurant „Il Teatro“ in der Schiffbauergasse. Zwei Monate später wurde er Gaulands persönlicher Referent. In dieser Funktion ist Springer, der mit seiner Freundin in Babelsberg wohnt, auch für den Wahlkampf des Spitzenkandidaten zuständig: „Ich mache quasi alles.“ Dass er daneben noch einen eigenen Wahlkampf führe, das „funktioniert gar nicht“, sagt Springer: „Mein Fokus ist ganz klar Gauland.“

Springer schreibt Reden für Gauland, der fügt gern etwas hinzu

Auch beim Redenschreiben unterstütze er ihn. Von der umstrittenen Äußerung zur Integrationsbeauftragten der Bundesregierung Ende August im Eichsfeld hätte er dem Spitzenkandidaten abgeraten: „Ich hätte nicht ,entsorgen’ geschrieben.“ Im Mai hatte Ayman Özoguz im Tagesspiegel erklärt, eine spezifisch deutsche Kultur sei jenseits der deutschen Sprache „schlicht nicht identifizierbar“. Gauland habe seine Rede dazu schon „zig Mal gehalten“, sagt Springer: „Und er setzt dann immer hinten was dran. Normalerweise: Diese Frau gehört nicht in dieses Amt. Im Eichsfeld hat er ,entsorgen’ dazu gedichtet. Das war aber nicht absichtlich platziert. Das war keine geplante Provokation.“ Letztlich sei dadurch „eine Debatte angestoßen worden über das, was Frau Özoguz inhaltlich gesagt hat“.

Wie weit darf Provokation gehen? „Für mich ist die Grenze die freiheitlich-demokratische Grundordnung“, sagt Springer: „Und für mich ist auch Rassismus eine Grenze.“ Es gebe „sprachliche Grenzen, mit Sicherheit“: „Aber wenn wir eine freiheitlich-demokratische Grundordnung haben wollen, müssen wir diesen Raum politisch auch maximal ausnutzen.“

Die Demonstrationen der islamfeindlichen Pogida in Potsdam habe er „nur ganz am Rande wahrgenommen“, sagt Springer: „Man muss aufpassen, dass man zwar eine politische Plattform ist für diese Menschen. Pegida, Bramm, die können uns wählen. Das heißt aber nicht automatisch, dass wir uns mit ihnen gemein machen.“ Am letzten Sonnabend, als Gauland in der Nürnberger Meistersingerhalle und AfD-Rechtsaußen Björn Höcke vor dem Potsdamer Filmmuseum sprach, lag der Kandidat krank im Bett. Sonst wäre er bei Höcke gewesen. Allerdings nicht als Redner. „Man hat mich nicht konkret gefragt.“

An die Öffentlichkeit geht Springer selten

Nach dem skandalösen Höcke-Zitat über die Fortpflanzung der Afrikaner war Springer gegen ein Parteiausschlussverfahren: „Das Ausloten des Sagbaren als Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie kann nicht dazu führen, dass wir jemanden aus der Partei ausschließen, der etwas sagt, was vielleicht gegen den guten Geschmack verstößt, aber nicht gegen die Strafgesetze, nicht gegen die Verfassung.“ Mit dem Ausschluss von Höcke „würden wir wahrscheinlich unseren Markenkern zerstören“.

Er selbst habe „ein sehr gutes Wahlkampfteam“, sagt Springer, das Flyer verteile und Plakate hänge. An die Öffentlichkeit geht er kaum. Seine einziges Thema im August: die Moschee am Kanal: „Vom Konzept der Kundgebungen sind wir weggekommen, weil wir gemerkt haben, dass die Menschen Angst haben, da hinzugehen.“ Auf der Internetseite Springers ist neben mehreren Reden ein Antrag zum Wahlprogramm der AfD dokumentiert. Unter dem Titel „Den Sozialstaat des 21. Jahrhunderts neu denken“ plädierte er für eine Diskussion zur Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Er hat diesen Antrag wieder zurück gezogen.

Elf Kandidaten im Wahlkreis 61

Im Bundestagswahlkreis 61 , der neben Potsdam noch sieben Gemeinden aus Potsdam-Mittelmark und eine Gemeinde aus dem Kreis Teltow-Fläming umfasst, kandidieren elf Kandidaten für das Direktmandat.

Die Kandidaten:

– Saskia Ludwig (CDU)
– Manja Schüle (SPD)
– Norbert Müller (Die Linke)
– René Springer (AfD)
– Annalena Baerbock (Grüne/B90)
– Linda Teuteberg (FDP)
– Irene Kamenz (Freie Wähler)
– Mario Berrios Miranda (DKP)
– Bettina Franke (Die Partei)
– Edmund Müller (Gerechtigkeit für Trennungsväter und Justizreformen)
– Andreas Schramm (Piraten)

Die MAZ stellt in loser Folge Kandidaten vor. Reihenfolge und Autoren wurden ausgelost.

Von Volker Oelschläger

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