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Potsdam „Alkoholismus ist eine Familienkrankheit“
Lokales Potsdam „Alkoholismus ist eine Familienkrankheit“
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13:49 28.03.2017
Alkoholkrankheit kann ganze Familien zerstören. Quelle: foto: Fotolia
Potsdam

Dass sich von heute auf morgen etwas verändert, daran hat Sabine (74) noch nie geglaubt. Dass es Jahre, ja Jahrzehnte braucht, sich von den Problemen eines geliebten Menschen zu lösen und den eigenen Weg zu gehen, das hat sie dennoch erst lernen müssen. Sabines Mann ist Alkoholiker. „Und so wie der Alkoholiker um die Flasche kreist, kreist der Angehörige um den Alkoholiker“, sagt sie. „Alles richtet sich nach ihm – er ist immer der Mittelpunkt.“ Sabine hat in der schweren Zeit funktioniert – an sich gedacht hat sie damals nie, das hat sie beinahe zerstört. „Man klammert sich an jede Hoffnung“, sagt sie. Besser wurde es daheim erst, als Sabine auf Al-Anon stößt, eine Selbsthilfegruppe für die Angehörigen von Alkoholikern. Das war 1993. Heute besucht Sabine die Meetings noch immer regelmäßig. „Al-Anon“, sagt sie, „ist für uns ein Lebensprogramm.“ 2017 besteht Al-Anon in Deutschland 50 Jahre. Sabine und ihr Mann feiern im nächsten Jahr 40. Hochzeitstag. Der MAZ hat sie – mit dem Einverständnis ihres Mannes – über den langen Weg zu sich selbst berichtet. Da Al-Anon anonym ist, nennen auch wir Sabine nur beim Vornamen.

Bitten und Betteln – aber nichts half

Ich bin die Angehörige eines Alkoholikers. Als solche habe ich bestimmte Strukturen, die gut zu den Suchtstrukturen des Alkoholikers passen. Deshalb heiratete ich ein zweites Mal einen Alkoholiker, ohne es vorher gewusst zu haben. Es war eine schlimme Zeit, als mein Mann noch trank. Er war der Autoritäre, der aggressiv und laut redete, sich durch das Trinken aber kaum im Familienleben einbrachte. Ich war diejenige, die einesteils Verantwortung für unsere vier Kinder übernahm und sich andererseits für den Alkoholkonsum und für sein Verhalten verantwortlich fühlte. Alles versuchte ich, ihn vom vielen Alkoholtrinken abzubringen. Mich plagten Schuldgefühle. Weder das Wegschütten des Alkohols aus versteckten Flaschen, noch das Verdünnen, das Bitten und Betteln, weniger zu trinken – nichts half. Heute weiß ich, jeder Alkoholiker kann nur dann mit dem Trinken aufhören, wenn er seinen Tiefpunkt erreicht hat und selbst aufhören will. Weniger zu trinken nützt nichts. Das Suchtgedächtnis kann nur zum Stillstand kommen, wenn rigoros ein Schlussstrich gezogen wird.

Mit dem Tiefpunkt ist es bei uns Angehörigen ähnlich. Auch ich bin erst in eine Al-Anon Gruppe gegangen, als ich nicht mehr weiter wusste. Ich war verzweifelt, fühlte mich hilflos und war hoffnungslos. Meine Kräfte waren am Ende. Eine schwere chronische Krankheit nahm mir die Luft zum Atmen. Ich hatte kein Selbstwertgefühl mehr.

Wie konnte es nur weitergehen mit unserer Familie, in der doch auch die Kinder unter der Alkoholkrankheit des Vaters litten? Konnte ich mich aus dieser Beziehung lösen, um aus dem Teufelskreis herauszukommen? In der Zeitung las ich, dass es hier in Potsdam eine Gruppe für Angehörige und Freunde von Alkoholikern gibt. Mein Entschluss stand fest – ich gehe zu dieser Gruppe.

Erstmalig überließ ich meinem Partner die Entscheidung, ob er dort zu den Anonymen Alkoholikern (AA) gehen wollte oder nicht; mir war das egal. So sagte ich es ihm dann auch. Sonst hatte ich ihn immer wieder gebeten, sich bei Therapeuten und Ärzten Hilfe zu holen. Diesmal überließ ich es ihm, für sich selbst eine Lösung finden.

An besagtem Samstag fuhr ich zu Al-Anon und – erstaunlicherweise – fuhr mein Mann mit zu den Anonymen Alkoholikern. Ich wollte von den Menschen in Al-Anon nur die Antwort haben, ob und wie ich mich trennen kann. Es kam anders. Die Frauen dort nahmen mich herzlich auf. Sie ermunterten mich zum Sprechen, hörten mir zu und erzählten, wie sie als Angehörige mit dem Problem umgingen. Endlich konnte ich mich öffnen, auch viele Tränen fließen lassen. Meine Fragen wurden nicht beantwortet, es passierte etwas Besonderes: Ich fühlte, da waren Menschen, denen ich mich anvertrauen konnte, in jeder Lage. Das bewog mich, die Meetings weiter regelmäßig zu besuchen. In Al-Anon ist es wie in einem Selbstbedienungsladen – jeder nimmt sich für seinen Weg, was er von den Erfahrungen der anderen brauchen kann. Ich konnte mich ändern und mein Mann sich ebenfalls. Wir beide nutzen noch heute die Möglichkeit, uns immer wieder in den Meetings auszurichten.

Für mich begann mit Al-Anon ein neuer, schöner Lebensabschnitt. Heute freue ich mich auch darüber, dass ich meine Erfahrungen in der Gruppe weitergeben kann. Ja, durch diejenigen, die vor mir in Al-Anon da waren, erlebte ich, dass Erfahrung, Kraft und Hoffnung weitergegeben werden und dem Wohl des Einzelnen dienen. Die Al-Anon Literatur, die ich in der Gruppe vorfand, half mir auch weiter.

So fand ich den Weg in mein neu begonnenes Leben. Nie hätte ich während der Alkoholzeit gedacht, dass ich mit meinem Mann zusammen alt werden könnte. Heute sind wir beide sogar glücklich miteinander. Wir vertrauen einander, mühen uns, ehrlich Probleme zu lösen, sind rücksichtsvoll und sehr dankbar, dass wir diese Zeit erleben dürfen. Und wie schön ist es, dass jetzt nicht nur ich in guter Verbindung zu unseren Kindern stehe, sondern auch mein Partner diese enge Verbindung hat!

Mir ist es wichtig, viele Angehörige zu informieren, dass es Al-Anon gibt und wo unsere Gruppen zu finden sind. Um ihnen Hoffnung zu geben, dass es einen Ausweg aus der Alkoholkrankheit geben kann, erzählte ich von meinem Weg.

Hilfe für Angehörige

Die Al-Anon Familiengruppen unterstützen all diejenigen, deren Leben jetzt oder in der Vergangenheit durch das Trinken eines anderen belastet worden ist, egal ob derjenige noch trinkt oder aufgehört hat.

Vor mehr als 60 Jahren in den USA gegründet, arbeitet Al-Anon inzwischen weltweit. In Deutschland ist Al-Anon seit 50 Jahren aktiv, hier gibt es etwa 600 Selbsthilfegruppen.

In Potsdam trifft sich die Al-Anon-Gruppe jeden Samstag um 16.30 Uhr im Gemeindezentrum in der Anni-von-Gottberg-Straße 14 (Tram 96, Haltestelle Am Hirtengraben). Jeder Betroffene kann dazu kommen – ohne Anmeldung, ohne Kosten.

Von Nadine Fabian

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